Buchcover: Das Schlangenmaul
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Roman - Jörg Fauser: "Das Schlangenmaul"

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"Den Fauser finde ich genial", meint der Schauspieler Lars Eidinger. Er muss es wissen, hat er doch gerade einen Roman des 1987 - in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag - auf der Autobahn bei München tödlich verunglückten Autors für eine Hörbuchfassung eingelesen.

In wenigen Tagen, am 16. Juli, wäre Jörg Fauser 75 geworden. Für den Diogenes Verlag ein guter Anlass, die früher verstreut und oft in kleinen Verlagen erschienenen Bücher des Autors unter dem Motto: "Fauser. Lesen. Jetzt" wieder zu entdecken und neu aufzulegen. Dazu gehört auch der 1985 erstmals veröffentlichte Roman "Das Schlangenmaul".

Jörg Fauser experimentiert mit dem knallharten, zynischen Kriminalroman, wie wir ihn aus den USA kennen, vor allem von Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Mickey Spillane. Er erfindet den damals ziemlich lahmen deutschen Krimi neu, konfrontiert ihn mit der bitterbösen Wirklichkeit, mit sozialen und kulturellen Verwerfungen, mit einer derben und obszönen Sprache, die gelegentlich am Pornografischen entlang schlittert.

Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle

Beim Lesen des Romans hat man einen dieser schwarz-weißen Kultfilme der 1940er/50er Jahre vor Augen, sieht vor seinem inneren Auge maulfaule Detektive wie Humphrey Bogart und scheinheilige Schönheiten wie Lauren Bacall.

Aber Fausers Held, Heinz Harder, ist kein miesepetriger Privatschnüffler, sondern ein abgewrackter Journalist, dem die Steuerfahndung auf den Fersen ist, der dringend Geld braucht und deshalb eine Anzeige in die Zeitung gesetzt hat, in der er sich als "Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle" anpreist.

Seine erste Klientin ist natürlich - wen wundert´s - eine ebenso schöne wie scheinheilige Frau, und sein erster "Bergungsauftrag" wird ihn in ein dubioses, mafiös verseuchtes Milieu aus politischen Intrigen und kapitalistischer Gier, sexueller Ausbeutung und spiritueller Beglückung führen.

Es ist ein ziemlich spannender Polit-Thriller und zugleich eine bitterböse Sozial- und Gesellschaftsstudie der alten Bundesrepublik zum Beginn der 1980er Jahre. Mit dem Jörg Fauser der 1970er Jahre, der mit völlig verrückten Cut-up-Gedichten gegen seine Drogen-Sucht anschreibt und sich als Autor und Herausgeber von unlesbaren und wild collagierten Underground-Zeitschriften durchwurstelt, hat dieser fast schon konventionell erzählte Roman nichts mehr gemein.

Eine mysteriöse Schlangen-Sekte

Für die "Bergungsarbeiten" muss Heinz Harder zwischen der niedersächsischen Provinz und dem eingemauerten West-Berlin hin und her pendeln: In der Nähe von Hannover residiert in einer einsamen großen Villa die ebenso reiche wie geheimnisvolle Nora Schäfer-Scheunemann, ihre pubertierende Tochter ist vor Monaten verschwunden, Heinz Harder soll sie finden und wieder nach Hause bringen.

Harders kriminalistische Spürnase juckt und sein journalistisches Interesse ist geweckt, weil die Mutter ein verlogenes Aas ist und ihr Ex-Mann ein Bau-Löwe, den es in die Politik verschlagen hatte, bevor er von höheren Mächten kalt gestellt und in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Die Verbindungen des undurchsichtigen Clans reichen nach West-Berlin, das trifft sich gut, denn Harder hat dort eine kleine Wohnung: In dieser maroden Stadt, in der sich die Geheimdienste ein Stelldichein geben und sich die Kulturschickeria in alternativen Szenen austobt, kennt Harder jeden Club und jedes Bordell, er weiß, welche Leichen einige Politiker und Unternehmer im Keller haben, mit welchem spirituellen Blödsinn sich hier einige Intellektuelle die Realität und ihre Hirne vernebeln.

Bald wird dem im Berliner Intrigen-Sumpf herumstochernden Harder klar, dass er es mit einer mysteriösen Schlangen-Sekte zu tun hat, das vermisste Mädchen sich in einem Bordell-artigen Etablissement mit Schlangen in Trance versetzt, dass die Besucher dort erotisch animiert und finanziell über den Tisch gezogen werden. Wer das Mädchen zur Marionette krimineller Interesse gemacht hat und welche Rolle mafiöse Politiker und Unternehmer spielen, sei hier aber nicht verraten.

Sich die alten Geschichten aus dem Kopf schreiben

Jörg Fauser hat einmal gesagt, er könne nur über das schreiben, was er selbst erlebt hat. Daraus aber zu schließen, eine Figur wie Heinz Harder sei ein Alter Ego des Autors, wäre ein Missverständnis, denn das Autobiografische hat Fauser immer nur benutzt, um das eigene Leben zu fiktionalisieren, Geschichten zu erfinden, die sich weit von den Fakten lösen und eine eigene literarische Wirklichkeit erschaffen.

Natürlich kennt Jörg Fauser die Milieus aus dem "Schlangenmaul" gut, denn in den 70er Jahren hat er eine zeitlang in einer niedersächsischen Landkommune gehaust, und er war Anfang der 80er Jahre Redakteur und Kolumnist beim West-Berliner "Tip", bevor er nach München zog, heiratete und sich als Schriftsteller allmählich - endlich - einen Namen machen konnte.

"Das Schlangenmaul" kann man als Versuch deuten, sich die alten Geschichten aus dem Kopf zu schreiben, sich literarisch von seinen verworrenen Drogen-Exzessen zu lösen, dem politischen Aufbruch der Studentenbewegung und dem kulturellen Schmäh der Alternativ-Szene Adieu zu sagen, sich zugleich zu einem beinharten Journalisten, hartgesottenen Schriftsteller, einem Macho-artigen Typen mit chauvinistischer Attitüde a la Heinz Harder zu stilisieren.

Notorische Womanzier

Wer dem wahren Jörg Fauser möglichst nahe kommen will, der sollte unbedingt den Roman "Rohstoff" lesen, der jetzt auch wieder neu aufgelegt wurde.

Unter dem Namen Harry Gelb erzählt er in "Rohstoff", wie er Ende der 1960er Jahre sich der Bundeswehr entzieht, nach Istanbul reist und dort als Junkie ein kärgliches Leben fristet; wie er anfängt Gedichte zu schreiben und versucht, vom Opium loszukommen; wie er auf Alkohol umsteigt, nach Deutschland zurückkehrt, um sich als Autor und Journalist neu zu erfinden; wie er - weil das Geld hinten und vorne nicht reicht - als Nachtwächter und Flughafenarbeiter jobbt.

Er ist ständig unterwegs, lebt in Göttingen, Berlin und Frankfurt in diversen Kommunen, haust in besetzten Häusern, nicht weil er besonders politisch ist, sondern weil er so kostenlos wohnen, billig leben, sich ganz aufs Schreiben konzentrierten kann, und weil er in den besetzten Häusern die schönsten und klügsten Frauen ins Bett bekommt: Denn ob Heinz Harder oder Harry Gelb, die autobiografischen Wiedergänger von Jörg Fauser sind immer notorische Womanzier, die entweder schreiben oder lieben, am besten beides gleichzeitig - und immer mit selbst-ironischem Augenzwinkern.

"Rohstoff" ist ein rasantes, ehrliches, witziges Selbstporträt des Autors und das Porträt einer ganzen Generation, die sich heillos zwischen Studenten-Rebellion und kulturellem Aufbruch verheddert - und es doch irgendwie schafft, in der deutschen Wirklichkeit anzukommen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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