Buchcover: "Vergesslicher Riese"
Rowohlt
Bild: Rowohlt

Roman - David Wagner: "Der vergessliche Riese"

Bewertung:

Fragen in der Dauerschleife: Ein poetisches Buch über einen Vater, der sich in der Demenz auflöst.

Zu Beginn des Buches fährt der Sohn mit dem Vater von Hamburg nach Bonn, der Vater fragt "Wo fahren wir hin?", er fragt "Was machen wir?", eine Seite später noch mal: "Wo fahren wir hin?". Er hat vergessen, dass seine zweite Frau gestorben ist, "welche Beerdigung?", fragt er. Der einstig starke Mann verliert sein Gedächtnis und ist sich dessen bewusst – er selbst nennt sich den "vergesslichen Riesen".

Etwas verschwindet, etwas anderes wird geboren

David Wagner erzählt von Treffen mit seinem Vater über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg. Die letzten Jahrzehnte gab es wenig Kontakt, doch jetzt sind da auf einmal wieder regelmäßige Besuche, da ist Kontakt und Nähe. Die Demenz gibt ihnen auch eine Chance, sich neu kennenzulernen. Diese zwei verschiedenen Prozesse machen die besondere Dynamik des Erzählens aus: Einerseits verschwindet etwas, andererseits wird etwa Neues aufgebaut.

Auch die Schwestern kommen in das Haus bei Bonn, ein Haushalt wird sortiert und aufgelöst, ein Auto verkauft. Am Anfang kann der Vater noch mit Betreuerinnen im eigenen Haus leben, später sorgen die Kinder dafür, dass er in ein Pflegeheim zieht, ein "Waisenhaus für Kinder" nennt es der Vater selbst.

Tragik und Komik gleichermaßen

"Der vergessliche Riese" ist ein Familienroman. Und ein Abschiedsroman. Wie fühlt sich das an, wenn eine Persönlichkeit sich in der Demenz auflöst? Schon andere Autoren haben eindrucksvoll darüber geschrieben, Arno Geiger in "Der alte König in seinem Exil", Tilman Jens in "Demenz", Paula Schneider in "Bleib bei mir, denn es will Abend werden". David Wagners Buch lässt sich in eine Reihe mit diesen Büchern stellen.

Das Besondere an diesem Roman ist die Form: Zu großen Teilen besteht es aus Dialogen. Sätze wie "Ich nehme seine Hand, die mir gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher." sind selten. Die Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn stehen für sich und zeigen die ganze Bandbreite der Tragik und Komik von Demenz. Denn ja, auch die Komik bekommt ihren Raum: Wenn der Vater zum zweiten Mal am Tag zur Zeitung greift und kommentiert: "Steht auch immer dasselbe drin". Die immer wieder selben Fragen, Dauerschleifen, wie Refrains, die sich rhythmisch durch das Buch ziehen: Wo wohnst du? Wann ist meine Frau gestorben? Wohin fahren wir?

Rückkehr an den Rhein

Der Vater steht dabei auch als Symbolfigur für eine deutsche Nachkriegsbiographie. Ein westdeutsches Leben, finanziell abgesichert, im Neubaugebiet, in dem man mit dem Auto zum Brötchenholen fährt. Mit der Schilderung des westdeutschen Milieus kehrt David Wagner zurück an die geographischen Anfänge seines Schreibens. Sein Debut „Meine nachtblaue Hose“ schrieb er über Kindheit in Westdeutschland zwischen Polstergarnitur und Einbauküche – „Der vergessliche Riese“ nimmt diese Spurensuche wieder auf. Und so ist das Buch nicht nur ein Festhalten der Geschichte des Vaters, sondern auch des Sohnes.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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