"Der Ruf der Horde" © Suhrkamp/ Montage: rbb
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Sachbuch - Mario Vargas Llosa: "Der Ruf der Horde"

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Mario Vargas Llosa schreibt ein Buch, das er selbst eine "intellektuelle Autobiographie" nennt und in dem er den Liberalismus beleuchtet sowie seine eigene Entscheidung, ein Liberaler zu werden.

Gewiss könnte man über den peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa eine vorzügliche "intellektuelle Biographie" schreiben. Seine Romane, Erzählungen, Essays und sonstigen Publikationen würden dafür genügend Stoff liefern. Er selbst wiederum hätte eine "intellektuelle Autobiographie" schreiben können, die ganz anders aussähe als die vorliegende. Denn in "Der Ruf der Horde"  erklärt Vargas Llosa keineswegs seinen gesamten geistigen Lebensweg. Er erzählt überhaupt nur in der Einleitung des Längeren von sich selbst: Dass er als junger Mann bekennender Marxist war, ein Anhänger der kubanischen Revolution, angefixt von Jean Paul Sartres Existenzialismus und manches mehr. Er kam also von weit links, bevor er in den 70er Jahren, während er in London lebte, ein Liberaler wurde.

Thatcher und Reagan als Vorkämpfer

Er selbst spricht von einer "Entscheidung". Und an der (... Altlinke werden aufstöhnen...) hatte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher ihren Anteil. Für Vargas Llosa zählt Thatcher wie auch der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan unbedingt zu den Vorkämpfern der Freiheit, also zu den Liberalen – und nicht etwa zu den Neoliberalen, wie das hierzulande gebräuchliche Schimpfwort für die zwei großen De-Regulierer nicht zuletzt der internationalen Finanzmärkte heißt.

Aber wichtiger als Thatcher und Reagan war für Vargas Llosa das Studium der Werke von sieben Autoren ganz unterschiedlichen Bekanntheitsgrades: Adam Smith, José Ortega y Gasset, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin und Jean-François Revel. Um sie geht es Vargas Llosa in "Der Ruf der Horde". Er schreibt seine intellektuelle Autobiographie, indem er intellektuelle Kurz-Biographien von sieben Denkern schreibt; indem er einiges aus ihrem Leben erzählt und viel über ihre Werke.

Sehr viele Namen, sehr viele Theorien

Der Liberalismus ist der größte gemeinsame Nenner der geistigen Heroen Vargas Llosas – und bei genauer Betrachtung ist er nicht sehr groß. Denn der Liberalismus, das liegt in der Natur der Sache, ist ein vielgesichtiges politisch-weltanschauliches Phänomen, das über den konstituierenden Begriff 'Freiheit' hinaus kaum von verbindlichen Dogmen eingehegt wird. Den losen Zusammenhang zwischen den Autoren stiftet im Grunde Vargas Llosa selbst, genauer, stiftet seine alte und neue Auseinandersetzung mit all den Büchern von Smith' "Der Wohlstand der Nationen" über Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft" bis zu entlegenen Essays von Revel. Vargas Llosa berührt dabei alle möglichen Aspekte des Liberalismus: Marktwirtschaft und politische Ordnung, Religions- und Sprachkritik, Wissenschaftstheorie und Moralphilosophie.

Keine Frage, man begegnet sehr vielen Namen, sehr vielen Themen, sehr vielen Theorien. Nur lasse sich davon niemand abschrecken! Der Literaturnobelpreisträger ist ein fanatischer Verfechter der Verständlichkeit – und das heißt: ein Feind fragwürdiger Verkomplizierungen. Er liebt es, mit Karl Popper Ludwig Wittgensteins sprachliche Wolkenkuckucksheime madig zu machen und mit Raymond Aron die semantischen Verschwurbelungen Jean Paul Sartres. Sartre, der zum Entsetzen Vargas Llosas in Stalins Gulag-Russland die zukünftige Freiheit keimen sah, bekommt ohnehin oft sein Fett weg.

Es scheint fast, als sei Vargas Llosa seine frühere Begeisterung für den Autor von "Das Sein und das Nichts", der einst von der kommunistischen europäischen Linken als Weltgewissen verehrt wurde, immer noch ein bisschen peinlich. Im Übrigen versteht es Vargas Llosa, Zeitgeschichte anschaulich aufzublenden. Wir sind mit Adam Smith in der schottischen Aufklärung, mit Ortega y Gasset im Spanien des Bürgerkriegs, mit Raymond Aron im französischen Geistesleben. Es ist eine geistreiche, niemals snobistische Tour durch Länder und Jahrhunderte, Köpfe und Bibliotheken.

Wir leben in der besten Welt

An den wenigen Stellen, an denen Vargas Llosa den Liberalismus als abstraktes Konzept beleuchtet, redet er in gehobenen Allgemeinplätzen. In demokratischen Gesellschaften soll, ausgehend von der unumstößlichen Freiheit des einzelnen Individuums, die Freiheit schlicht alles durchdringen und prägen: die Wirtschaft, die Politik, die Kultur, das Soziale. Vargas Llosa präferiert durchaus einen starken Staat, aber der soll, bitte schön, so schlank wie möglich sein; er soll für Ordnung sorgen, Gesetze erlassen und durchsetzen, keine Gleichheit, wohl aber Chancengleichheit garantieren.

Liberale, betont Vargas Llosa, seien keineswegs Anarchisten – und zum Beleg zeigt er, wie sehr sich Adam Smith mit Moral und Friedrich August von Hayek mit der Zähmung des freien Marktes befasst haben. Vargas Llosa begreift Liberalismus als eine Position, die anders als etwa der dogmatische Marxismus oder religiös grundierte Lehren keine fertigen Antworten auf alles hat. Liberale seien undogmatisch und flexibel, nicht an hehren Ideen orientiert, sondern am gesunden Menschenverstand.

Sie wüssten, dass sie sich irren können. Dem populistischen "Ruf der Horde" (ein Ausdruck Poppers) zu folgen, kommt nicht in Frage. Im Übrigen bekennt sich Vargas Llosa zum Optimismus und schlägt sich in diesem Punkt auf die Seite Poppers: "Wir leben, historisch gesehen (das ist meine Meinung), in der besten Welt, die es bisher gegeben hat. Natürlich ist es eine schlechte Welt, weil es eine bessere gibt und weil das Leben uns anspornt, nach einer besseren Welt zu suchen. Und diese Suche nach einer besseren Welt müssen wir fortsetzen. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Welt schlecht ist."

Vargas Llosa macht Lust auf Liberalismus

Vargas Llosa schreibt über seine geistigen Ziehväter und Heroen unverkennbar mit Verehrung und Zuneigung. Aber er hält auch Kritik und Kritikfähigkeit offenbar für Merkmale des Liberalismus. Also kritisiert er in aller Deutlichkeit. Dass von Hayek keinen Unterschied zwischen totalitärem und demokratischem Sozialismus erkennen wollte, ist für Vargas Llosa ein eklatanter Irrtum. Er schüttelt den Kopf darüber, dass Popper, der sich gern als Hohepriester des Klartexts gebärdete, ein so wirres Buch wie "Logik der Forschung" schreiben konnte. Und so weiter. Vargas Llosa ist kein Nachbeter, sondern ein Selberdenker.

Der "Ruf der Horde" ist ein Werk aus dem Geist des 20. Jahrhunderts und im Horizont des 20. Jahrhunderts. Liberale Konzepte zur Lösung des akuten Klima-Problems, der EU-Krise oder der Krise der liberalen Demokratie sucht man vergebens. Aber der "Ruf der Horde" ist eine intellektuelle Autobiographie und kein Handbuch für angewandten Liberalismus heute. Auch in dem neuen Werk zeichnet sich Vargas Llosa durch die Sinnlichkeit seines Denkens aus. Er ist ein Liberaler, der auf überzeugende Weise Lust auf Liberalismus macht.

Arno Orzessek, rbbKultur

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