Wolfgang Rathert / Berndt Ostendorf: Musik der USA © wolke Verlag
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Musikbuch - Wolfgang Rathert / Berndt Ostendorf: "Musik der USA"

Bewertung:

Die Musikgeschichte der USA auf gut 700 Seiten. Das scheint angesichts der Materialfülle ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Dabei gelingt den Autoren eine vielschichtige und kompetente Darstellung zahlloser Schlaglichter.

Wolfgang Rathert und Berndt Ostendorf wussten, worauf sie sich eingelassen haben. Gleich im Vorwort bezeichnen sie ihren Versuch einer Darstellung der Musikgeschichte der USA als "verwegen" und schreiben zutreffend, dass sich die Dimensionen des Materials "einer Bändigung entziehen". Klar muss daher auch sein, dass man selbst bei über 700 Seiten nicht annähernd Vollständigkeit erzielen kann.

Dieses Problem lösen die Autoren, wie bereits der Untertitel andeutet, mit "Kultur- und musikgeschichtliche(n) Streifzüge(n)". Insgesamt vier Perspektiven in der Art von Großschlaglichtern enthält der Hauptteil. So wird etwa der Frage nachgegangen, warum gerade die populäre Musikkultur der USA so erfolgreich ist im Unterhaltungs-Sektor. Auch spielt die Migrationsbewegung in die USA und deren Auswirkung auf die Musik eine Rolle – bis hin zur Grundfrage, was eigentlich typisch amerikanische Musik ist.

Vielfalt

Die Darstellung ist wie das Musikleben der USA – vielfältig. Immer wieder wurde diskutiert, ob das Land eine eigene Musikausrichtung hat. Das gab es bereits in der Geschichte: Ist es eher die Basis der afro-amerikanischen Musik oder mehr der europäische Einfluss?

Wenn man das Buch liest, bekommt man rasch den Gesamteindruck, dass in vielen Ausprägungen Einflüsse miteinander kombiniert erscheinen, wenn etwa Frank Zappa Projekte zwischen Neuer Musik und Pop verwirklicht. Ganz am Ende kommen die Autoren zum bemerkenswerten Schluss: "Amerikanische Musik ist es, das zu verändern, was man von ihr erwartet."

Klassik, Jazz, Pop

Der Löwenanteil liegt dabei schon eher auf dem Segment der klassischen Musik mit Einflüssen oder Schicksalen von Musikern und Dirigenten, dabei Emigranten wie Béla Bartók oder Arnold Schönberg.

Auch der Jazz kommt vor, wenngleich besonders die Beschreibung der Musikentwicklung nach 1945 von der "e-musikalischen" Avantgarde dominiert wird. Da gibt es lange biograpfische Abrisse über John Cage oder Leonard Bernstein, während Jazzgrößen wie Charlie Parker oder Miles Davis eher punktuell berücksichtigt werden. Das ist den Autoren allerdings auch ausdrücklich bewusst. Zum Ausgleich gibt es fast einhundert Seiten Literaturhinweise im Anhang.

Musik- und Zeitgeschichte

Das ist ein gutes Nachschlagewerk, allerdings kann man sich darin auch wunderbar in Zusammenhänge vertiefen. Die Großkapitel, jeweils gut hundert Seiten, lassen sich bequem als Ganzes lesen.

Daneben lässt sich in dem Buch auch gut blättern, so in der umfangreichen Chronik mit historischen Daten, angeordnet von 1600 bis heute, und zwar in zwei parallelen Tabellen. Links ist Nordamerika vertreten: von 1602, als ein englischer Kapitän die Insel Nantucket an der Ostküste "entdeckt" hat, bis zum Tod der Soulsängerin Aretha Franklin 2018. Die rechte Spalte widmet sich Europa und der restlichen Welt von der Verbrennung Giordano Brunos 1600 bis zur Gegenwart mit dem Tod des polnischen Jazzmusikers Tomasz Stanko. Das lässt noch einmal sinnlich erleben, wie Musik- auch immer Zeitgeschichte ist.

Wissenschaftlicher Anspruch

Wolfgang Rathert und Berndt Ostendorf ist die Quadratur des Kreises gelungen, angesichts der Überfülle an Material eine komplexe und gleichzeitig überschaubare Darstellung der Musik in den USA zu schreiben. Natürlich haben sie versucht, möglichst viel unterzubringen, das Buch ist sehr dicht geschrieben. Daneben hat es durchaus wissenschaftlichen Anspruch, was dazu führt, dass nicht jeder Fachbegriff erklärt wird und auch die Zitate aus englischsprachigen Quellen nicht übersetzt werden.

Dennoch ist das Buch auch für den Einsteiger mit Gewinn zu lesen, da sich die Autoren nicht unnötig kompliziert ausdrücken. Ein bisschen ärgerlich sind die vielen kleinen Druckfehler, da hätte noch etwas sorgfältiger Korrektur gelesen werden müssen. Dennoch: Was in diesem Umfang zu leisten war, ist den Autoren mit ihrem Buch auf erfreuliche Weise geglückt.

Andreas Göbel, rbbKultur

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