Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende; Montage: rbbKultur
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Romangeschichten - Brigitte Kronauer: "Das Schöne, Schäbige, Schwankende"

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Brigitte Kronauer, eine der wichtigsten deutschen Gegenwartsautorinnen, hat Romane wie "Frau Mühlenbeck im Gehäus", "Teufelsbrück" oder "Gewäsch und Gewimmel" geschrieben. Sie hat dafür viele Literaturpreise bekommen. Am 22. Juli ist Brigitte Kronauer im Alter von 78 Jahren in Hamburg verstorben. Doch sie hinterlässt ihren Leser*innen ein letztes Buch.

Den Leser erwartet in ein üppige Landschaft aus literarischen Kapriolen und philosophischen Finessen, ein kaum zu bezwingendes Gebirge aus poetischen Skizzen und filigranen Geschichten, ein verwirrendes Kaleidoskop von verschiedenartigsten Menschen, die den Leser, kaum dass er sie kennengelernt hat, schon wieder verlassen, die sich mal von ihrer schönen, mal von ihrer schäbigen Seite zeigen, sich mal schwankend aufmachen in ein neues Leben und mal abstürzen in ein verbittertes, trauriges Ende.

Intellektuelle Zumutung und Befreiung von alltäglichem Ballast

Brigitte Kronauer hat es dem Leser nie einfach gemacht, sie wollte nie die Wirklichkeit nur beschreiben, sondern sie durch Poesie verändern, wollte Vorschläge machen, wie die schnöde Realität durch den sprachliche Wind-Hauch des Schönen und Göttlichen zu einer besseren Welt werden kann.

Ihre Romane mit so seltsam versponnenen Titel wie „Errötende Mörder“, „Gewäsch und Gewimmel“, „Der Scheik von Aachen“ waren für den Leser immer eine intellektuelle Zumutung, aber zugleich auch eine Befreiung von alltäglichem Ballast.

Das trifft auch auf die 600 Seiten des neuen Romans zu: Das Lesen ist Schwerarbeit, ein literarischer Marathonlauf, aber wenn man es geschafft hat, fühlt man sich man frei und froh und glücklich.

Denn Brigitte Kronauer versammelt hier unzählige Roman-Anfänge und Roman-Geschichten, die sich alle mit der Schönheit des Lebens und dem Schrecken des Todes beschäftigen, vor allem aber mit vielen wunderschönen Vögeln, die sich zwitschern und schnatternd, gurrend und tirilierend ins Geschehen einmischen und als Boten des Todes hin und her flattern zwischen Himmel und Hölle.

Im ersten von insgesamt fünf Kapiteln erklärt uns das literarische Ich mit sanfter Ironie, wie sie sich bei Freunden auf dem Lande eingenistet hat, Spät-Hippies und Hobby-Ornithologen, die sich auf eine Weltreise begeben und deren Haus vollgestopft ist mit Vogelbüchern und Vogelbildern.

Sie will dort, sagt sie, in Ruhe einen Roman mit dem Titel „Glamouröse Handlungen“ schreiben, der sie endlich von dem Kritiker-Vorwurf befreit, sie könne keine vernünftigen Handlungen entwickeln, ihre Romane hätten keinen verständlichen Plot: Das geht ja gut los, denkt man als Leser verwirrt, denn hat das Buch, das man in den Händen hält, nicht einen ganz andern Titel?

Der Aufprall der Schneeflocken

Bevor die Autorin, deren Leben und Werk immer etwas Unberührbares, Manieriertes und Artifizielles hatte, sich vom Vorwurf der „narrativen Impotenz“ so recht befreien kann, kommen die Freunde - in der Fremde entführt, ausgeraubt und vor Todesangst schlotternd - frühzeitig von ihrem Trip zurück und die Autorin räumt das beschauliche Feld und die kontemplative Einsamkeit.

Ihre Notizen zu den „Glamourösen Handlungen“ schiebt sie beiseite und beschließt stattdessen, animiert durch das Vogelparadies, durch das sie da ein paar Wochen staunend gestolpert ist, ein Buch über „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ zu schreiben.

Auge in Auge mit den Vogelgesichtern will sie ihre Figuren Entwicklungsstufen durchlaufen lassen: Die Schäbigen sollen ins Unerfreuliche abstürzen, die Schönen zur lichten Offenbarung herauf klettern und die Schwankenden sollen unentschieden auf- und absteigen und bei ihrer Suche nach dem Glanz des Lebens und Sinn des Todes immer wieder neue Erlebnisse machen und Veränderungen durchlaufen.

Da gibt es z. B. eine kleine Episode über „Die Prächtige“, eine üppige Schönheit, die sich in einem von Sturm umtobten Restaurant am Meer an unsere Erzählerin heran schmeißt und ihr ein Gespräch aufdrängt über die Untreue ihres Gatten.

Sie präsentiert mit bebendem Pathos eine Postkarte, mit der sie den Fehltritt ihres Mannes beweisen will: Doch nachdem der Wutanfall vorbei ist und die genervte Erzählerin sich einige unschöne und entlarvende Bemerkungen erlaubt hat, bleibt vom prächtig sich aufplusternden Vogel nur ein jammerndes Häufchen Elend, das fluchtartig das Lokal verlässt: „Ich sah sie noch am Fenster vorbeilaufen“, heißt es dann, „sah sie vorüber treiben als zerfledderte Krähe, als vom Sturm zerfetzter schwarzer Schirm.“

Unter der Überschrift „Die Krähe in der ewigen Stadt“ erzählt sie von einer Dame, die beim Flanieren durch Rom den erotischen Reizen eines Mannes erliegt, sich in seinen Blicken suhlt und dabei nicht mitbekommt, dass es nur ein Ablenkungsmanöver ist, um ihr die Handtasche entwenden zu können: eine Demütigung, die sie nicht überwinden kann und verändert. Sie, die eben noch von den Männern umschwärmt wurde, wird fortan „den ansteckenden Geruch des Lebensunglücks ausdünsten“ und von allen Bekannten gemieden.

Und dann ist da die Geschichte vom „Weinenden“: Ein einsamer Mann, den die Erzählerin in einer verschneiten Landschaft erblickt. Er weint ohne Unterlass über die Bilder von Geflüchteten, über gefällte Bäume, über die verstorben Ehefrau, die immer seine Erinnerungen in den Dreck gezogen hat und sein Leben vernichten wollte.

Die Zerstörung von Schönheit und Glück, schluchzt der Mann, ist so leicht, viel schwieriger ist  es, Schönheit und Glück zu bewahren und zu genießen. Unter den wachsamen Augen eines hübsch gefiederten Tannenhähers kann der „Weinende“ dann aber das Fallen des Schnees und den Aufprall der Flocken hören und sich von seinem Unglück befreien.

Das sind nur drei kleine von drei Dutzend Romananfängen, literarische Wunderwerke, und doch nur Appetitanreger für die beiden abschließenden Kapitel, in denen Brigitte Kronauer die Kunst und Poesie vollends entfaltet und zu einem großen Finale ansetzt.

Dem Tod sanft ins Auge blicken

Es geht darum, dem Leser Trost und Mut zu machen, die Fährnisse des Lebens zu ertragen und dem Tod sanft ins Auge zu blicken.

In einer - durchaus autobiografisch zu verstehenden - Geschichte erzählt sie mit den Augen eines Mädchens aus dem Ruhrpott, das sich darauf vorbereitet, später einmal Schriftstellerin zu werden, was sich in ihrer Familie zuträgt, berichtet von der hartherzigen Bigotterie ihres Großvaters, von der sanftmütigen Menschenliebe ihres Onkels und vom Schicksal ihrer Cousine Katja, die von allen gemieden wird, weil sie als „Bardame“ arbeitet und in verruchten Kreisen verkehrt.

Katja wird zur heimlichen Freundin und Vertrauten der Erzählerin. Katja ist eine lebenskluge und selbstbewusste junge Frau und muss doch frühes Leid und frühen Tod erleiden.

Und schließlich die hundertseitige Geschichte „Grünewald“, erzählt mit den Worten eines 92-jährigen Greises, der, seit langem Witwer und von seinen Kindern verlassen, an der Schwelle zum Tod steht und Trost und Hoffnung findet in der Betrachtung des „Isenheimer Altars“: immer wieder schaut er auf die Bilder-Tafeln, die von Schuld und Sühne, Verdammnis und Erlösung, Verkündigung und Auferstehung und von einer Sehnsucht erzählen, die über das Irdische hinausgeht und uns hoffen lässt, dass unser Leben und unser Tod nicht ganz sinnlos ist.

Wenn alle Bilder-Tafeln angeschaut sind, wird der Greis dem Tod ruhig entgegensehen. Und der Leser darf hoffen, dass das auch für die bereits schwer erkrankte Brigitte Kronauer gelten mag, die diese letzte Geschichte im Angesicht ihres nahen Endes geschrieben hat.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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