Buchcover "Wunder"
Bild: Carl Hanser Verlag

Textsammlung - Hans Magnus und Theresia Enzensberger: "Wunder"

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Bisher war der Lyriker, Essayist und Herausgeber Hans Magnus Enzensberger nicht für religiöse Fantasien oder spirituelle Abenteuer bekannt. Doch jetzt, kurz vor seinem 90. Geburtstag, begibt sich der literarische Querkopf und politische Quälgeist auf Spurensuche nach dem Übernatürlichen: Zusammen mit seiner Tochter Theresia Enzensberger, die kürzlich mit ihrem Roman "Blaupause" ein fulminantes Debüt als Schriftstellerin hingelegt hat, versucht er einzukreisen, was es mit den Dingen auf sich hat, die wir uns oft nicht recht erklären können.

"Wunder"-Kammer

Doch mit dem Öffnen der "Wunder"-Kammer ist Enzensberger, dieser notorische Spötter, auch im hohen Alter beileibe nicht zum Gottes-Glauben konvertiert.

Warum auch, hat er doch das "Kursbuch", "Transatlantik" und die "Andere Bibliothek" gegründet und den intellektuellen Diskurs in der deutschen Republik entscheidend geprägt; die "Blauen Bände" von Karl Marx stehen bei ihm noch immer hoch im Kurs und das "Kapital" benutzt er immer noch als Werkzeugkasten, um die schlimmsten Auswüchse des Spät-Kapitalismus anzuprangern: Jeder religiöse "Wunder"-Glaube nötigt ihm allenfalls ein ironisches Lächeln ab: Dass wir ständig von Dingen umgeben sind, die wir uns nicht erklären können, liegt für ihn daran, dass der Mensch nicht genügend Denkvermögen und die Wissenschaft noch viele Leerstellen und Lücken hat.

Dass alle Kinder in der Lage sind, eine Sprache zu lernen und aufrecht zu gehen ohne ständig zu stürzen, schreiben die beiden Enzensberger im Vorwort, ist Psychologen und Physikern ein Rätsel: Es ist ein Wunder der Natur, aber übernatürlich ist es gewiss nicht.

Auf "Visionen, Erscheinungen und Erleuchtungen" hätten die Religionen kein Vorrecht, schließlich tauchen Wunder überall auf: in der Pop-Kultur und Rock-Musik, im politischen Handeln, in der Literatur und sogar in Comic-Büchern, in Krankenhäusern, in Schönheitskliniken; manchmal erklärt man einfach einen höchst lebendigen Menschen zum Gott einer neuen Religion und hofft auf die befreiende Wirkung eines Wunders.

Wie sonst ist zu erklären, dass die Rastafari aus Jamaika glaubten, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie könne Wunder bewirken und sie aus der Karibik zurück nach Afrika, ins Land ihrer Vorfahren, bringen?

Ein illustrer Kreis von jungen AutorInnen

Die beiden Enzensberger haben einen ziemlich illustren Kreis von jungen AutorInnen um sich versammelt, und wer weiß, vielleicht ist es ein Wunder, vielleicht aber auch nur das Ergebnis von Sozialisation oder Genetik, dass darunter auch die Kinder von einigen recht bekannten Intellektuellen sind: Helene Hegemann ist dabei, die Tochter von Star-Dramaturg Carl Hegemann, sie hat als Schriftstellerin, Filmemacherin  und Regisseurin auf sich aufmerksam gemacht und  skizziert jetzt, wie Pop-Musik alle Bereiche der Kultur durchdringt und vielleicht zum Kanon einer neuen Kirche werden könnte. "Dass Jimi Hendrix irgendwann an die Stelle des gregorianischen Chorals treten" könnte, ist für sie eine "tolle Fiktion".

Leon Dische Becker, der Sohn der Schriftstellerin Irene Dische, seziert das "Rasta-Wunder" und weist nach, wie halbseidene Kriminelle sich in den 1920er Jahren eine neue Religion ausdachten, um mit dem vermeintlichen Wunder der spirituellen und existenziellen Befreiung viel Geld zu verdienen.

Oder Simon Strauß, der Sohn von Theater-Visionär und Denk-Provokateur Botho Strauß. Soeben hat er das wunderschön melancholische Sommerbuch "Römische Tage" veröffentlicht, jetzt sucht er "Die letzten Heiligen" in der Notaufnahme eines Krankenhauses.

Einige etwas weniger bekannte AutorInnen, wie Jovana Reisinger, Margarete Stokowski und Elvia Wilk beschreiben, welche Wunder (andere würden es Verunstaltungen nennen) die Schönheits-Chirurgie an den Körpern leidensfähiger Probanden vollbringen kann; was die Comic-Figur "Wonder Woman" mit der Freiheits-Philosophin Hannah Arendt verbindet; wie die Mystikerinnen der Religionsgeschichte ihr Glück in der Auflösung des Selbst suchen und ihr Ich abstreifen, um dem Wunder des Göttlichen nahe zu sein.

Der dünne Faden an dem das Leben hängt

Auf Einladung einer befreundeten Ärztin hospitiert Simon Strauß bei einer 24-Stunden-Schicht in der Notaufnahme eines Krankenhaus, er will den Ort besser kennenlernen, an dem wir alle über kurz oder lang einmal landen werden, um gerettet zu werden oder zu sterben.

Er registriert das Kommen und Gehen, die stöhnenden Patienten, die weinenden Angehörigen, den penetranten Geruch der Desinfektionsmittel, die Kommentare und den Zynismus der Ärzte, die irgendwie mit dem Leid der Menschen und ihrer Machtlosigkeit fertig werden müssen, die immer am Rande der Erschöpfung und des bürokratischen Wahnsinns agieren, weil sie alles fein säuberlich dokumentieren müssen und eine fünf-minütige Behandlung fünfzig Minuten Schreibarbeit nach sich zieht.

Er wird Zeuge, wie Menschen gerade noch den Tod von der Schippe springen und andere den Ärzten unter den Händen wegsterben; er spürt hautnah, wie dünn der Faden ist, an dem das Leben hängt und dass das Überleben manchmal nur einem glücklichen Zufall geschuldet ist: Ob rechtzeitig ein benötigtes Organ eintrifft, ob gerade der eine Arzt zur Stelle ist, der den Eingriff durchführen kann oder ob er anderweitig mit einer anderen Krisen-Situation beschäftig ist; oder ob es so ist, wie bei ihm selbst, als er sich bei einem Skiunfall den Halswirbel angebrochen hatte und nur zwei Millimeter ihn vor einer Begegnung mit dem lieben Gott bewahrte.

"Das Wunder Überlebens", notiert Simon Strauß, "ist wie eine zweite Geburt. Man kann es nicht erklären, nur einfältig stauend betrachten". 

Nicht jedes Wunder ist wunderbar

Theresia Enzensberger macht sich - unter dem Titel "Hello Boys" - Gedanken darüber, warum ein Versprechen auf ein Wunder beinahe genauso viel auslösen kann wie das Wunder selbst.

Die Region weiß das ebenso wie die Werbeindustrie: Denn es gibt Schokoladenriegel, die "Wunderbar" heißen, eine Mayonnaise, die sich "Miracel Whip" nennt, und es gibt den "Wonderbra", einen gepolsterten Büstenhalter, der einen ganz neuen Tragekomfort und ein ganz neues Körper-Bewusstsein verspricht.

Worin genau das Wunder des "Push-Up-Bras" bestehen könnte, bleibt allerdings "erklärungsbedürftig", meint Theresia Enzensberger und schreibt: "Das eigentliche Wunder des "Wonderbras" ist es, Frauen und vor allem jungen Mädchen, die kleine Brüste haben und daher überhaupt keine BHs gebrauchen können, trotzdem welche zu verkaufen."

Vater Hans Magnus versteht vom "Wonderbra" naturgemäß nicht viel, er unternimmt lieber einen Ausflug zu den deutschen Romantikern, zu Clemens Brentano und Achim von Arnim und ihrer Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn"; oder er erläutert - mit ironischem Unterton-, welche Rolle ein Wunder spielt, damit jemand von der Katholischen Kirche heilig gesprochen werden kann.

Und dann wimmelt es ja noch in den nordischen Märchen von gefräßigen und unersättlichen Trollen, die denen, die sie heimsuchen, nicht nur die Butter vom Brot stehlen, sondern auch nicht davor zurückschrecken, sie aufzufressen: Da ähneln die Wunderwesen, die meistens unter der Erde hausen und nur besänftigt werden können, wenn man sie besticht und füttert, den Trollen im Internet. Auch sie nehmen, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht und nicht aufpasst, liebend gern die ganze Hand und sägen an dem Ast auf dem sie sitzen.

Drum merke: Nicht jedes Wunder ist wunderbar. Und: Ein Leben ohne Wunder ist möglich, aber doch auch ziemlich langweilig.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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