Rachel Cohen: Verwobene Lebenswege; Montage: rbb
Piet Meyer Verlag
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Sachbuch - Rachel Cohen: "Verwobene Lebenswege"

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Eine fulminante und ungewöhnliche Literatur- und Kunstgeschichte: Wer kannte wen und seit wann, welche Schriftstellerin war mit welchem Dichter befreundet, wo haben sie sich kennengelernt – und was hat sie verbunden?

Im Vorwort erzählt die Autorin von einer Reise quer durch Amerika, auf der sie viel Lek­türe begleitete. "Im Kofferraum lagen zwei Kisten mit Büchern von Henry James, Mark Twain und Ulysses Grant, von Willa Cather, Katherine Anne Porter, James Baldwin, Ma­rianne Moore und Elizabeth Bishop."

Sie liest sich – zwei Jahrzehnte ist das her – durch die amerikanische Literaturgeschichte und beginnt sich bei und nach der Lektüre für die Bio­grafien, für das Leben, die Lieben und Abneigungen der Autoren und Autorinnen zu inte­ressieren. Sie besorgt sich Briefe und Essays und stellt fest, wie viele Querver­bind­un­­gen es gibt.

James Baldwin schreibt über seine Freundschaft mit Nor­man Mailer und warum er nach dem gemeinsamen Besuch eines Boxkampfes den Kon­takt abbricht. Die Dichterin Elizabeth Bishop hält an der ebenso innigen wie schwierigen Beziehung zu dem Dichter Robert Lowell fest. Die große Erzählerin Willa Cather wurde von zwei erfolgreichen älteren Autorinnen gefördert.

Private Historie

Mark Twain sprach von einer "privaten Historie": Wer wen beeinflusst hat im Schreiben, wer mit wem befreundet oder auch verfeindet war, wer wen und warum bewunderte. Die amerikanische Journalistin und Universitätsdozentin entwirft in diesem Buch eine Kunst-Landkarte der besonderen Art:

"Anfangs hatte ich jede Begegnung für sich betrachtet, wurde damit jedoch nicht der Tatsache gerecht, dass Twains lebenslanger Freund William Dean Howells auch Henry James sehr viel bedeutete; es liegt in der Natur einer privaten Geschichte, dass sich Teile davon überlappen."

Rachel Cohen erzählt private Geschichten, in denen sich Arbeitsweisen und literarische Vorlieben, exzessive und depressive Stimmungen, andauernde Zuneigungen und abrupte Brüche wichtiger amerikanischer Künstler und Künstlerinnen spiegeln. Denn bald gesellten sich zum Kreis der schreibenden auch bildende Künstler – und Fotografen.

Zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Rachel Cohen bewegt sich in ihren Beziehungsporträts zwischen Wirklichkeit und Fik­tion, stützt sich auf Quellen (Briefe, Tagebücher) – und auf ihre Fantasie. Sie stellt sich etwa vor, in welcher Stimmung Willa Cather auf dem Weg zum Porträtfotografen Ed­ward Steichen war, der eines der schönsten Fotos von ihr an diesem Nachmittag ma­chen wird.

Sie malt sich aus, dass die attraktive und erfolgreiche Katherine Anne Porter es be­dauern wird, Willa Cather nicht kennengelernt zu haben, obwohl sie zeitweise um die Ecke wohnte. Sie berichtet von der Anziehung zwischen James Baldwin und Norman Mailer, erzählt von einem Besuch des schwarzen Soziologen W.E.B. du Bois bei Charlie Chaplin in der Schweiz.

Das sind spannende und berührende Geschichten, intime Blicke auf bekannte Künstler, Porträts ungewöhnlicher Verbindungen. Literaturgeschichte wird hier einmal ganz an­ders erzählt, Kunstgeschichte als Beziehungsgeschichte buchstabiert.

Hilfreich gewesen wäre allerdings ein Glossar, dass die bei uns nicht so bekannten Auto­rin­­nen und Künstler vorstellt. Und einen besonderen Wermutstropfen gibt es darüber hin­aus: Die Übersetzung ist an einigen Stellen ziemlich holprig und fehlerhaft. Da wird etwa – aufgrund eines fal­schen Pronomens – Marlon Brando zum Darstel­ler in Chaplins "Monsieur Verdoux". Das ist ärger­lich.

Die Anekdote, dass Chaplin eine Katze, die ihn kratzte, töten und ausstopfen ließ, wirft ein ebenso düsteres Bild auf das Kinogenie, wie Brandos Einschätzung, es habe sich bei Chaplin um den sadistischsten Mann gehandelt, der ihm je begegnet sei.

Abgebildet ist in diesem Buch (über das der Bestsellerautor Dave Eggers gesagt hat, er kenne keines, "das Bücherfreunden so viel Freude bereitet") dazu ein Foto, das Richard Ave­don von Charlie Chaplin gemacht hat: Da hält er an beiden Seiten seines Kopfes die Zei­gefin­ger hoch, als seien sie Teufelshörner, zieht die Stirn in Falten und grinst sa­ta­nisch.

Manuela Reichart, rbbKultur

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