Buchcover: Norman Mailer. MoonFire. Ausgabe zum 50. Jahrestag
Taschen
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Prachtband zum 50. Jahrestag - Norman Mailer: "MoonFire"

Bewertung:

Wie Norman Mailer in die Apollo 11 Mission schlüpfte: Ein Prachtband zum 50. Jubiläum der Mondlandung.

Norman Mailer
Bild: TASCHEN

So viel Platz hatte vorher nur Ernest Hemingway bekommen: Als die Zeitschrift "Life" dem Schriftsteller Norman Mailer den Auftrag gab, die Mondlandung der Apollo 11 zu dokumentieren, räumten sie ihm viele Seiten in insgesamt drei Ausgaben ein.

Mailer war damals in seinen Vierzigern und bereits sehr bekannt: Er hatte u.a. "Die Nackten und die Toten" über den Krieg an der Pazifikfront geschrieben, als Bürgermeister von New York kandidiert, es gab Skandale und Gerüchte um sein Privatleben. Und jetzt sollte er das Weltraumabenteuer begleiten.

The Age of Aquarius ...

Mitfliegen durfte er zwar nicht. Aber er verbrachte viel Zeit bei der NASA in Houston, besuchte Pressekonferenzen, lernte die Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins kennen.

Seinen Text, der 1971 unter dem Titel "Of a fire on the moon" (Auf dem Mond ein Feuer) erschien, verfasst er aus der Sicht der fiktiven Figur "Aquarius" – angelehnt an den Gedanken des sogenannten "Wassermannzeitalters", wie die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Auffassung von Esoterikern und New-Age-Anhängern gerne genannt wird.

"Aquarius entdeckte, dass er glücklich war. Jetzt gab es einen Mann auf dem Mond. Beziehungsweise, jetzt gab es zwei Männer auf dem Mond. Das war ein neues Gefühl. Zu dem er bis jetzt noch keine Beziehung hatte …"

Weiß wie der weiße Wal aus Moby Dick

"Moonfire" ist stilistisch kein homogener Text, sondern eine Mischung aus Reportage, Zeitkritik, Emotionen, Protokollen – so dokumentiert Mailer zum Beispiel den Gesprächsverlauf zwischen Aldrin und Armstrong, als Armstrong aus der Eagle aussteigen will und sich in dem voluminösen Anzug nur behäbig bewegen kann.

Armstrong: "Wo ist die Kante?"

Aldrin: "Schieb dich nur weiter. Jetzt dreh dich ein bisschen links herum. Okay, jetzt kommst du klar. Du bist direkt über der Plattform. Schieb deinen linken Fuß ein wenig nach rechts. (…)"

Sprachmacht

Faszination, Überwältigung und Respekt wechseln sich in Mailers Apollo-Text mit ironischem Spott ab, mit Kritik an dem Gehabe der Beteiligten bei der Nasa - und mit Zeitkritik.

"War das Unternehmen der nobelste Ausdruck eines Technischen Zeitalters", schreibt er an einer Stelle, "oder der beste Beweis seines kompletten Wahnsinns?"

Die stärksten Passagen sind jene, in denen er seine Sprachmächtigkeit und sein Beschreibungstalent auslebt. "Zwei gewaltige Flammensäulen senkten sich wie die Schwingen eines gelben feurigen Vogels über den ganzen Platz, bedeckten ihn mit strahlend gelben Flammenblüten, und zwischen ihnen erhob sich, weiß wie ein Gespenst, weiß wie der weiße Wal Moby Dick aus Melvilles Roman, weiß wie der Schrein der Madonna in den Kirchen der halben Welt, dieses schlanke, engelgleiche, geheimnisvolle Schiff aus drei Stufen …"  S. 148.

Opulente, beeindruckende Bilder

Die "Moonfire"- Ausgabe des Taschen Verlags zum Jubiläum ist ein Buch mit mehreren Ebenen. Das eine Ereignis ist es, die Reportage Mailers zu lesen. Das andere, die großformatigen, opulenten, beeindruckenden Bilder anzusehen, die Bildebene entwickelt eine ganz eigene Handlung.

Auf dem Einband sieht man das berühmte Bild von Buzz Aldrin, in dessen Visier sich Armstrong spiegelt, die Apollo 11, die Fahne und sein eigener Schatten. Unter dem Umschlag findet man die Mondoberfläche mit ihren Löchern und Kratern. Dann folgt eine Seite ganz in schwarz bis auf den hellen Mond, eine Aufnahme, die während des Rückflugs der Apollo 11 entstand.

Danach die Apollo-Mission mit all ihren Entwicklungsstufen, das Training der Astronauten, die Pressekonferenzen, die Testversuche und Raketenprototypen, die Familien der Astronauten. Dann: seitenweise Zuschauer, Menschen, die nach oben schauen, die Kameraobjektive nach oben richten. Aufnahmen aus der Apollo 11, aus der Kommandokapsel, aus dem Kontrollzentrum in Houston. Fotos vom dehydrierten Proviant an Bord, vom Mond, Mondsteinen, von der Rückkehr.

Ein großes Bilderbuch, in dem man sich stundenlang verlieren kann. 

Bilder: "Norman Mailer. MoonFire."

Warum jubeln die nicht?

Ein drittes Narrativ des Bandes sind die ausführlichen Bildtexte, die wiederum eine ganz eigene Geschichte erzählen. Neben einem Foto von Joan Aldrin, Buzz Aldrins Ehefrau, die sich ängstlich abwendet, als die Eagle auf dem Mond aufsetzt, steht zum Beispiel: "Als die beiden Männer auf dem Mond herumliefen, rief Pat Collins aus: Warum jubeln die nicht? Deswegen lassen sie keine Frau auf den Mond fliegen - die würde herumspringen und schreien und weinen".

Solche Texte tauchen tief hinein in den Zeitgeist und dokumentieren die männlich besetzte Welt der Raumfahrt, in der für Frauen nur die Rollen von Models und Ehefrauen vorgesehen waren  - auch davon erzählt "Moonfire".

Der irische Schriftsteller Colum McCann hat die Einleitung beigesteuert: "Gute Literatur", schreibt er, "besteht darin, der Geschichte Handschellen anzulegen, die Zeit anzuhalten, Erinnerung zu umklammern."

Er beschreibt, dass Mailer es wie kein anderer verstand, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen, in Marylin Monroe, Adolf Hitler, Muhammed Ali, Lee Harvey Oswald, Pablo Picasso.

In seinem Text über den Mond scheint Norman Mailer nicht in eine andere Person, sondern in ein ganzes Unterfangen geschlüpft zu sein, ein Projekt, eine Mission, intensiv aufgeladen mit politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und philosophischen Interessen und Erwartungen – die TASCHEN-Jubiläumsausgabe gibt davon einen tiefen, mitreißenden Eindruck.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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