Buchcover: Greta Thunberg: "Ich will, dass ihr in Panik geratet! Meine Reden zum Klimaschutz"
Fischer
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Klimadebatte - Greta Thunberg: "Ich will, dass ihr in Panik geratet! Meine Reden zum Klimaschutz"

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Kaum jemand hat die Klimadebatte in den letzten Monaten so sehr bestimmt wie die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik für das Klima die "Fridays-For-Future"-Bewegung ins Rollen brachte. Manche nennen sie eine "Ikone", andere sehen in ihr fast eine Heilige. Der katholische Berliner Bischof Heiner Koch rückte sie gar in die Nähe von Jesus. Auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und bei der EU in Brüssel wollte man wissen, wie Greta Thunberg die Welt und ihre Zukunft sieht. Nun gibt es Thunbergs gesammelte Reden als Buch.

Mit literarischen Kategorien kommt man diesem schmalen Bändchen nicht bei, mit sprachlichen schon eher. Auch hilft es, diese Texte als "Ansprachen" statt als "Reden" zu begreifen. Alsdann: Welche Denk- und Sprechfiguren herrschen in Greta Thunbergs Ansprachen vor?

Die rhetorische Raffinesse antiker Redner dürfen wir hier nicht erwarten. Sie klänge wohl auch komisch aus dem Mund eines so jungen Menschen  und in einer Zeit, wo selbst Politiker nicht mehr mit rhetorischer Wucht, sondern mit sogenannter "einfacher Sprache" zu überzeugen versuchen. Was uns als Thunbergs Oeuvre vorliegt, sind kaum mehr als fünfzig Textseiten, luftig bedruckt, mit vielen Leerzeilen und zahlreichen Hauptsätzen.

Textbaustein mit Hilferuf

Schnell fällt auf: Dies sind in der Summe keine individuell durchgearbeiteten Texte, sondern variabel kombinierte Textbausteine. Bestimmte Absätze und Formulierungen tauchen immer wieder auf, am Ende des Buches hat man manche Passagen sechs, sieben Mal gelesen. Dazu gehören Aussagen wie "Niemand tut auch nur annähernd genug",  "Alles und alle müssen sich ändern", "Dies ist ein Hilferuf", "Jede Einzelperson zählt", "Unser Leben liegt in euren Händen".

Es herrscht ein Duktus der Unbedingtheit vor, des Alles-oder-Nichts, des Jetzt-oder-Nie. Natürlich dürfen Reden polarisieren, sie sollten es vielleicht sogar. Aber wenn man sie auf dem Papier liest, statt sie in einer Menschenmenge zu hören, können sie einem nach einiger Zeit in der Wiederholungsschleife durchaus unheimlich werden. Ist Panik – um den Titel des Büchleins zu zitieren – wirklich ein guter Ratgeber?

Albtraumhafte Szenarien

Greta Thunberg ist Autistin, sie hat das Asperger-Syndrom, und sie thematisiert das auch. Sie sagt zum Beispiel: "Für mich ist fast alles schwarz oder weiß". Das ist ihrer Meinung kein Nachteil, es soll die einzig angemessene Reaktion auf die Klimathematik sein. "Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht", sagt sie.

Diese Haltung zieht sich durch alle Texte. Der Menschheit bleiben angeblich keine drei Jahre, um ihr Verhalten drastisch zu ändern, sonst drohen "albtraumhafte Szenarien". Von diesem Fluch könne uns nur extremes Handeln befreien: Alle Industrienationen sollen auf fossile Brennstoffe verzichten, am besten sofort und total.

Man kann nicht immer Sechzehn sein

Natürlich ist verständlich, dass junge Menschen sich Sorgen um die Zukunft machen und dies mit Vehemenz artikulieren. Wann, bitteschön, sollte man schwärmerisch, radikal, zornig und idealistisch sein, wenn nicht mit Sechzehn?

Als der Rezensent selbst im Greta-Alter war, Ende der achtziger Jahre, beherrschten der saure Regen und das Waldsterben die Schlagzeilen. Er fand die Vorstellung, dass es den deutschen Wald bald nicht mehr geben solle, ganz schrecklich. Unbedingt müsse man den Individualverkehr verbieten, befand er – sofort und total. Genau wie Greta.     

Es hat keiner auf ihn gehört, doch den deutschen Wald gibt es mehr als dreißig Jahre später immer noch. Die Autos sind umweltfreundlicher geworden, die Kohlekraftwerke sauberer. Solche Lebenserfahrungen machen gelassener.

Die Lebensgrundlagen erhalten

Und genau das ist es, was wir Älteren den zornigen jungen Leuten schuldig sind: dass wir ihnen unsere Gelassenheit und unseren Sachverstand entgegensetzen, statt ihnen nach dem Mund zu reden. Dann kann aus dem Widerstreit der Meinungen tatsächlich etwas Produktives, Neues entstehen, das uns hilft, unsere Lebensgrundlagen auch in Zukunft zu erhalten.

Insofern sind Gretas Thunbergs gesammelte Reden, so knapp und gleichförmig sie sein mögen, durchaus erhellend.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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