Buchcover: Cornelia Funke: "Das Labyrinth des Fauns"
Fischer Verlag
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Roman - Cornelia Funke: "Das Labyrinth des Fauns"

Bewertung:

Erst das Buch, dann der Film. So läuft es in der Regel. Eine Ausnahme bildet "Das Labyrinth des Fauns". Cornelia Funke hat sich von "Pans Labyrinth", dem oscarprämierten Film des mexikanischen Regisseurs Guillermo del Toro, bis in Details hinein inspirieren lassen. Der realistische Teil der Geschichte, berstend vor Gewalt und Grausamkeit, spielt im nordspanischen Galicien nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg, der phantastische Teil in einem Reich, das Kröten, Menschenfresser, Feen und und andere Fabelwesen bevölkern. Die elfjährige Ofelia hat Zugang zu beiden Welten, aber kaum Zugang zum Glück. Ein verstörendes, desillusionierendes Buch – und als solches ein gelungenes.

Liebe Eltern! Falls Sie glauben, dass Ihre Kinder lesen sollten, wie ein sadistischer Franco-Faschist Unschuldigen mit dem Hammer das Gesicht zertrümmert, ihnen Augen mit dem Messer aussticht, sie mit großer Lust erschießt – dann wäre "Das Labyrinth des Fauns" ein geeignetes Geschenk. Ansonsten definitiv nicht.

Ober- und Märchenwelt mit konkreten Wechselwirkungen

Aber der Reihe nach. Die Geschichte nach dem Film "Fauns Labyrinth" (2006) von dem mexikanischen Regisseur Guillermo des Toro spielt zugleich in einer realistischen und einer phantastischen Welt.

Hier wie dort steht die elfjährige Halbwaise Ofelia im Mittelpunkt. Sie begleitet ihre schwangere, devote, unselbständige Mutter zu deren neuem Mann, Capitän Vidal, einem sadistischen, foltersüchtigen Soldat des Franco-Regimes, der in den Wäldern Galiciens 1944, also nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs, verbliebene Partisanen jagt.

Ophelia entzieht sich der grausigen Gegenwart regelmäßig, in dem sie durch ein altes Labyrinth eine Märchenwelt betritt, eine Welt, in der sie laut der Mitteilung eines Fauns die Prinzessin Moanna sein soll, die einst in die Oberwelt entfloh.

Es gibt konkrete Wechselwirkungen zwischen Ober- und Märchenwelt. Ob Funke/del Toro suggerieren wollen, jene zweite Welt existiere allein in Ofelias Vorstellung, sei dahingestellt. Zumeist scheint es so, als hätte Realitäts- und Fantasy-Ebene im Rahmen der Fiktion  den gleichen Rang.

Das Böse in reiner Essenz

Die Ereignisse rund um das Lager von Capitän Vidal, die verzweifelte Situation der Partisanen, die Kämpfe in den Wäldern – man fühlt sich manchmal entfernt an den Roman "Wem die Stunde" schlägt von Ernest Hemingway erinnert.

Und zweifellos waren die Kämpfe zwischen Franco-Faschisten und zumeist linken Republikanern ähnlich unerbittlich wie in "Das Labyrinth des Fauns" geschildert. Doch dokumentarisch ist das Buch (natürlich) wenig belastbar, letztlich spielt die Geschichte in einem historisch unscharfen Ungefähr.

Capitän Vidal ist das Böse in reiner Essenz, die Karikatur eines vertierten Menschenfeinds, seelisch eindimensional, aus psychologischer Sicht ein Simpel und Primitivling der entsetzlichsten Sorte.

Umgekehrt sind die Guten in der Geschichte – Ofelia, die geheime Partisanin Mercedes, Vidals Arzt Dr. Ferreireo – nahezu makellose Personen. Diese krasse gut-böse Dichotomie ist politisch gewiss korrekt und in diesem Genre üblich, doch  raffiniert ist sie nicht und auch kein getreuer Spiegel der frühen Franco-Ära (auf Seiten der Republikaner kämpften Menschen jeden Schlags, nicht nur Vorzeige-Humanisten).

Dokumentarisch wenig belastbar

Weil aber der realistische Teil des Buches trotz allem stark mit der spanischen Realgeschichte korrespondiert, ist die Distanz zur Märchenwelt umso größer. Wer keine Neigung zu Fantasy und Märchen hat, wird das Neben-, Mit- und Ineinander kaum akzeptieren.

Aber klar, an solche Leser wendet sich Funke auch gar nicht. Auf die Frage, wie sich die beiden Ebenen letztlich aufeinander beziehen, gibt es wohl keine objektive Antwort. Wenn man so will, lässt sich die Märchenwelt (auf der Metaebene) als Ofelias seelische Reaktion auf die Zumutungen des Vidal'schen Gewaltregimes lesen. Dann wäre die Märchenwelt keine Phantasie des jungen Mädchens, sondern eine Spiegelung ihres kindlichen Unbewussten.

Auch das für Funke typische Motiv des Hinein- und Hinüberlesens in andere Welten durch die Verführungskraft der Fiktion scheint deutlich auf. Denn Ofelia ist eine Vielleserin, die sich kein Leben ohne Bücher vorstellen kann. Fest steht: Wer etwa Funkes "Tintenwelt"-Trilogie kennt und schätzt, wird sich im "Labyrinth des Fauns" gerade wegen der bedeutungsoffenen Verzahnung von Realistischem und Phantastischem heimisch fühle.

Hochgradig entmutigender Triumph

Der Verlag empfiehlt das Buch erst für Leser ab vierzehn. Und das aus guten Gründen. Denn Funke erzählt, wie angedeutet, von Vidals Mordexzessen an den meisten Sympathieträgern der Geschichte, ohn über weite Strecken irgendeinen einen Hoffnungsschimmer, irgendeine Besserung, irgendeine Chance auf Gerechtigkeit erkennen zu lassen – einmal davon abgesehen, dass die Guten auch unter dem Terror Vidals ihre Menschlichkeit und Wärme nicht verlieren und insofern einen Sieg davon tragen.

Doch aufs Ganze gesehen ist die Geschichte rund um Capitän Vidal bis kurz vor Ende ein hochgradig entmutigender Triumph des Bösen.

Die Märchenwelt wiederum, in der Ofelia unter ganz anderen Bedingungen ganz andere Abenteuer erlebt, schafft niemals einen optimistisches Ausgleich für die Härten der Real-Ebene – und das wäre auch zu billig. So bleibt "Labyrinth des Fauns" ein verstörend desillusionierendes Buch, als solches durchaus gelungen, aber eben nichts für Kinder.

Als ob es Magie gäbe

An der magischen Funke-Atmosphäre, die weltweit viele Fans hat, fehlt es indessen nicht. Nicht selten kommt man auf den Gedanken, del Toro habe seinen Film vor allem gedreht, damit Funke daraus ein typisches Funke-Buch macht (hat Toro natürlich nicht).

Dass "Das Labyrinth des Fauns"  in den Bestsellerlisten weit oben steht, verwundert nicht. Für die Erfolgsautorin Funke gilt bei fast jedem neuen Buch: the winner takes is all.

Sie betont in ihrem neuen Werk zwar ausdrücklich: "Es gibt keine Magie". Aber das ändert nichts daran, dass sie sich darauf versteht, so zu schreiben, als ob es Magie – Feen, Faune, sprechende Steine, die ganze Märchenwelt – sehr wohl gäbe.

Arno Orzessek, rbbKultur

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