Cover: Adorno "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus"
Bild: Suhrkamp

Flaschenpost an die Zukunft - Theodor W. Adorno: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus"

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Welche Ursachen der seit einiger Zeit - nicht nur in Deutschland - bemerkbare Zuspruch zu rechtsextremen Parteien hat und wie man das Erstarken populistischer Bewegungen verhindern könnte, darüber herrscht im linksliberalen Mainstream große Verwirrung. Um sich Klarheit zu verschaffen, hilft vielleicht die Lektüre eines Vortrages, den Theodor W. Adorno 1967 gehalten hat und der erst jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, erstmals veröffentlicht wird: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" heißt das schmale Bändchen, den der Suhrkamp Verlag als eine "Flaschenpost an die Zukunft" bezeichnet.

Narben der Demokratie

Adorno reiste auf Einladung des "Verbandes Sozialistischer Studenten Österreichs" im April 1967 von Frankfurt am Main nach Wien, um an der Universität öffentlich danach nachzudenken, warum - 22 Jahre nach Kriegsende - in Deutschland ein "neuer Rechtsradikalismus" auf dem Vormarsch war.

Die 1964 gegründete NPD hatte sich (wie heute die AfD) in kürzester Zeit von einer konservativ-nationalistischen in eine rechtsradikal-faschistische Partei gewandelt und - quasi aus dem Stand heraus - den Einzug in die Länderparlamente von Bayern, Bremen, Hessen und Rheinland-Pfalz, Niedersachen und Schleswig-Holstein geschafft. Die Befürchtung war groß, dass sie auch in den nächsten Bundestag einziehen würde.

Adorno entwickelt in seinem Vortag keine fundierte Theorie, sondern nennt lediglich einige "Aspekte", die es zu berücksichtigen gilt, wenn man die sozialen, politischen und massenpsychologischen Ursachen des Rechtsradikalismus verstehen will.

Er knüpft an seine Studien zur "autoritären Persönlichkeit" an, wirft einen Blick auf die schuldbeladene Aufarbeitung der Nazi-Zeit, analysiert gesellschaftliche Bedingungen sowie Ziele, Mittel und Taktiken der neuen rechtsradikalen Bewegungen und zeigt auf, dass man sie als "Wundmale, als Narben der Demokratie bezeichnen" kann, einer Demokratie, die für viele Menschen, die sich ausgeschlossen und abgehängt fühlen, bisher eine bloße Behauptung ist, einer Demokratie, "die ihren eigenen Begriff", wie Adorno sagt, "eben doch bis heute noch nicht voll gerecht wird."

Wir erleben Adorno beim Nachdenken

Der Vortrag schlummerte bis heute im Archiv, weil Adorno kein Freund davon war, die Differenz zwischen dem freien mündlichen Vortrag und der durchgearbeitet schriftlichen Darlegung aufzuheben

Angesichts der erschreckenden und viele immer noch rätselhaften Erfolge von AfD, Pegida und Identitären hat der Suhrkamp Verlag nun gegen Adornos Bedenken verstoßen und den Mitschnitt des Vortrags veröffentlicht und mit einem Nachwort von Publizist und Historiker Volker Weiß versehen.

Es ist ein Coup: Denn wir erleben Adorno beim Nachdenken und wie der Philosoph und Soziologe, der sich sonst in seinen Büchern in einer hermetischen Sprache und in einem kryptischem Vokabular verliert, alltagssprachlich öffnet und von einem intellektuellen Denkmal zu einem (fast) ganz normalen Menschen wird.

Sie suchen einfache Lösungen für ihre Misere

Adorno ist der Ansicht, dass die Voraussetzungen rechtsradikaler Bewegungen - trotz des Zusammenbruchs nach 1945 - gesellschaftlich "nach wie vor fortbestehen", dabei denkt er in erster Linie an die "nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals", also die Vernichtung mittelständischer Betriebe zugunsten global agierender Konzerne und die immer weiter auseinander driftende Schere zwischen arm und reich.

Das führt zur Deklarierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich sind und gern ihren sozialen Status bewahren würden, aber nicht mehr können und sich in ihrer Abstiegsangst politisch radikalisieren und anfällig werden für ideologische Manipulationen, rassistische und antisemitische Vorurteile.

Diese Gruppen schieben die Schuld an ihrer Deklassierung "nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt" hat, sondern auf diejenigen, die dem System, in dem sie einmal einen Status besessen haben, kritisch gegenüberstehen: Sie hassen deshalb den Sozialismus genauso wie alle Juden und Fremden, alle Künstler und Intellektuellen, die sie als "Kulturmarxisten" diffamieren. Sie haben im "Zeitalter der Automatisierung" Angst vor dem "Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit" (Heute würde man sagen: vor Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz).

Sie suchen einfache Lösungen für ihre Misere und Schuldige, an denen sie ihre Wut ablassen kann; sie wollen sie feste Grenzen und abgeschottete Nationalstaaten, obwohl sie im Grunde wissen, dass es zur Europäischen Einheit und zur globalen Wirtschafts-Welt keine Alternative gibt.

Sie wollen an die Parolen und Phrasen der rechtsextremen Politiker glauben, die keine Theorie und kein Konzept haben, sondern deren Propaganda die "Sache selbst" ist und die "Substanz der Politik" ausmacht (muss man da nicht sofort an Björn Höcke denken?).

Sie fordern (aus Scham und Schuld) ein Ende der Vergangenheitsbewältigung, lauschen nur allzu gern der manipulativen Rhetorik ihres Spitzenpersonals und halten die immer wieder neu aufgewärmtem politischen Lügen irgendwann für wahr.

Sie hassen die Demokratie, aber sie geben sich gern als "wahre Demokraten" und schelten die anderen als "antidemokratisch" (Heute ist auf den Wahlplakaten der AfD zu lesen: "Die Wende vollenden", "Freiheit statt Sozialismus", "Wir sind das Volk").

Sie ahnen, dass sie einem "Wahnsystem" verfallen sind, dass ihr Nationalismus etwas Schräges und "Angedrehtes" hat, dass ihre Überzeugungen, weil sie der objektiven Realität nicht entsprechen, etwas "Dämonisches" und "Zerstörerisches" haben.

Sie haben den "unbewussten Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe" und wollen, wenn sie schon ihre eigenen soziale Situation nicht verbessern können, "den Untergang der eigenen Gruppe", ja wenn möglich "den Untergang des Ganzen." Oder um es mit Richard-Wagner-Kenner Adorno zu sagen: "Weißt Du, was Wotan will? Das Ende."

Diesem Wunsch nach Unheil und Katastrophe zu begegnen, ist schwierig: Denn der "manipulative Typ" des kaltherzigen Propagandisten ist immun gegen Argumente. Auf keinem Fall, so Adorno, sollte man auf die Lügen der rechtsextremen Scharfmacher mit neuen Lügen reagieren, auf Halbwahrheiten nicht mit neuen Halbwahrheiten. Aber man sollte, meint Adorno, den Rechtsextremismus auch nicht als "Naturkatastrophe" betrachten, kein "zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit" einnehmen, sondern aktiv werden, sich einmischen.

Den verblendeten jugendlichen Mitläufern der alten und neuen Nazis sollte man vor Augen zu führen, welche fatalen Konsequenzen die von ihnen befürworteten Ideologien für ihr eigenes Leben hätten: Ob sie wirklich Drill und Unterdrückung der privaten Sphäre wollen, Disziplin, Ordnung und Abschottung als Selbstzweck? Nicht Kontemplation und Resignation ist vonnöten, sondern mit der "durchschlagenden Kraft der Vernunft" der wahnhaften und zerstörerischen Propaganda entgegentreten, die Demokratie vollenden und die sozialen Verwerfungen mindern. Nur so, meint Adorno, ist der rechtsextreme Sumpf auszutrocknen. Könnte ihm da irgendjemand widersprechen?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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