Wioletta Greg: Die Untermieterin; Montage: rbbKultur
C. H. Beck
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Roman - Wioletta Greg: "Die Untermieterin"

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Wioletta Greg ist eine bei uns noch wenig bekannte Schriftstellerin. Ursprünglich kommt die 45-jährige Autorin aus Polen und heißt Grzegorzewska. Sie lebt aber schon längere Zeit in Großbritannien, wo ihr Pseudonym sicherlich von Vorteil ist.

Sieben Gedichtbände und drei Romane hat Wioletta Greg veröffentlicht. Der Verlag C.H. Beck hat sich ihrer jetzt angenommen. Letztes Jahr erschien auf Deutsch ihr Roman "Unreife Früchte", die Geschichte eines Mädchens, das in der polnischen Provinz der Achtzigerjahre aufwächst. Jetzt ist ihr jüngster Roman herausgekommen, "Die Untermieterin", und in mancher Hinsicht scheint es sich um eine Fortsetzung der Lebensgeschichte dieses Mädchens zu handeln.

Es gibt eine anhaltende Faszination an Büchern, in denen sich junge Menschen treiben lassen – Büchern, bei denen die Abenteuer quasi wie von selbst vorbeischwimmen. "Huckleberry Finn" von Mark Twain ist so ein Buch, einer der ganz großen Klassiker der Weltliteratur. Auch "Tschick" von Wolfgang Herrndorf gehört in diese Kategorie, um ein neueres Beispiel zu nennen.

Nicht nur die immanente Faszination des Jungseins, auch die Spannung, die diesem Lebensabschnitt innewohnt, trägt zweifellos zu dem Interesse bei, das wir Leser diesen Romanen entgegenbringen. Man ist noch schutzlos in diesem Alter, und das merken andere. Manche wollen einem helfen, andere einen ausnutzen. Wer in welche Kategorie fällt, ist nicht immer gleich ersichtlich. Das gibt diesen Büchern so einen Unterton von Gefahr.

Juvenil nach Tschenstochau

Das ist bei Wioletta Greg nicht anders. Ihre Heldin Wiola begibt sich zwar nicht auf Reisen wie Huckleberry Finn; sie fährt mit ihren 18 Jahren gerade mal aus ihrem Heimatdorf in die nächstgelegene Großstadt (ja, es ist dasselbe Dorf wie in dem vorangegangenen Roman). Diese bescheidene Metropole ist das schlesische Tschenstochau, bekannt vor allem als Wallfahrtsort. Eigentlich will Wiola dort Philologie studieren, aber das Leben kommt ihr in die Quere. Weil sie im Studentenheim keinen Platz kriegt, kriecht sie in einem Arbeiterhotel unter.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1994, also in jener seltsamen Zwischenzeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, als das Alte schon verblasst, das Neue aber noch ungewiss ist. Das Arbeiterhotel liegt im ehemaligen russischen Soldatenviertel. Dort herrscht zwar noch echter kommunistischer Barackencharme vor, aber die Soldaten sind fort, und die Russen, die jetzt dort wohnen, verscherbeln irgendwelche Sachen auf dem Basar.

Bei Henry Miller den Sexus lernen

Wioletta Greg schafft es, ihre Wiola mit wenigen Worten treffend zu charakterisieren. Als sie sich mit einem Kommilitonen verabredet – die beiden trinken Tee und reden über Bücher –, heißt es: "Ich mag lieber den 'Herrn der Fliegen', er den 'Herrn der Ringe', ich den 'Sturm' (von Shakespeare), er den 'Fänger im Roggen'.“ Das ist unter Literaturliebhabern natürlich eine sehr schöne Art, zwei grundverschiedene Charaktere auf den Punkt zu bringen.

Etwas später heißt es: "Von Sex weiß ich recht viel (...), das heißt ungefähr das, was ich (...) in Henry Millers 'Wendekreis des Krebses' und in 'Fanny Hill' gelesen habe, plus das, was ich aus den Geschichten gelernt habe, die meine Onkel am Tisch nach einigen Gläschen Wodka erzählten."

Mischung aus Leidenschaft und Fatalismus

Man merkt: Da ist eine junge Frau, die mit Witz und einer eigenen Sichtweise begabt ist, und der man eigentlich gern durch ihre neue, fragile Lebenswelt folgen würde – wäre der Roman nicht von einigen stilistischen und strukturellen Problemen geplagt.

Aber bleiben wir noch einen Moment beim Positiven. Das Figurenpanoptikum in dem Arbeiterhotel ist bunt und unterhaltsam, und auch später in dem katholischen Ordenshaus, wo Wiola als eine Art Mädchen für alles anheuert, sind die Personagen allesamt sein bisschen verrückt.

In dem Hotel zum Beispiel leben zwei russische Brüder, die sich erst verdreschen, dann wieder vertragen. Zu ihnen gesellt sich der alte polnische Hausmeister, der einst im Gefängnis ein Interesse für Astronomie entwickelte. Man sitzt beisammen, trinkt und erzählt einander Begebenheiten, wie man sie aus der slawischen Literatur kennt: mit dieser ganz speziellen Mischung aus Leidenschaft und Fatalismus und dem Willen, noch aus der schlimmsten Erfahrung eine gute Geschichte zu machen.

Leiden am Lyrikersyndrom

Aber es sind zu viele Geschichten! Der Roman ist allzu kleinteilig erzählt, obendrein noch von Traumsequenzen durchwabert und mit Erinnerungen des Großvaters an die Nazizeit gesprenkelt. Ein erotisches Interesse kommt natürlich auch noch hinzu. Kurzum, es ist zu viel: des Guten, aber oft auch des nur Gutgemeinten. Eine richtig große, unerzählte Geschichte steckt andererseits auch nicht in diesen knapp 160 Seiten.

Möglicherweise ist das "Lyrikersyndrom" schuld: Wioletta Greg hat vor ihrem ersten Roman bereits sechs Gedichtbände veröffentlicht. Wenn Lyriker Prosa schreiben, geraten sie schnell in Versuchung, sich zu sehr in einzelnen Beobachtungen und Eindrücken zu verlieren, statt einen anständigen Plot, eine solide Handlung aufzubauen.

Und tatsächlich: Gleich auf den ersten Seiten kommt Wioletta Greg uns Lesern mit weit hergeholten "wie"-Vergleichen, als wär's kein Roman, sondern ein Rilke-Gedicht. Da heißt es doch tatsächlich: Die Sonne verschwindet hinter den Pappeln "wie ein vom Wasser verschluckter Tintenfisch". Nicht schön, aber selten.

So bliebt zu konstatieren: In Wiola steckt mehr Potenzial, als Wioletta ausgeschöpft hat. Dennoch hat das Buch charmante und sympathische Züge. Man kann es lesen. Muss man aber nicht.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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