Alexis Cottin: Chais / Cellars; Montage: rbbKultur
Bild: Kehrer Verlag

Bildband - Alexis Cottin: "Chais | Cellars"

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Wenn Sie sich ein vorzügliches Glas Wein gönnen, dann wissen Sie vermutlich, von welchem Weingut der Tropfen stammt und aus welcher Traube er gewonnen wurde. Aber wissen Sie auch, wo und wie der Stoff gelagert wird und auf den richtigen Zeitpunkt zum Abfüllen wartet? Können Sie sich vorstellen, wie es heutzutage in einem Weinkeller aussieht?

Antworten auf solche Fragen sucht der französische Fotograf Alexis Cottin. Sein Fotoband trägt den Titel "Chais | Cellars". Cottin konzentriert sich auf 40 Weingüter und Weinkeller in und um Bordeaux, hat sich die Erlaubnis eingeholt, die oft gut gehüteten Geheimnisse zu lüften und öffentlich zu machen, wie der Besitzer des Weingutes gesehen und verstanden werden will, welches Bild oder Image er gern über sich und seinen Wein vermitteln will. Denn einen vorsichtigen Blick in den Weinkeller zu werfen, in der immer eine konstant gleiche Temperatur, eine gleich bleibende Feuchtigkeit und Dunkelheit herrschen muss, war noch vor wenigen Jahren undenkbar.

Das hat sich geändert, man darf jetzt zu bestimmten Zeiten einen Blick erhaschen und eine Vorstellung gewinnen, wie und in welchem Ambiente der Besitzer des Weinguts seinen edlen Tropfen reifen lässt: Ob es aussieht wie in einer dunklen Gruft oder in einer hellen Fabrik. Ob er den Charme des Alten bevorzugt oder den Glanz der Moderne, ob er dem süßen Leben oder dem technischen Fortschritt ein Denkmal setzen möchte, lieber altes Holz vorzeigt oder blank geputzten Stahl. Oder beides, alt und neu, verbinden möchte.

Um für Geschmack und Image des Weins den jeweils passenden Keller zu bauen, sind alle in diesem Fotoband präsentierten Weinkeller von Architekten entworfen und realisiert worden. Wer sich dafür interessiert, findet die Namen aller Weingüter und Architekten am Ende des Buches.

Beton und Barock

Im Chateau Angélus liegen die hölzernen alten Weinfässer fein säuberlich gestapelt in einem Raum, dessen Wände dezent anthrazitfarben ausgemalt sind. Die Decke gleicht einer Welle aus hölzernen Streben. Man hat das Gefühl, in einem Konzertsaal zu sein, in dem der möglichst beste Klang des Weins erzeugt werden soll.

Im Chateau Ausone liegen die alten Holzfässer in einer düsteren Gruft. Mächtige Betonsäulen stützen die Decke ab, die den Raum und die Weinfässer fast zu erdrücken scheinen. Das hat etwas Gefährliches und zugleich Geheimnisvolles.

Oder das Chateau Beauregard: Da stehen riesige Steingefäße, aufgereiht wie landwirtschaftliche Silos, auf einem spiegelblanken Marmorboden. Auch im Chateau Canon stehen Silos, doch diesmal aus Stahl, in einer Halle, die wie eine Fabrik aussieht, in der alles hochtechnisiert und mit der Stechuhr vonstattengeht.

Im Chateau Gazin dagegen fühlt man sich in eine alte gotische Kirche versetzt, in einen kargen langen Raum, weiß verputze Wände, eingelagerte alte Feldsteine, die Decke von Holzstäben gehalten. Mächtige gotische Gewölbe hingegen scheint man im Chateau Gruaud Larose zu bevorzugen. Und im Chateau Pape Clément liebt man es eher barock: An den Wänden religiöse Tafeln, von der Decke hängen opulente Lüster, die scharlachroten Weinfässer lagern auf blutrotem Boden.

Überhaupt wirken die Weinkeller oft wie Kathedralen der Schönheit, sie verströmen die selbstbewusste Aura von Macht und Reichtum und von einem Bewusstsein, das bereit ist, auf selbst-ironische Art Geschichte und Gegenwart miteinander zu kombinieren und die alten Traditionen mit industrieller Fertigung zu verbinden, und es, wenn das Licht wieder ausgeht und die Keller wieder in feuchter Finsternis liegen, dem Wein zu überlassen, sich zu edler Reife zu vollenden.

Größe und Vollkommenheit

Um die Aura des Kellers und die Ästhetik des Raumes einzufangen, versucht Cottin (fast) immer, den gesamten Keller oder den einen Raum, den er gerade betritt, zu erfassen. Es scheint (oft) als habe er gerade die Tür geöffnet und als würde er jetzt auf leisen Sohlen den Gang entlanggehen, der den Raum mittig durchschneidet. Die Fotos sind deshalb (fast immer) so komponiert, dass wir von einer zentralen Sichtachse aus den Raum erfassen, die Bilder geben (fast immer) einen Überblick über die Totale, die Größe, die Bedeutung des Kellers, die Architektur des Raumes.

Wir erfassen auf einen Blick die Beschaffenheit und Struktur der Säulen, des Bodens, der Gewölbe, die Lagerung des Weins in Fässern und Silos. Nie greift sich der Fotograf ein winziges Detail heraus, nicht das Kleine und Nebensächliche, sondern das große Ganze interessiert ihn.

Dabei würde der Mensch nur stören: Auf keinem einzigen Foto ist ein Mensch zu sehen, niemand, der die Fässer, die Temperatur, die Feuchtigkeit kontrolliert. Man hat das Gefühl, dem Wein haftet etwas Archaisches und Göttliches an, er braucht den Menschen nicht, er ist sich selbst genug und schafft es ganz allein, zur Vollkommenheit zu reifen.

Geschmack und Gefühl

Ein großartiges Fotobuch, das vielleicht doch einen Wermutstropfen hat: Hilfreich wären ein paar zusätzliche Informationen, vielleicht auch eine Karte, auf der verzeichnet ist, wo die Weingüter liegen, dazu eine kleine Einschätzung, was den jeweiligen Wein ausmacht und auszeichnet. Aber außer, dass – wie erwähnt – am Ende des Buches die Namen der Weingüter und die Namen der Architekten aufgelistet werden, gibt es keinerlei Zusatzinformationen.

Das ist wahrscheinlich auch die Absicht: Wir sollen uns wohl ganz auf die Ästhetik und Schönheit der Räume konzentrieren und uns beim Anblick der Weinkeller vorstellen, wie der Wein, der hier gelagert wird, wohl schmecken und welches Gefühl er vermitteln könnte, ob erdig und sinnlich, metallisch und trocken oder rauschhaft und ekstatisch.

Als jemand, der nie Wein trinkt und so gut wie nichts von Wein versteht, fehlt mir da manchmal die nötige Fantasie. Obwohl, wenn ich's recht bedenke: Beim Anblick dieser dionysischen Verlockungen komme ich doch auf den einen oder anderen herrlichen Gedanken ...

Frank Dietschreit, rbbKultur

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