Uwe Timm: Morenga; Montage: rbbKultur
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Roman - Uwe Timm: "Morenga"

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Uwe Timms Roman über den kolonialen Vernichtungskrieg gegen die Nama in Deutsch-Südwest ist vor mehr als vierzig Jahren erschienen. Es ist der große deutsche Kolonialroman schlechthin: Pflichtlektüre für alle, die sich mit Kolonialgeschichte beschäftigen.

Im Herbst 1904, der Herero-Aufstand ist gerade niedergeschlagen, landet der Oberveterinär Gottschalk mit einer Abteilung der Deutschen Schutztruppe in Swakopmund, Deutsch-Südwestafrika. Bald wird ihm klar, dass es hier nicht darum geht, ein paar rebellische Hottentotten niederzuhalten, wie er glaubte, sondern um einen Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung.

Seine Aufgabe dabei ist es, für die Funktionstüchtigkeit der Pferde und der Zugochsen zu sorgen – und die den hungernden Einwohnern geraubten Rinderherden vor Krankheiten zu bewahren.

Aus der Perspektive dieses Menschen, der aus einfachen Verhältnissen stammt, von einer Zukunft als Landbesitzer träumt und sich anfangs keines Unrechts bewusst ist, erzählt Uwe Timm die Geschehnisse im asymmetrischen Wüstenkrieg deutscher Truppen gegen die Guerillakämpfer des Rebellen Jakob Morenga.

Deutsches Wesen

Mentalität und Methoden der Schutztruppler, die die "Hottentotten" – so die ursprünglich holländische Bezeichnung für die Nama – für ihnen in jeder Beziehung unterlegene Menschen halten und sich nicht im Geringsten für deren Sprache und Kultur interessieren, beschreibt Timm zum Teil auf der Basis historischer Dokumente. Wörtlich zitiert er lange Passagen, etwa aus den 1907 zusammengestellten Berichten des Großen Generalstabs. Das Diktum Kaiser Wilhelm II., dass "am deutschen Wesen die Welt genesen" solle, schlägt sich darin als bürokratisch-militärische Handlungsanweisung nieder.

Uwe Timm bemerkte dazu in einem Interview, dass der "Prototyp des deutschen Kolonialisten der prügelnde Unteroffizier" sei, "der zugleich Lehrer ist, und Afrikaner genauso wie Kinder mit dem Stock zur Pünktlichkeit und zur Ordnung erzieht."

Ein Geflecht aus Fakten und Fiktion

Timm hat in den Siebzigerjahren, als der Kampf gegen das südafrikanische Apartheidregime in vollem Gange war, in Namibia für "Morenga" recherchiert. Seine politischen Sympathien gehörten der SWAPO, der namibischen Befreiungsbewegung. Wie sehr er von dem Land, der Landschaft und den Bewohnern fasziniert war, merkt man seinem Buch auf jeder Seite an.

Sein (fiktiver) Protagonist Gottschalk lernt – trotz der Verachtung seiner Kameraden – die komplizierte Sprache der Nama mit ihren Schnalz- und Klicklauten, vertieft sich in die magische Genealogie ihrer Rinderherden und geht eine Beziehung mit einer Nama-Frau ein. Nach und nach wird er zum heimlichen Anhänger Morengas.

Das Buch verflicht die brutalen historischen Fakten mit abstrusen kolonialen Legenden – und mit der Erzählung über einen weißen Mann, der begreift, wo das Recht liegt, und sich doch nicht überwinden kann, die Seiten zu wechseln: Die ganz andere Kultur bleibt ihm zu fremd.

Dieser Gottschalk ist keine Heldenfigur. Er ist ein sensibler Zauderer, was ihn in Zeiten des Krieges zum Mitläufer und Mittäter macht, kurz: eine Identifikationsfigur der deutschen Vergangenheitsbewältigungskultur.

Katharina Döbler, rbbKultur

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