Dashiell Hammett: "Rote Ernte" © Diogenes Verlag
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"Hard-boiled"-Krimi - Dashiell Hammett: "Rote Ernte"

Vor hundertfünfundzwanzig Jahren wurde der Schriftsteller Dashiell Hammett auf einer Farm im US-Bundesstaat Maryland geboren. Er verließ die Schule, als er dreizehn Jahre alt war und schlug sich anfangs mit Gelegenheitsarbeiten durch.

Wie die Helden seiner Bücher war auch Hammett nicht leicht kleinzukriegen: In beiden Weltkriegen meldete er sich freiwillig, und während der McCarthy-Ära ging er lieber ins Gefängnis, als politische Genossen zu verraten.

Weltbekannt wurde er als Autor von gerade mal fünf schmalen Romanen und einigen Dutzend Kurzgeschichten. Sein berühmtestes Buch ist "Der Malteser Falke", dessen Verfilmung mit Humphrey Bogart stilbildend für den Film Noir wurde. Hier und heute soll es jedoch um seinen Debütroman "Rote Ernte" gehen, erschienen im Jahr 1929, vor neunzig Jahren.  

Zumindest in der Generation des Rezensenten ist Hammett eine feste Größe, fast jeder scheint ihn gelesen zu haben – ihn oder Raymond Chandler, der vielleicht sogar noch populärer ist. Doch Für Hammett spricht ein unschlagbares Argument: Er hat nicht nur Sam Spade erfunden, diese unsterbliche Detektivfigur, er hat zuvor auch selbst als Detektiv gearbeitet, bei der berühmten Agentur Pinkerton.

Der erste klassische "hard-boiled"-Krimi

Hammett wusste, wovon er schrieb, dagegen kommt Chandler mit seiner Ausbildung an Eliteschulen nicht an. Und Hammetts Debütroman "Rote Ernte" war der erste, der alle wichtigen Kriterien des klassischen "hard-boiled"-Krimis erfüllte.

Welche das waren, kann man den einschlägigen Werken der Literaturwissenschaft entnehmen: Realismus der Schilderung, Selbstbeherrschung des Helden, Gewalt als Selbstzweck. Solche Sachen.

Aber vielleicht schildere ich lieber, wie es mir persönlich ging, als ich diese Bücher zum ersten Mal las, vor über dreißig Jahren: Ich entdeckte eine völlig neue Welt. Bis dahin hatte ich gern englische Kriminalromane gelesen, vor allem die von Dorothy L. Sayers. Da ging der Held, ein kultivierter britischer Lord, in seinen Club, um einen gepflegten Longdrink zu sich zu nehmen, und wenn mal eine Leiche herumlag, dann eher als Denksportaufgabe statt als harte, grausame Realität.  

Eine Leiche ist kein Kreuzworträtsel

Bei Hammett hingegen soff der Held flaschenweise Gin oder Whisky, um sich überhaupt auf Betriebstemperatur zu bringen. Mitten in der Prohibitionszeit! Nach den Maßstäben der politischen Korrektheit geht es in diesen Büchern auch heute noch wunderbar anstößig zu: Männer dürfen saufen, rauchen und fluchen. Aber man muss gerechterweise sagen: Auch die Frauen dürfen bei Hammett raufen, saufen und fluchen. Sie werden zwar manchmal "Puppe" genannt, aber Püppchen sind sie darum nicht.

Und die Leichen sind nicht mehr Denksportaufgaben, sondern spiegeln gesellschaftliche Verhältnisse wider. Das vergisst man leicht: Was wir in diesen Büchern aus den zwanziger, dreißiger Jahren lesen, war in amerikanischen Städten damals tägliche Realität: korrupte Polizisten, skrupellose Unternehmer, radikale Gewerkschaften, Ganoven, die ganze Städte beherrschen. Daher dann auch die hartgesottenen, ausgekochten Detektive, die sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen und selbst gern mal Gesetz spielen: weil diesen Verhältnissen anders scheinbar nicht beizukommen ist.

Gesellschaftspanorama und Detektivgeschichte

All das ist schon in Hammetts erstem Roman präsent, man kann sogar sagen: gerade hier. Die Geschichte spielt in einer kleinen, fiktiven Zechenstadt namens Peaceville, die so drastisch wie treffend "Pissville" tituliert wird.

Beherrscht wird der Ort von einem beinharten Kapitalisten, dem quasi die ganze Stadt gehört: die Grube, die Bank, die beiden Zeitungen. Um seine streikenden Zechenarbeiter einzuschüchtern, hat der Kleinstadtpotentat einige Ganoven von außerhalb angeheuert. Doch die Geister, die er rief, wird er jetzt nicht mehr los. Die Ganoven haben erst den Streik niedergeschlagen und dann quasi die Stadt übernommen.

"Rote Ernte" bietet beides: Gesellschaftspanorama und Detektivgeschichte. Anfangs überwiegt die kriminalistische Handlung: Der Ermittler kommt in den Ort, stellt aber fest, dass sein Klient ermordet wurde. Es beginnt eine normale Ermittlung, aber schon nach siebzig Seiten wird etwas Größeres daraus: Der namenlose Held sagt den Ganoven von Peaceville den Kampf an. Die letzten zwei Drittel von "Rote Ernte" handeln dann von genau diesem Kampf, der mit den denkbar schmutzigsten Tricks geführt wird und langsam, aber sicher auf den Showdown zusteuert. Die rote Ernte will eingefahren werden.

Auf Augenhöhe mit Hemingway und Steinbeck

Das Fazit? Auch nach dreißig Jahren Hammett-Abstinenz hat sich das alte Lesevergnügen wieder bei mir eingestellt. Manches kann ich jetzt noch mehr wertschätzen als früher, zum Beispiel die hocheffiziente Erzählökonomie von Hammett. Da sitzt wirklich jedes Wort. Nur die alte Übersetzung aus den Siebzigerjahren ist ein bisschen holprig, ihr würde eine Überarbeitung gut tun.   

Ansonsten gilt: Hammett hat für den Thriller einen Ton und eine Haltung geprägt, wie außer ihm vielleicht nur noch Poe für die Horrorgeschichte. Schon mit seinem ersten Roman ist ihm ein echtes Meisterstück gelungen. "Rote Ernte" ist ein Klassiker der Weltliteratur, auf Augenhöhe mit den besten Büchern von Hemingway oder Steinbeck.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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