Cover: "Gespräche am Teetisch"
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Roman - Johannes Chwalek: "Gespräche am Teetisch"

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Das Internat hat seit einigen Jahren keinen guten Ruf. Allzu oft war von Missbrauchsfällen die Rede, dass Kinder zu Opfern ihrer Erzieher geworden sind. Da ist es ganz gut, wenn mit dem kleinen Roman "Gespräche am Teetisch" das Internat endlich einmal wieder in einer andren Perspektive erscheint: Hier ist es der Ort der Rettung vor brutaler Gewalt und Ausgeliefertheit in der Familie.

Sprache ist das Element, das ein wenig Halt gibt

Der Autor Johannes Chwalek, Jahrgang 1959 ist im Hauptberuf Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Philosophie. "Die Literatur war ein Glück", schreibt er in der biographischen Notiz, "sie sprach von anderen Welten." Das deutet darauf hin, dass er sich schreibend und lesend in Sicherheit gebracht hat.

Wie überlebenswichtig das gewesen ist, kann man nach der Lektüre seines Buches ahnen. Im Kern besteht es aus einem Tagebuch aus dem Jahr 1970, das der damals elfjährige Ich-Erzähler beginnt, um sich damit gegen die Gewaltorgien der Stiefmutter und die Teilnahmslosigkeit des "biologischen Vaters", wie er ihn konsequent nennt, zu wehren.

Ein paar kleine Gedichte sind eingestreut, die erkennen lassen, dass Sprache das Element ist, das dem wehrlosen Jungen ein wenig Halt gibt.

Das innerfamiliäre Schreckensregime

Die Stiefmutter ist eine bedrohliche Figur wie aus dem Märchen. Sie zieht in das Haus zu den fünf Kindern des "biologischen Vaters" (die Mutter ist früh gestorben) und bringt noch zwei eigene Kinder mit. Diese beiden haben nichts von ihr zu befürchten, aber die fünf, die nicht ihre leiblichen sind, werden von ihr systematisch tyrannisiert, angebrüllt, an den Haaren gezogen, geprügelt.

Das innerfamiliäre Schreckensregime dauert so lange, bis sie einen Zusammenbruch erleidet und sie nur noch ein Arzt mit Beruhigungsspritzen aus ihrem Toben erlösen kann.

Noch seltsamer als ihr psychotischer Zustand ist jedoch die Haltung des Vaters, der seine Kinder ihr überlässt ohne einzuschreiten, der allenfalls ein paar beruhigende Worte spricht, sich auf milde Lebensweisheiten zurückzieht, ohne etwas an der Situation zu ändern. Erst als der Junge nicht versetzt wird, beschließt er, ihn in ein Internat zu bringen.

Schreiben ist eine Auto-Therapie

Dort setzt – nach einem erzählerischen Prolog – das Tagebuch ein, in dem der Junge die Erinnerungen an die schreckliche Zeit aufarbeitet. Das Schreiben ist eine Auto-Therapie, ein wiederholendes verarbeiten. Schließlich gibt er das Tagebuch dem Präses der Schule zum lesen, der mit dem Jungen zahlreiche Gespräche über Menschenrechte und Politik geführt hat und ihm dadurch zur Vertrauensperson geworden ist.

Der Präses greift sofort ein, wendet sich ans Jugendamt, lässt den Eltern das Sorgerecht entziehen und sich selber als Vormund einsetzen. Auf dem Umweg über das Schreiben und das Internat findet der Junge so aus der beklemmenden Herkunft heraus und ins eigene Leben hinein.

Ein erschütterndes Dokument

Literarisch handelt es sich um einen vermutlich autobiographisch grundierten Betroffenheitsbericht. Die Sprache ist einfach, aber eindrücklich. Das Buch lebt ganz und gar vom Stoff, aber auch von der unmittelbaren Direktheit der Darstellung.

Die Notizen nicht durchgeformt, sondern – wie der Autor im Nachtrag mitteilt – lediglich literarisch überarbeitet. So bleibt der Text das, was er ist: Ein erschütterndes Dokument und Zeugnis der Kraft der Sprache.

Nicht, weil es sich um große Literatur handelt, sondern weil die Sprache, das Schreiben, hier der Rettungsanker sind.

Jörg Magenau, rbbKultur

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