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Rowohlt Verlag
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Biographie - Benjamin Carter Hett und Michael Wala: "Otto John"

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Es ist der 20. Juli 1954. Als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz nimmt Otto John in Berlin an der Feier zu Ehren der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 teil. Die Gedenkrede hält Bundespräsident Theodor Heuss. John ist einer der wenigen Überlebenden des Widerstandes, er diente Stauffenberg als Verbindungsmann zu den Engländern.

Verräter John?

Am Abend des 20. Juli fährt Otto John mit seinem Freund Wolfgang Wohlgemuth, ein West-Berliner Frauenarzt, der – wie sich später herausstellte – für den KGB arbeitete, in den Ostsektor der Stadt.

Am 23. Juli meldete sich John aus Ostberlin zu Wort: "Deutschland ist in Gefahr, durch die Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf ewig zerrissen zu werden." Einige Tage später wendet er sich wieder über den Rundfunk der DDR an die Öffentlichkeit und spricht sich gegen die Adenauersche Politik der Westintegration und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik aus. Auf einer großen, internationalen Pressekonferenz wiederholt er seine Vorwürfe in Ostberlin.

Entführungsopfer John?

Im Westen wird unterdessen gerätselt: Ist John freiwillig in den Ostsektor gegangen oder wurde er entführt? Wird er dort festgehalten? Um diese Fragen dreht es sich immer wieder in dieser bewegenden Biographie von Benjamin Carter Hett und Michael Wala.

Schließlich ist es ein wahrer Spionagethriller, ein Fall, der bis heute nicht vollständig geklärt ist. Und: So mysteriös wie sein Wechsel in den Osten ist seine Rückkehr in den Westen. Nach eineinhalb Jahren, im Dezember 1955, entweicht er seinen ostdeutschen Bewachern und wird vom dänischen Journalisten Bonde-Henriksen im Auto nach West-Berlin gebracht.

Hintergrund: Debatte um Wiederbewaffnung

Hett und Wala verdeutlichen auch vor welchen politischen Hintergründen die Affäre John abläuft: Die Sowjets sehen wohl eine letzte Chance die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und ihre feste Einbindung in den Westen zu verhindern. Und Otto John träumt – wie andere auch – von einem neutralen Gesamtdeutschland zwischen Ost und West.

In der Tat zerbricht der Plan einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft Ende August 1954 durch Ablehnung in der französischen Nationalversammlung. Doch Washington und London reagieren schnell und die Bundesrepublik wird in die NATO aufgenommen.

Persona non grata

Für viele ehemalige Nazis, die wieder in staatlichen Funktionen sind, ist Otto John ohnehin Persona non grata: Schließlich gehörte er zum Widerstand und half später der Anklage gegen den ehemaligen Generalfeldmarschall von Manstein. Für diese Leute – so Hett und Wala – war er ein Verräter.

Und einige von ihnen saßen jetzt über ihn zu Gericht. Denn, kaum zurück im Westen, wird John des Landesverrats angeklagt und vom Bundesgerichtshof zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit verdoppeln die Richter die Strafforderung des Staatsanwaltes.

1958 wird Otto John vom Bundespräsidenten begnadigt. Die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens, so verdeutlichen die Autoren, kämpft John vergeblich um eine Wiederaufnahme des Verfahrens und um seine Rehabilitierung. Er sei unschuldig, sei 1954 entführt worden.

Patriot oder Verräter?

Johns Geschichte über seine Entführung gehört ins Reich der Fiktion, meinen Hett und Wala. Dennoch sehen sie ihn nicht als Verräter: "Seine subjektiven Absichten waren jedoch 1954 genauso patriotisch, wie sie es 1944 waren. Sogar im Jahr 1956 hätte der Bundesgerichtshof das sehen können und müssen – und in Anerkenntnis dessen hätte Otto John freigesprochen werden müssen."

Am wahrscheinlichsten erscheint, dass John in eine Falle gelockt wurde. Er wollte mit wichtigen Vertretern der Sowjetunion sprechen und wurde vom KGB empfangen, der ihn nicht wieder zurückließ, sondern ihn zu Propagandazwecken missbrauchte.

Also: Otto John, ein Patriot, der an seiner Naivität und seiner Selbstüberschätzung scheiterte.

Eckhard Stuff, rbbKultur

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