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Biographie - Astrid von Nahl: "Judith Kerr. Die Frau, der Hitler das rosa Kaninchen stahl."

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Optimismus als Lebensform: Die erste Biographie über die kürzlich verstorbene Illustratorin und Autorin Judith Kerr

Im Mai diesen Jahres ist sie mit 95 Jahren in London gestorben - die Frau, der Hitler das rosa Kaninchen stahl. Hierzulande ist Judith Kerr vor allem bekannt als Autorin ihrer Trilogie über die Flucht ihrer jüdischen Familie aus Nazideutschland – in England jedoch, wo sie lebte, kannte man sie vor allem als Illustratorin und Zeichnerin, u.a. der wunderbaren Bilderbücher über den Kater Mog.

Anna ist nicht Judith

Astrid von Nahl hat nun die erste Biographie über diese außergewöhnliche Frau geschrieben: „Judith Kerr. Die Frau der Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Natürlich spielt darin Judith Kerrs bekannte Trilogie eine Rolle, doch von Nahl weist entschieden darauf hin, dass man zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden müsse.

Das Mädchen Anna aus der Trilogie ist Judith Kerr natürlich sehr ähnlich, aber Kerr selbst wies in ihrer Autobiographie „Creatures“ von 2013 (2018 auf Deutsch als „Geschöpfe“) darauf hin, dass die drei Bücher als Romane zu verstehen seien, die „Schwerpunkte“ setzen und einige Ereignisse dramatisieren und andere abschwächen.

Nach dem allzu sachlich-historischen Beginn des ersten Kapitels entwickelt die Biographie einen eigenen Erzählsog - Astrid von Nahl erzählt in vier Stationen das Leben Judith Kerrs nach und stützt sich neben der Kaninchen-Trilogie auf Reden, Tagebuchaufzeichnungen und Interviews. Gegenüber Kerrs Autobiographie vermag sie dabei einige Leerstellen zu füllen. So beruft sich von Nahl immer wieder auf die Lebenserinnerungen von Judith Kerrs Bruder, den Juristen Michael Kerr, der 2004 „As far as I remember“ veröffentlichte – bisher leider nur auf Englisch erschienen.

Während Judith Kerr zum Beispiel nur wenige Sätze über die letzten Lebensjahre ihrer Eltern verlor, schilderte ihr Bruder diese Zeit detaillierter: Wie Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker, nach einem Schlaganfall im Hamburger Hotel Atlantic Gift nahm; und wie Julia Kerr sich durch ihre Arbeit bei den Nürnberger Prozessen eine neue Existenz aufbaute, aber dennoch wieder einen Suizidversuch unternahm.

Ist es nicht herrlich, ein Flüchtling zu sein?

Es ist bezeichnend, dass Judith Kerr selbst wenig darüber berichtete: Sie war eine Frau, die sich lieber auf Positives berief. Berühmt ist eine Episode, die Kerr selbst gerne erzählte - wie sie als Elfjährige mit dem Vater im Exil in Paris am Fenster stand, auf die Stadt blickte und rief: „Ist es nicht herrlich, ein Flüchtling zu sein?“ Auch als erwachsene Frau hat sie stets ohne Verbitterung über den Nationalsozialismus gesprochen, und auch in ihren Büchern entschied sie sich im Zweifelsfall für einen versöhnlichen Ton.

Als die Familie Mitte der 30er Jahre von Paris weiterfloh nach England, mussten Judith und ihr Bruder für eine Weile zu den eher ungeliebten Großeltern nach Nizza ziehen. Anna und Max im Roman jedoch mutet Kerr die Reise zu den Großeltern nicht zu: Im letzten Moment kommt ein Brief aus England, dass ein Regisseur ein Filmmanuskript des Vaters gekauft hat und sie genug Geld haben, um alle gemeinsam zu fahren.

Die Regisseurin Caroline Link hat „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ gerade verfilmt. Die Biographie erinnert vor dem Filmstart im Dezember noch einmal sanft daran, dass das stark autobiographisch inspirierte Buch trotz aller Ähnlichkeiten zwischen Autorin und Hauptfigur ein Roman ist – geschrieben von einer Autorin, die sich in ihrem Leben, Schreiben und Zeichnen für fröhlichen Optimismus entschieden hatte.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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