Michel Serres: Was genau war früher besser? © Suhrkamp
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Ein optimistischer Wutanfall - Michel Serres: "Was genau war früher besser?"

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Am 1. Juni ist der französische Philosoph Michel Serres gestorben. Kurz zuvor noch hatte er sich mit einem pointiert-essayistischen Zwischenruf in die Debatten um Vergangenheitsverklärung und Populismus eingemischt.

Michel Foucault, Jacques Derrida, René Girard und nun, vor wenigen Wochen, auch Michel Serres: Die Generation der großen Französischen Philosophen, die mit ihren psychoanalytischen, sprachtheoretischen und moraltheologischen Überlegungen das intellektuelle Klima der letzten 50 Jahre prägte, ist endgültig von der Bühne abgetreten. Dabei hatte gerade noch, kurz vor seinem Tod, der bereits 88-jährige Michel Serres sich mit einem Zwischenruf in die Debatten um Vergangenheitsverklärung und Populismus eingemischt und einen pointierten Essay veröffentlicht: "Was genau war früher besser?" heißt sein Buch, das er - im Untertitel - als einen "optimistischen Wutanfall" bezeichnet?

Zorn und Empörung

Es ist ein Rundumschlag, wie ihn nur Michel Serres hinbekommt: Denn er war ein ebenso sanftmütiger Mensch wie gnadenloser Analytiker, der sich für alles, für die Niederungen des Alltags genauso wie für die Höhenflüge der Philosophie interessierte, um das Wesen des Menschen und den Sinn des Lebens zu entschlüsseln und verständlich darzustellen.

Sein Essay ist eine von Zorn und Empörung getriebene Polemik, eine Satire auf alle nostalgischen Nörgler und "Meckergreise", wie er sie nennt, die sich die Vergangenheit schön reden und (sobald sie politische Verantwortung tragen) den Menschen das Hirn vernebeln mit ihren Lügen über das angeblich so friedliche Miteinander, die regionale Heimatverbundenheit und nationale Identität. Aber allen, die in Zeiten von Globalisierung und Internet sich zurück sehnen nach den vermeintlichen Schönheiten dörflicher Gemeinschaft und den vermeintlichen Vorzügen handyfreier Kommunikation, die der Meinung sind, dass früher alles besser war, haut Serres ein paar unangenehme Wahrheit um die Ohren.

Optimistisch ist sein "Wutanfall", weil er voll und ganz auf die Kraft und Fantasie der jungen Generation vertraut, auf die "Däumlinge", wie er sie nennt, die mit flinkem Daumen über das Display ihres Smartphones wischen und sich in Sekundenschnelle mit allen nötigen Informationen versorgen, sich in Windeseile vernetzen, gemeinsam  handeln und gerade dabei sind, eine neue und hoffentlich bessere Welt zu schaffen: Insofern knüpft der "optimistische Wutanfall" auch nahtlos an sein vorheriges Buch an, das den Titel hatte "Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation."

Angesehener Mathematiker und herausragender Wissenschaftsphilosoph

Befähigt und berechtigt, allen Nörglern und ewig Gestrigen einmal ordentlich die Leviten lesen zu können, ist Serres durch seine eigene Biografie, seine moralische und intellektuelle Integrität, die er sich verschafft hat als jemand, der sich aus ärmsten bäuerlichen Verhältnissen gegen alle Widerstände und Vorurteile empor gearbeitet hat und in den 1990er Jahren in die Riege der unsterblichen Mitglieder der Französischen Akademie berufen wurde.

Er kommt aus dem Südwesten Frankreichs, seine Eltern waren Bauern und Schiffer, er selbst hat als Arbeiter und Matrose sich den Rücken ein für alle Mal kaputt geschuftet, er hat als Soldat die Schrecken des Krieges erlebt und später die Widerwärtigkeiten der kaltherzigen Internate und arroganten Elite-Universitäten ertragen: Selbst noch als er schon längst ein angesehener Mathematiker und herausragender Wissenschaftsphilosoph war, wurde er wegen seines okzidentalischen Dialekts von Kollegen verspottet und verhöhnt.

Er kennt Armut und Hunger, mangelnde Hygiene und dörfliche Inzucht, kulturelle Verblödung und sprachliche Verdummung, er kennt Ausbeutung und Ungerechtigkeit, Standesdünkel und Willkür, er hat erlebt, wie Millionen von Menschen von Ideologen und Diktatoren verblödet und millionenfach in den Tod geschickt wurden: Und deshalb ruft Serres den "Meckergreisen" und ewig gestrigen Nörglern zu: Wenn ihr mir erzählen wollt, dass früher alles besser war, kann ich nur sagen, das ist Blödsinn, es stimmt nicht: "Ich kann ein Expertenurteil abgeben", denn bei diesem Früher, da war ich schließlich selbst dabei. 

Vergangenheit als Idyll?

Wenn die "Meckgreise" behaupten, früher, als es noch keine Handys, Notebooks und Videospiele gab und die "Däumline" nicht stets in die Watte des Virtuellen eingepackt waren, konnte der Mensch sich auf das Wesentliche konzentrieren und sei besser gewappnet gewesen gegen die Härte der ungeschminkten Realität, antwortet Serres: "Wären die Toten, die wildgewordenen Führer, die Lügen, die Lager, die Verbrechen und das Gift von früher nicht in der harten Realität auf mich eingestürzt, sondern in der sanften Virtualität eines Videospiels, ich hätte nichts einzuwenden gehabt."

Und wenn die Nörgler die Vergangenheit als Idylle heraufbeschwören, von sanft mäandernden Flüssen schwärmen, sinnvoller Arbeit, niedlichen Dorfgemeinschaften, harmonischen Ehen und friedlichem Miteinander, führt Serres ihnen vor Augen, wie knüppelhart die Arbeit auf dem Feld und in der Fabrik, wie bigott die sexuellen Tabus und Verklemmungen waren, wie uninformiert die Menschen waren über das, was sich in der Welt abspielte und wofür sie in den Krieg ziehen sollten; wieviel Dreck und Gestank überall herrschte, als man noch seine Notdurft mitten auf der Straße verrichtete, die Unterwäsche nur einmal die Woche und die Bettlaken nur zweimal im Jahr wusch und wechselte.

Was sind schon Fake News, fragt Serres, gegen die Manipulationen der faschistischen oder kommunistischen Staatspropaganda? Wer möchte die Einsamkeit der vernetzten Menschen gegen die aufgezwungene Zugehörigkeit in nationalen und religiösen Gemeinschaften eintauschen? Wer möchte die Zeit zurück haben, wo Zahnoperationen noch ohne Betäubung durchgeführt wurden und man auf Befehl Marionetten zujubeln musste, die Antisemitismus und Rassismus anstachelten; wer will wieder - wie Serres in seiner Kindheit - Brot und Fleisch essen, das voller Maden und Keime war und das zwar ursprünglich und biologische korrekt war, aber Krankheiten und Durchfall verursachte, weil Hygiene und Medikamente auf dem Lande Fremdwörter waren?

Früher, so stopft Serres all den Nörglern das Maul, wären sie dank Pocken, Krieg und Syphilis sowie so schon längst tot, bevor sie überhaupt in das Alter kommen, in dem sie heute in Rente gehen und sich Vergangenheit schön reden können.

Heute ist alles besser

Nur einmal wird er etwas nostalgisch, als er an die von Mobilitätswahn und Kapitalinteressen forcierte Zerstörung von Landschaften und Städten denkt. Ansonsten aber wendet er sich lieber direkt an "Däumelinchen" und "Däumling" und schließt seinen Essay mit den Worten: "Es ist so viel besser heute: der Friede, die Lebensdauer, der Friede, die Schmerzmittel, der Friede, die Sozialversicherung, der Friede, die Stromversorgung, der Friede, die Hygiene und die Palliativpflege, der Friede, der abgeschaffte Militärdienst und die abgeschaffte Todesstrafe, der Friede, der Naturvertrag, der Friede, die Reisen, der Friede, die leichtere Arbeit, der Friede, die geteilten Mitteilungen, der Friede (…). Ah, wenn dein Meckeropa dich bloß in Ruhe lassen könnte." 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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