Buchcover: Bernhard Schlink - "Der Vorleser"
Diogenes Verlag
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Roman - Bernhard Schlink: "Der Vorleser"

Bewertung:

Der inzwischen emeritierte Jurist und noch immer sehr erfolgreiche Autor Bernhard Schlink, der kürzlich mit seinem Roman "Olga" wieder die Bestenlisten stürmte, feiert jetzt seinen 75. Geburtstag. Zum "Wiederlesen" empfiehlt Frank Dietschreit den Roman, mit dem Schlink sich in die Riege der ganz großen internationalen Autoren einreihte: "Der Vorleser".

Bernhard Schlink, einer der auflagenstärksten deutschsprachigen Schriftsteller, ist eigentlich Jurist. Er hat Fachbücher verfasst, war Richter und lehrte an der Berliner Humboldt-Universität Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie. Irgendwann begann er, quasi in der Freizeit, zunächst Krimis, später Romane zu schreiben.

Im Buch "Der Vorleser" hat ein 15-jähriger Junge eine erotische Beziehung zu einer mehr als 20 Jahre älteren Frau, die Aufseherin in einem KZ und für den Tod vieler Menschen mitverantwortlich war: einvernehmlicher Sex eines Minderjährigen mit einer Nazi-Täterin, die kein Monster, sondern einfach nur ein Mensch ist.

Der Roman behandelt gleich mehrere Tabu-Brüche

Und doch löste er bei seinem Erscheinen 1995 keinen Skandal aus: Denn die Zeit war reif für eine politisch differenziertere, moralisch vorurteilsfreiere und literarisch subtilere Sicht auf Verstrickungen und Verdrängungen in den Nazi-Wahnsinn und den Holocaust, auf Schuld und Sühne eines jeden einzelnen.

Imre Kertész hatte im "Roman eines Schicksallosen" beschrieben, wie er als Kind mit einer fast verspielten Naivität die Vernichtungslager überlebte. Roberto Benigni macht in seinem Film "Das Leben ist schön" das Überleben im KZ zu einer Tragikomödie: Immer aufs Neue wird die von Adorno aufgeworfen Frage gestellt, ob es nach Auschwitz überhaupt noch möglich ist, Gedichte zu schreiben und ob man das Unbegreifliche überhaupt künstlerisch erfassen, darstellen und erklären kann. Dass die verbotene erotische Beziehung zwischen dem 15-jährigen Michael Berg und der 21 Jahre älteren Hanna Schmitz keinen Aufschrei des Entsetzens auslöst; dass es nicht zu moralischer Verdammnis kommt, wenn der zum Jurist gereifte Michael einige Jahre danach beim Besuch der Auschwitz-Prozesse seine frühere Geliebte als eine der Angeklagten erkennt, die er erst neugierig beobachtet und der er später sogar einige von ihm besprochene Literatur-Kassetten ins Gefängnis schickt, liegt ja vor allem daran, dass Schlink ein dezenter Erzähler ist, der in den erotischen Szenen keinen Voyeurismus zulässt und bei den komplizierten politisch-juristischen Debatten über Schuld und Unschuld keine Wertung vornimmt, sondern alles was geschieht und gedacht wird, nur andeutet und es dem Leser überlässt, sein eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Überdies will der Roman sich auch gar nicht an Tabus und Skandalen weiden, sondern etwas thematisieren, was wie ein Krebsgeschwür die ganze Nachkriegsgesellschaft befallen hatte und jede Debatte über Scham und Schande im Keim erstickte: Apathie und die Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit zu trauern, eine Gefühllosigkeit, die zum Verstummen und Verdrängen führte.

Verstecken hinter den Lebensgeschichten der literarischen Personen

Schon die Abfolge des von Michael und Hanna gepflegten Rituals - "Vorlesen, Duschen, Lieben" - kann man als dreifache Metapher für die Sprachlosigkeit der ganzen Gesellschaft in den 1950er Jahren verstehen: Das "Duschen" als Akt der Reinigung, das "Lieben" als Akt der Erlösung, das "Vorlesen" als ein sprachliches Betäubungsmittel: Denn anstatt ihre Lebensgeschichten auszutauschen, tauchen die beiden Liebenden ab in die Lebensgeschichten literarischer Personen: so brauchen sie nicht selbst Worte finden und eigene Gefühle äußern. Hanna wehrt jeden Versuch Michaels ab, etwas von sich preiszugeben: sie bleibt ein wortloses Geheimnis für ihn, das plötzlich aus seinem Leben verschwindet, nach Jahren wieder auftaucht und alles in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Auch mit seinen Eltern redet Michael nie darüber, wie sie die Nazi-Zeit erlebt und überlebt haben; und als er Hanna im Gerichtssaal wieder sieht und er endlich begreift, dass Hanna eine Analphabetin ist, die aus Scham vor ihrem Versagen jedes Gespräch und jede Lektüre verweigert und im Prozess jede Schuld auf sich nimmt, solange sie selbst nichts vorlesen oder unterschreiben muss, - auch da, im Moment der Erkenntnis, schweigt Michael, unternimmt nichts zu ihrer Verteidigung, belässt es bei halbherzigen philosophischen Erwägungen darüber, ob man ungefragt in das Leben anderer eingreifen, ob man ungebeten jemandem helfen darf.

Um seine Schuld und seinen Verrat auszuhalten und Hanna zu trösten und zu erlösen, schickt er ihr Literatur-Kassetten ins Gefängnis, doch wieder liest er nur vor und redet nicht mit ihr, er schreibt ihr keine Briefe, besucht sie nie im Gefängnis: "Ich hätte nicht reden, ich hätte nur stammeln und weinen können," schreibt er. Er schämt sich nicht nur, er schämt sich auch noch seiner Scham. Die Unfähigkeit zu trauern entspricht dem Unwillen zu weinen. Gibt es ein besseres Bild für den Umgang der Menschen mit der deutschen Katastrophe?  

Bernhard Schlink übers Schreiben

Die Parallelen zwischen Romanfigur und Autor liegen auf der Hand, sie werden im selben Jahr geboren, wachsen in fast identischen bürgerlichen Verhältnissen auf, werden beide Jurist: Und doch ist Michael Berg kein literarisches Selbstporträt von Bernhard Schlink. Der Autor wird nicht müde zu betonen, dass er beim Schreiben natürlich aus der eigenen Biografie schöpft, dass man aber Kunst und Wirklichkeit nicht verwechseln darf, schon weil Literatur die Realität nicht widerspiegelt, sondern neu erfindet.

Das Schreiben ist für ihn eine Art Selbsterforschung und Werkstattgespräch über die Fragen der Identität und Heimat, über Wahrheit und Gültigkeit, über Werte und Normen, die jede Generation und jede Gesellschaft neu ausloten muss. Wer meint, in seinen Romanfiguren, auch wenn sie Ich sagen, den Autor zu erkennen, wird nicht ganz falsch liegen, aber auch nie ganz richtig. Aber nicht nur der ständig Verantwortung und Wahrheit nachdenkende und jedes Detail kritisch untersuchende Jurist spielt in allen Romanen und Erzählungen eine Rolle, sondern auch der aus einem philosophisch-kirchlichen Elternhaus kommende Bibelkenner und Moral-Prediger.

Weitere Empfehlungen

Wer mehr wissen will darüber, was Schlink beim Schreiben bewegt, sollte seine "Heidelberger Poetikvorlesungen" lesen, die unter dem Titel "Gedanken über das Schreiben" (Diogenes 2011) veröffentlicht wurden. Wer sich mit seinen juristischen und theologischen Reflexionen vertraut machen will, dem seien seine "Erkundungen" ans Herz gelegen, gesammelte Vorträge, Essays und Predigten, die er - als Jurist, Schriftsteller und Theologe - zu "Geschichte, Moral, Recht und Glauben" gehalten hat (Diogenes 2015). In seinen "Poetikvorlesungen" bekennt er einmal: "Den eigenen Erinnerungen neu, farbig und kräftig zu begegnen gehört zum Glück des Schreibens. Den eigenen Liebeserinnerungen zu begegnen gehört zum Glück des Schreibens über die Liebe." Das gilt bestimmt nicht nur für Bernhard Schlink, sondern auch für Michael Berg und seine Liebe zu Hanna Schmitz.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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