Cover: Ines Geipel: Umkämpfte Zone
Klett-Cotta Verlag
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Roman - Ines Geipel: "Umkämpfte Zone"

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Der Tod des Bruders ist Auslöser der Erinnerungen. Ines Geipel begleitet ihn in seinen letzten Lebensmonaten. So sehr sie ihm aus der gemeinsamen Familiengeschichte heraus verbunden ist, so sehr ist er doch auch ihr Antipode.

Während sie zutiefst davon überzeugt ist, die eigene familiäre Herkunft, die Geschichte der DDR und – als deren Vorbedingung – die des Nationalsozialismus immer wieder und bis ins Zentrum des Schmerzes hinein erinnern und durcharbeiten zu müssen, hält der Bruder davon nur wenig. Er wehrte sich sein Leben lang dagegen, blieb lieber in der Gegenwart und lebte als Fotograf für die Kunst, anstatt sich auf die Lektüre von Stasiakten und anderen Archivinhalten einzulassen.

Ob der Gehirntumor, an dem er stirbt, als psychosomatisches Zeichen der Verdrängung zu lesen wäre, lässt Geipel zum Glück offen, auch wenn der erzählerische Rahmen das nahe legt.

Ein historischer Bogen vom Nationalssozialismus bis Heute

Jenseits der kurzen, erzählerischen Erinnerungs-Passagen an die Kindheit ist "Umkämpfte Zone" das Buch einer Historikerin, Soziologin, Psychologin. Geipel, die in ihrer DDR-Jugend eine talentierte Sprinterin gewesen ist, bevorzugt auch als Autorin die Kurzstrecke, indem sie versucht, aus knappen, stakkatohaften Kapiteln einen großen historischen Bogen zusammenzusetzen. Sie bietet Geschichte im Schnelldurchlauf und immer auf einer Bahn.

Die Perspektive ist die Unglücksgeschichte des deutschen Ostens als Schweige- und Verleugnungsgeschichte. Sie reicht vom Nationalsozialismus über die antifaschistischen Legendenbildungen und die Wendezeit bis in die Wut- und Hass-Gegenwart von NSU und AfD. Vor allem da findet Geipel zu klugen Einsichten. Es ist ja klar, dass Erklärungen, die auf Rentendifferenz und ökonomische Abgehängtheit des Ostens verweisen, zu kurz greifen. Sie spricht dagegen von einem "fehlenden Identitätsnarrativ", vom "fehlenden, inneren Ort".

Sozialistische Legendenbildung

Eine große Rolle spielt dabei die sozialistische Legendenbildung. Vor allem der Buchenwald-Mythos, der das KZ zum Ort des heroischen kommunistischen Widerstands erhebt und verschweigt, dass die Kommunisten im Lager ein Regime im Regime errichtet haben, wird von Geipel als Gründungsmythos der DDR in seiner Entstehung und in seinen Folgen genau analysiert. In der Fixierung auf diese Linie ist das Buch zwar einseitig, aber doch erhellend.

Schwächer ist "Umkämpfte Zone" da, wo es um die eigene Familiengeschichte geht. Von den Motiven des Vaters, einem Musiker, der zum Stasiagenten im westlichen Ausland mutierte, erfährt man herzlich wenig. Was trieb ihn an? Und wie fügt sich das Verschweigen und Nichtwissen innerhalb der Familie ins offizielle, aus Schweigen und Legenden bestehende Geschichtsbild?

Ein entschieden formuliertes Thesenbuch

Auch wenn vieles offen bleibt oder bloß behauptet und nur angedeutet wird, hat Ines Geipel ein wichtiges, streitbares, rücksichtsloses, schmerzhaftes Buch geschrieben. Es ist ein entschieden formuliertes Thesenbuch. Es ist überwältigend in dem Sinne, dass es keine anderen Sichtweisen zulässt als die der Autorin selbst. Das ist seine Stärke als Sachbuch und seine Schwäche, wenn man es literarisch liest. Dann müssten die Figuren – Großvater, Vater, Bruder, Mutter – ein stärkeres Eigenleben gewinnen, anstatt nur Demonstrationsobjekte der Autorin zu sein.

Vor allem der Bruder müsste, als einer, der sich eben nicht erinnern will, ein stärkeres Gegengewicht gewinnen, um die Erzählerin in ihrer rigiden Rückschau und Erinnerungszwangsverpflichtung auch mal ein kleines bisschen zu irritieren.

Jörg Magenau, rbbKultur

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