Frederick Taylor: Der Krieg, den keiner wollte © Siedler Verlag
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Geschichte von unten - Frederick Taylor: "Der Krieg, den keiner wollte"

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Seit vielen Jahren forscht und publiziert der britsche Schriftsteller und Historiker Fredrick Taylor zur Deutschen Geschichte. In seinem neuen Buch widmet er sich dem Sommer 1939 und der Gefühlslage der Menschen in Deutschland und in England kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges ist ausreichend erforscht und beschrieben. Dem britischen Historiker Frederick Taylor geht es auch nicht um die "große Politik", sondern um die Meinungen und Gefühle der deutschen und britischen Bevölkerung im letzten Vorkriegsjahr. Wie sehen sie die politische Entwicklung? Haben sie Angst vor einem drohenden Krieg? Wie sieht ihr Alltag aus? Wie ist es, in zunehmender Kriegsgefahr zu leben? Taylor betrachtet also "Geschichte von unten", aus der Sicht der Betroffenen. So beleuchtet er die Zeit vor der Sudetenkrise im September 1938 über das Münchner Abkommen, über die Reichspogromnacht bis zum Überfall auf Polen und den Beginn des Krieges.

Der Jubel blieb aus

Soweit noch möglich, hat Taylor Zeitzeugen befragt und eine enorme Menge zeitgenössischer Quellen ausgewertet (Briefe, Zeitungen, Stimmungsberichte der Sicherheitsdienste). Eine weitere zuverlässige Quelle für das Buch sind Tagebücher, z. B. das der Berliner Journalistin Ruth Andreas-Friedrich oder des hessischen Dorfschullehrers Wilm Hosenfeld, der Hitler zunehmend kritisch sieht: "Er redet maßlos, überheblich, man kann sagen, seine Art ist wenig vornehm, überlegen. Ausdrücke wie 'demokratisches Lügenmaul' sind unwürdig eines großen Staatsmannes, der ein großes Volk vertritt. Er will nicht nachgeben. Wir befürchten, dass es Krieg gibt.'"

Auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise unterstrich Hitler seine Forderungen mit einer großen Militärparade und zeigte sich dann in Erwartung großen Jubels auf dem Balkon der neuen Reichskanzlei. Doch der Jubel blieb aus. Ruth Andreas-Friedrich beschreibt die Stimmung als "bemerkenswert gedämpft". Hitler war verärgert: "'Mit einem solchen Volk', sagte er mit wütendem Blick auf den Propagandaminister Goebbels zu seinen Vertrauten, 'kann ich keinen Krieg führen.'"

Peace in our time?

So war es wenig überraschend, dass sowohl die britische als auch die deutsche Bevölkerung das Münchner Abkommen begeistert begrüßte. Insbesondere Premierminister Chamberlain wurde in England gefeiert, weil er vermeintlich den Frieden gebracht hatte. Mit der Reichspogromnacht wächst zwar das Misstrauen vieler Briten wieder, aber Antisemitismus und Faschismus haben auch in England etliche Sympathisanten. Die Stimmung schlägt erst um, als Hitler im Frühjahr 1939 in Prag einmarschiert.

Die Briten wollen immer noch keinen Krieg, aber Chamberlain muss das Scheitern seiner Appeasement-Politik eingestehen, während die Deutschen durch die Goebbelsche Propaganda immer mehr auf Krieg eingestimmt werden. Taylor beschreibt also eine Entwicklung von der Ablehnung des Krieges bei Briten und Deutschen hin zu einer Tolerierung des Krieges, die allerdings ohne Begeisterung erfolgt. Dabei lässt er die Leser in den Alltag von Briten und Deutschen blicken und vermittelt so ein Gefühl für diese Zeit. So gelingt ihm eine fesselnde historische Collage!

Eckhard Stuff, rbbKultur

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