Ursula März: Tante Martl © Piper
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Roman - Ursula März: "Tante Martl"

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Am Beispiel meiner Tante: die exemplarische Biografie einer unabhängigen Frau im 20. Jahrhundert

Was für ein Glück, wenn ein Buch mit einer so starken Szene beginnt. Da wird ein Mädchen geboren, in einem pfälzischen Ort in den Zwanzigerjahren, als dritte von drei Töchtern, und der Vater, der sich einen Sohn gewünscht hat, gibt in der Geburtsurkunde als Geschlecht "männlich" an. Erst nach einer Woche geht er zum Amt, um den Eintrag ändern zu lassen, und das auch nur, nachdem seine Frau ihm angedroht hat, ihn sonst zu verlassen. Was für ein Startschuss für ein Buch, und was für ein Beginn für eine Frauenbiografie!

Übriggeblieben oder unabhängig?

Jenes Mädchen, die später als Frau von allen "Tante Martl" genannt wurde, trug also die ersten sieben Tage ihres Lebens nicht den Namen Martina, sondern Martin. Und das Leben, das sich von da aus entrollte, schien fortan im Schatten dieser Urszene zu stehen. Während die zwei Schwestern wegziehen, heiraten und eigene Familien gründen, blieb Tante Martl im Elternhaus wohnen, arbeitete als Lehrerin, las viel, half in den Haushalten der anderen – und blieb allein.

"Tante Martls Geschichte", schreibt Ursula März, "lässt sich in zwei Versionen erzählen". Da ist einerseits die Gescheiterte, Übriggebliebene, Ungewollte. Die keiner anguckt, die sich auf Familienfotos vor der Kamera wegduckt. Aber: Da ist eben auch die andere Seite. Eine Frau, die sich selbst finanzierte, komplett unabhängig lebte, sich ein Auto kaufte, ein Bankkonto hatte, lesen und reisen konnte, "schon zu einer Zeit, als viele deutsche Hausfrauen nicht einmal ein eigenes Bankkonto hatten." Eine große Stärke des Buches ist, dass beide Lesarten nebeneinander stehen bleiben. Das atmet eine große Lebensklugheit – denn was ist eine Biografie anderes als eine mühsam zurechtgehaltene Zusammenfassung von Ambivalenzen?

Gefallsüchtig oder gestutzt?

Die Erzählerin, Tante Martls Nichte, verbringt als Kind sehr viel Zeit bei ihrer Tante. Ihre eigene Mutter und Martl sind wie Gegenpole, die ihr Leben bestimmen, wie zwei Orientierungspfeiler, zwischen denen sie selbst den Mittelweg sucht. Weder möchte sie so "gefallsüchtig" werden wie eigene Mutter, noch so "gestutzt" wie die Tante.

Die Erzählerin heißt Ursula wie die Autorin, sie ist, wie die Autorin, in Herzogenaurach geboren, arbeitet als Literaturkritikerin, lebt in Berlin, hat eine Tochter und war u.a. in der Jury des Ingeborg Bachmann Wettbewerbes in Klagenfurt. Und auch die "echte" Ursula März hatte eine Patentante, die der Tante im Buch ähnlich war. Man kann also davon ausgehen, dass sehr viel, vermutlich das meiste in diesem Buch, erlebt und nicht erdacht ist.

Ausgedacht oder authentisch?

Die Frage, ob es sich bei Ursula März Buch, die sonst vor allem als Literaturkritikerin auftritt, wirklich um einen "Roman" handelt, wie auf dem Einband steht, ist aber dennoch müßig. Die Figuren sind wunderbare Figuren aus Fleisch und Blut, mit all ihren Widersprüchen. Und die Themen sind universell: Rollenmuster, frühkindliche Prägungen, Frauenleben, Familienerinnerungen. So privat die Schilderungen hier sein mögen, so umfassend sind sie.

Und selbst Erlebtes muss ja, um zu Literatur zu werden, erst in eine Form gebracht, in Sprache transportiert werden, in eine Struktur und Dramaturgie – und da spürt man, dass Ursula März einer jener Büchermenschen ist, bei denen die Grenzen zwischen den verschiedenen Seiten der Literaturproduktion fließend sind, da ist die Liebe zur Sprache und die Freude an Geschichten. Für die Gegenwartsliteratur ist es ein Glück, wenn es solche Frauenbiografien wie die der Tante Martl zu erzählen gibt. Wenn sie so erzählt werden wie in diesem Buch.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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