Simon Beckett: Die ewigen Toten; Montage: rbb
Rowohlt
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Bestseller - Simon Beckett: "Die ewigen Toten"

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Er tut es zum sechsten Mal. Dr. Hunter, der forensische Anthropologe, wühlt in verwesenden Mordopfern herum. Damit kennt er sich aus. Sein Erfinder, Simon Beckett, zeigt weniger Talent.

"Die ewigen Toten" ist ein grobmotorisches Machwerk. Und es langweilt – die Todsünde im Thriller-Genre. Am ärgerlichsten: Dr. Hunter überlebt einen hinterhältigen Anschlag. Womöglich, Gott bewahre, macht er weiter.

Es geht spektakulär los – allzu spektakulär. Wir betreten mit dem Ich-Erzähler, dem forensischen Anthropologen Dr. David Hunter, den Dachboden des ehemaligen Krankenhauses St. Jude im Londoner Stadtteil Blakenheath. Denn dort liegt eine mumifizierte Leiche herum, mutmaßlich das Opfer eines Verbrechens. Die Kriminalpolizei braucht Hunters Expertise.

Das gute alte Who done it?-Spiel könnte beginnen. Aber Simon Beckett greift sogleich zum billigsten Stilmittel, dem zufällig wunderbar passenden Zufall, und lässt Professor Conrad, einen Kollegen Hunters, durch den maroden Dachboden krachen. Conrad stürzt, wie angenehm für den Plot, in eine zugemauerte Grabkammer, das heißt, in einen Raum ohne Fenster und Türen, in dem zwei weitere Leichen liegen.

Bereits an dieser Stelle ist klar: Beckett scheut selbst den stärksten Tobak nicht, um seinen Thriller unter Dampf zu halten.

Akute Verstopfung durch Details

Nur leider klappt das nicht. Denn Beckett hat sich ja vor vielen Jahren mal auf der "Body Farm", einer Forschungsanstalt für Verwesungsprozesse der University of Tennessee im gleichnamigen US-Bundesstaat schlau gemacht. Und mit diesem Wissen füllt er nun auch den sechsten Hunter-Roman so reichlich ab, dass die Handlung immer wieder an akuter Verstopfung durch forensische Details leidet.

Mag man anfangs noch fasziniert sein von den bizarren Aspekten der Verwesung und den beeindruckenden Indizien, die sich toten menschlichen Körpern abgewinnen lassen, nimmt bald der Eindruck zu, dass Beckett weder Personen noch Geschichte noch Stilmittel richtig im Griff hat.

Unaussprechliche Dinge

Es stellt sich heraus, dass die in der Bauchgegend angefressene Leiche auf dem Dachboden von St. Jude im sechsten Monat schwanger war. Nun die Preisfrage: In welchem Monat schwanger ist wohl Detective Chief Inspector Sharon Ward, die gestresste Leiterin der Ermittlungen rund um das Ensemble der St.-Jude-Leichen? Richtig! Ungefähr im sechsten.

Der verfettete, misanthropische Unternehmer Mr. Jessop, den es eine Stange Geld kostet, dass sich der Abriss von St. Jude leichenhalber verzögert, ist unentwegt schwer angepisst. Aber dass er, nach zwischenzeitlicher Absenz, als selbstmitleidiger Killer und sprengstoffbeladener Selbstmordattentäter wiederkehrt, um mit dem St. Jude in einer Staubwolke in die Ewigkeit einzugehen – das ist, vorsichtig gesagt, ziemlich ungeschmeidig.

Und dann erst die alte, ätzende, gebrechliche Lola! Um sie und ihren vermeintlichen Sohn kümmert sich Hunter ohne erkennbaren Grund wie ein überambitionierter Sozialarbeiter. Bis ihn, nun ja, Lola mit einem primitiven Elektro-Schocker niederstreckt und beinahe umbringt.

Um nicht zu spoilern – falls denn jemand dieses Buch lesen möchte – sei nicht verraten, dass Lola unaussprechliche Dinge auf dem Kerbholz hat. Natürlich ist auch Lola aus Klischees geschnitzt – aber das gilt für alle Figuren. Psychologisches Raffinement? Fehlanzeige.

Verbindungen zu Edgar Allan Poe

Lohnt es sich, über Becketts/Hunters Stil zu reden? Nun, er beschreibt Lola als komplett derangierte, Messi-mäßige, stinkende Schreckschrulle, nennt sie eine "alte zänkische Hexe" und sagt auf der nächsten Seite, aha, aha, ist ja ein Ding: "Sie sah nicht aus wie eine Lola." Um auf der übernächsten Seite folgende Neuigkeit zu verbreiten: "Lola – der Name war wirklich unpassend."

Ob wohl je ein Lektor im Manuskript dieses Machwerks zu blättern geruhte? Beckett/Hunter bemüht bei der Darstellung des düsteren, verfallenden, verschachtelten Ex-Krankenhauses St. Jude alle möglichen Merkmale klassischer Spuk-Architektur, nicht zuletzt, mit Penetranz, die schwarzen Krähen – und scheut sich nicht, ausdrücklich auf eine gewisse Verbindung zu Edgar Allen Poes "Der Untergang des Hauses Usher" hinzuweisen.

Puh, manche Fußstapfen sind sehr groß. Genauso gut hätte sich Simon Beckett eine Girlande daraus flechten können, das sein Name ganz ähnlich klingt wie der von Samuel Beckett. Im übrigen säumen unerhörte Weisheiten den lange stockenden, später sprunghaft-stolpernden Gang der Handlung – Weisheiten wie: "Wenn ich bei meiner Arbeit eines gelernt hatte, dann, dass Veränderungen zum Leben gehören."

Grob, erzwungen, peinlich

Wenn Rezensenten bei ihrem Job eines gelernt haben, dann, dass große Mühsal bisweilen dazu gehört. Wie eben bei der Lektüre des neuen Beckett, Simon Beckett. Wer Thriller auf sein Werk schreibt, erteilt sich damit die Lizenz zum Herumfabulieren. Dagegen ist wenig zu sagen. Aber wenn ein Thriller langweilt, dann fällt das Herumfabulieren besonders negativ auf. Genauso die Grobheit der Personen-Charakteristik. Und das rüde Erzwingen neuer Wendungen. Und die sprachlichen Peinlichkeiten. Und, und, und.

Man muss bedauern, dass Lolas Elektroschocker Dr. Hunters Karriere auf dem Buchmarkt nicht endgültig beendet hat.

Arno Orzessek, rbbKultur

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