Wiglaf Droste: Die schweren Jahre ab dreiunddreißig; Montage: rbbKultur
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Zum Wiederlesen empfohlen - Wiglaf Droste: "Die schweren Jahre ab dreiunddreißig"

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Man hat ihn mit Tucholsky verglichen, er war ein begnadeter Autor und Vorleser eigener Texte, ein Grantler und ein Bonvivant: Der Autor, Sänger und Satiriker Wiglaf Droste hatte viele Talente. Eines davon war zweifellos das Talent zum Polarisieren. Kaltgelassen haben seine Texte wohl keinen, der sie las oder hörte.

Am 15. Mai dieses Jahres ist er gestorben, im Alter von nur 57 Jahren. Sein langjähriger Verlag, die Edition Tiamat, hat jetzt zu seinem Gedenken einen Sammelband seiner besten Texte herausgegeben: rund achtzig publizistische und literarische Arbeiten, ausgewählt  aus fast zwanzig Büchern, unter dem typischen Droste-Titel "Die schweren Jahre ab dreiunddreißig".

Wiglaf Droste war eine Pflanze, die ursprünglich in einem ganz bestimmten Biotop gedieh: dem West-Berlin der Achtzigerjahre. Aber eben nicht dem Berlin der Berliner, sondern dem der Zugereisten, der jungen Leute aus Westdeutschland – Menschen, die an der Biederkeit ihrer Herkunftswelt litten und in Berlin etwas ganz anderes suchten.

Polemisch bis zur Raserei

Droste war auch so ein Wessi, aufgewachsen in Bielefeld, das manchem als Synonym der Langeweile und Biederkeit gilt. Er kam mit Anfang Zwanzig nach Berlin, schmiss sein Publizistik-Studium hin und fing an, für Zeitungen zu schreiben. Dem Kreuzberger Milieu, in dem auch Droste Fuß fasste, hat Sven Regener in Romanen wie "Herr Lehmann" und "Wiener Straße" zu umfassender Bekanntheit verholfen.

Regener nähert sich diesem Milieu auf anekdotische und nostalgische Weise. Eine solche Herangehensweise wäre für Droste undenkbar gewesen. Wo Regener abgeklärt-sentimental ist, da ist Droste wütend, polemisch, manchmal bis zur Raserei. Das unterscheidet ihn auch von Max Goldt, dem begnadeten Kolumnisten, als dessen Pendant er anfangs öfter betrachtet wurde. Goldt ist eher pikiert, wo Droste schon tobt.

In dem liebevoll und kundig zusammengestellten Band gibt es einen Satz, der als Motto über Drostes Gesamtwerk stehen könnte: "Man muss durch das, was einen quält, hindurch, um es abhaken zu können". Wenn man diese Sentenz recht bedenkt, dann versteht man, warum Drostes Texten die Abgeklärtheit fehlt.

"Eiapopeia mit Negern"

Bei Sven Regener und Max Goldt ist der Text schon das Resultat der Verarbeitung, da ist die Wut bereits geläutert, vielleicht sogar ins Behäbige, Gemütliche überführt. Bei Droste wird die Wut in den Text hineingepackt, die Befreiung kommt dadurch, danach.

Nehmen wir seinen Text "Eiapopeia mit Negern" aus dem Jahr 1993. Hier wird schon im Titel deutlich, dass politische Korrektheit bei Droste nicht an erster Stelle steht:

"Heissa: Wir begehen die Woche des ausländischen Mitbürgers (...)  Wir nehmen uns bei den Händen und tanzen Ringelreihen. Seht her – wir fassen Ausländer an. Sogar ganz dunkle, sogar kohlenschwatte. Jaha. Sind wir nicht gut? Doch, wir sind gut, Gutsein ist gut, alles wird jut, tut tut tut. (...) Jesus singt auch mit bei uns. Das ist gut. Jetzt singen die ausländischen Mitbürger. Es sind Neger."

Rassismus, schonungslos offengelegt

Es fällt auf, mit wie viel heißer Wut, aber auch mit welch kaltem Stilwillen dieses Stück geschrieben ist. Natürlich ist es, um das unmissverständlich zu sagen, nicht rassistisch. Im Gegenteil: Es spiegelt den unterschwelligen Rassismus von Menschen wider, die sich für ihre Weltoffenheit und Toleranz bejubeln, als wäre sie nicht etwas völlig Selbstverständliches.

Der "Neger", der ausländische Mitbürger, ist nur das Dekor für die eigene Großartigkeit. Er wird in eine Opferrolle gedrängt, damit ihn der gute, geläuterte Deutsche daraus erlösen kann – spiegelverkehrter Rassismus. Genau das legt Droste schonungslos offen.

Ein Stück wie dieses ist nach mehr als einem Vierteljahrhundert aktueller denn je. Andere Texte sind anlass- oder personengebundener, sie sinken mit ihren Gegenständen auch mal ins Gestrige ab. Was von ihnen bleiben wird, sind einzelne großartige Formulierungen, bei denen der Anlass schon fast gleichgültig ist – ähnlich wie bei Karl Kraus, dem Wiglaf Droste insgesamt näher steht als der öfter herbeizitierte Tucholsky.

Wiglaf Droste; © dpa/Jan Vetter
Bild: dpa/Jan Vetter

"Ringelkiez mit Anfassen"

Gentrifizierung in Berlin – das ist für Wiglaf Droste "Ringelkiez mit Anfassen". "Wer keine Gedanken hat, muss eklektizieren gehen" – auch so ein schöner Satz von ihm. Und natürlich war er absolut gnadenlos, wenn es um das eigene Milieu ging: "Richtig gut ist die Gesinnung eben erst, wenn sie wirklich gar nichts mehr kostet." sagt er dann.

Man liest so etwas mit Vergnügen und einem Gefühl der Befreiung – und auch mit einer gewissen Wehmut. Was Meinungsfreiheit angeht, auch und gerade da, wo sie wehtut, waren wir schon mal weiter, auch das zeigen uns diese Texte. Wir bräuchten dringend einen neuen Wiglaf Droste. Aber den gab's nur einmal. Zum Glück bleiben uns seine Texte.

Steffen Jacobs, rbbKultur

"kurz und gut": Wiglaf Droste

- Wiglaf Droste: Freuden eines kochenden Arbeiters

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