Buchcover H. Melville: "Billy Budd"
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Novelle - Herman Melville: "Billy Budd"

Bewertung:

Sein Tod im September 1891 war der "New York Times" gerade einmal drei Zeilen wert: Ein gewisser Henry Melville, der mit einem Bericht über seinen Aufenthalt bei einem Kannibalen-Stamm in der Südsee vor einigen Jahren Aufsehen erregt hatte, sei gestorben. Dass man dem Autor einen falschen Vornamen andichtete, darf man weder als Ignoranz noch als Böswilligkeit missverstehen. Denn tatsächlich war Herman Melville, der heute, am 1. August, seinen 200. Geburtstag feiern würde, schon zu Lebzeiten völlig in Vergessenheit geraten.

Seine Romane und Erzählungen – "Taipi", "Omu", "Mardi", "Moby Dick" und "Bartleby" – waren längst vergriffen, der Autor fristet als Zollinspektor im Hafen von New York ein bescheidenes Dasein und starb verbittert und einsam mit 72 Jahren.

Eigentlich hat Melville immer ein und dasselbe Buch geschrieben, denn alle handeln von der ewigen Suche nach dem unerreichbaren Glück und dem verlorenen Paradies, seine Romane sind eine unermüdliche Pilgerreise zum Archipel der Träume, eine Odyssee unter leerem Himmel, und Melville wird zum Homer des Pazifiks.

Frank Dietschreit

"Moby Dick" war Kassengift

Melville war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus: Er war nicht nur ein Vordenker der Moderne, sondern sogar schon der Postmoderne.

Zeit-Ebenen und Erzähl-Perspektiven wechseln ständig, immer wieder schiebt er philosophische Gedanken über den Sinn des Lebens, die Suche nach dem Paradies und die Erlösung durch den Tod ein; permanent wechselt er Tempus und Sprachduktus, traktiert die Leser mit Statistiken, Fakten, Daten, die den Gang der Handlung auf- und unterbrechen.

Melville war, nachdem er sich mit allen möglichen Jobs durchgeschlagen hatte, eher durch Zufall zur Literatur gekommen, und so spielt er mit einer Mischung aus Arroganz und genialem Dilettantismus auf Werke der Weltliteratur an, auf die alten Griechen und Römer, Shakespeare, Emerson und Hawthorne, alles scheint irgendwie metaphorisch und allegorisch gemeint, doch kaum etwas erschließt sich auf den ersten Blick.

Nehmen wir den heute berühmtesten Roman, "Moby Dick", den damals niemand lesen wollte und der endgültig dazu beitrug, Melville als Kassengift abzustempeln: Kapitän Ahab betritt erst nach über 180 Seiten das Oberdeck seines Schiffes; dass die Reise mit der "Pequod" allein dem Zweck dient, Rache zu üben und den Weißen Wal zu töten, der ihm einst ein Bein abgebissen hat, wird erst nach über 260 Seiten klar.

Und bis es endlich zum Kampf zwischen Natur und Mensch kommt und Moby Dick die "Pequod" mit Mann und Maus versenkt, vergehen mehr als 700 Seiten: und auch dann ist nicht klar, worum es wirklich geht, ob der Wal das Böse und Ahab das Gute verkörpert, oder ob Moby Dick für die vom Menschen drangsalierte Natur steht und alles Recht der Welt hat, sich gegen Zerstörung und Vernichtung zu wehren.

Ins Abseits geschrieben

Man darf Melvilles Romane durchaus als verkappte Autobiografien lesen, denn alles, was er als Matrose erlebte, die Eintönigkeit an Bord, die nach Befehl und Gehorsam funktionierende Alltagsroutine, Ungerechtigkeit und Ausbeutung, die Unbilden des Wetters, die Schönheit der Natur, die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben, all das verdankt sich seinen ausgedehnten Reisen auf Post-Schiffen und Wal-Fängern.

Vor allem die Romane "Taipi" und "Omu" sind voll gestopft mit seinen Erlebnisse auf den Südsee-Inseln Nuku Hiva und Tahiti. Sie handeln auch davon, dass er von einem Schiff desertierte und eine zeitlang unter Kannibalen lebte und danach jeden Versuch, den Freiheitswillen und den Lebensraum dieser Menschen mit westlicher Religion, Moral und Zivilisation zu erobern, als zerstörerischen Akt empfunden hat.

Mit "Mardi" beginnt er, diese abenteuerlichen Reisen in die Südsee zu fiktionalisieren, die Leser mit dokumentarischem Material, philosophischen Reflexionen und literarischen Kapriolen an den Rand des Wahnsinns zu treiben.

Mit "Moby Dick" hat er sich dann endgültig ins Abseits geschrieben: seine Bücher werden von der Kritik als "der letzte Mist" abgekanzelt, dem Autor ein "Dachschaden" attestiert.

Der Homer des Pazifik

Mit der Novelle über "Billy Budd" bricht er nach jahrelangem Verstummen sein literarisches Schweigen. Melville will es, kurz vor seinem Tode, noch einmal wissen, doch der Text bleibt zu Lebzeiten ungedruckt, erscheint erst 1924, als man sich endlich daran macht, den Autor wieder zu entdecken, ihm den gebührenden Platz in der Ruhmeshalle der Weltliteratur zuzuweisen.

Thomas Mann lobte "Billy Budd" als "eine der schönsten Geschichten der Welt" und rief: "Oh, hätte ich das geschrieben." Eigentlich hat Melville immer ein und dasselbe Buch geschrieben, denn alle handeln von der ewigen Suche nach dem unerreichbaren Glück und dem verlorenen Paradies, seine Romane sind eine unermüdliche Pilgerreise zum Archipel der Träume, eine Odyssee unter leerem Himmel, und Melville wird zum Homer des Pazifiks.

Seine qualvolle Reise hat jetzt - mit "Billy Budd" - endlich ein Ende und Melville strandet auf einer einsamen Insel und an der Pforte des Todes. Denn Billy Budd, dieser junge Matrose, der ein Symbol ist für Schönheit und Unschuld, wird von Kapitän Vere geopfert, um die Ortung und das Recht an Bord des Schiffes aufrecht zu erhalten.

Kapitän Vere liebt den jungen Matrosen inniglich, doch das Gesetz besiegt sein Herz, und nicht nur Billy Budd ist mit seinem Tod einverstanden, auch Melville ist endlich, nach einer langen Qual, die sein Leben und Werk durchzieht, im Hafen des Friedens und der Ruhe angekommen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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