Terézia Mora: "Auf dem Seil"
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Roman - Terézia Mora: "Auf dem Seil"

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"In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv der Zeit." So steht es in der Begründung der Jury, die Terézia Mora 2018 für ihr literarisches Gesamtwerk mit dem Georg-Büchner-Preis auszeichnete. Jetzt erscheint  ein neuer Roman. "Auf dem Seil" ist (nach "Der einzige Mann auf dem Kontinent", 2009, und "Das Ungeheuer", 2013) der abschließende Teil einer Trilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp.

Terezia Mora; © Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

Muss man die ersten beiden Romane nicht gelesen haben, um den abschließen dritten Teil verstehen zum können. Denn die Autorin schlägt eine literarische Brücke und führt den Leser in einem 30-seitigen Epilog von Gestern ins Heute.

Durch den Kopf von Darius rauschen Erinnerungsfetzen: der Tod von Flora, seiner Frau, das Versinken in Selbstmitleid, der Verrat an den Freunden, der Verlust der Familie, die Flucht aus der Firma, aus der mit Hypotheken belasteten Eigentumswohnung und aus Berlin, die Odyssee quer durch Europa, schließlich, nachdem er Skylla und Charybdis umschifft hat, die Landung auf Sizilien und das Verstreuen der Asche seiner toten Frau im Vulkankrater des Ätna.

Aus dem Nebel der Vulkanische tauchen Francesco und Gabriella auf, die Touristen auf den Vulkan führen, den ehemaligen IT-Spezialisten bei sich aufnehmen und als Handlanger und Hausmeister beschäftigen. Der rastlose Darius darf sogar das Bett mit Gabriella teilen und scheint allmählich zur Ruhe zu kommen.

Doch dann taucht eine Touristin aus Deutschland auf, Marlene, seine Schwester, mit der er seit Jahren kein Wort mehr gewechselt hat und deren Präsenz ihn daran erinnert, dass er sich nicht einfach vor aller Welt und der Vergangenheit verstecken kann. Erst dann, wenn wir das alles wissen, beginnt der eigentliche neue Roman.

Kaputtes Leben reparieren

Eigentlich würde Darius gern auf Sizilien bleiben, er hat sich von Gabriella getrennt, arbeitet jetzt als Pizzabäcker und logiert, weil er kein Geld für eine eigene Bleibe hat, in einer mit Antiquitäten vollgestopften Wohnung eines Deutschen.

Das Wetter ist schön, und in Matteo, einen jungen illegalen Flüchtling aus Nordafrika, hat Darius ein verlässlichen Freund gefunden. Aber die Vergangenheit ist eine offene Wunde, er spürt, dass ein neues Leben nur gelingen kann, wenn er sich den Narben der verdrängten Vergangenheit stellt.

Plötzlich steht Lorelei vor seiner Tür, seine 17-jährige Nichte: Lore ist schwanger, hat sich mit der Familie überworfen und ist zu ihrem Onkel abgehauen, weil sie ihn ihm einen Verbündeten gegen die bigotte Moral der Spießer erkennt.

In Darius erwachen Vater- und Beschützer-Gefühle, er kümmert sich rührend um das schwangere Mädchen, das sich ständig übergeben muss. Darius bringt Lore nach Berlin, im Schlepptau Matteo, der illegale Freund, der auch in Berlin sein Glück versuchen will, aber irgendwann von der Polizei geschnappt und nach Algerien abgeschoben wird.

Darius will sein kaputtes Leben reparieren, sich mit seinen verärgerten Freunden versöhnen, an sein in einem Schließfach gebunkerte Geld herankommen, seine alte Wohnung zurück kaufen und in sein altes Dasein als IT-Spezialist zurück schlüpfen. Die Handlung, alles was Darius, Lore und Matteo in Berlin widerfährt, ist ziemlich überschaubar, wenig überraschend, fast ein wenig langeilig.

Literatur als unablässige Suchbewegung

Interessanter ist da schon die Erzählweise, sind die stilistischen und formalen Mittel, die den Leser immer wieder zum Grübeln und gelegentlich auch zum Grinsen bringen.

Vor allem die Erzähl-Perspektive: Es gibt nicht nur eine anonyme allwissende Erzähl-Stimme, sondern auch ein Ich, das mit den Worten und Gedanken von Darius in die Handlung eingreift und alles kommentiert. Manchmal wechselt die Erzähl-Haltung mitten im Satz von der dritten in die erste Person, und man muss aufpassen, wer hier gerade spricht und denkt und ob das Erzählte wahr oder gelogen, ob es wirklich und nur gewünscht ist.

Viele Kommentare zum Geschehen werden auch in Klammer-Bemerkungen verbannt,  dazu finden sich immer wieder Ballungen von Fragezeichen und Punkten, die immer dann auftauchen, wenn es keine schnellen Antworten auf die Probleme gibt oder die Handlung festgefahren ist.

Wenn Darius Details seines Lebens auflistet und darüber nachdenkt, ob ihn bestimmte Erlebnisse weiterbringen oder behindern, wird die Beurteilung und Bewertung des Gedankens oft nicht ausformulieret, sondern sie stehen in Klammern, als Piktogramme, als Pfeile, deren Spitze nach oben zeigt, wenn es gut, und nach unten, wenn es schlecht ist.

Manchmal auch werden Wörter oder Halbsätze durchgestrichen, wenn die Erzähl-Stimme oder Darius nach dem passenden Wort oder der richtigen Formulierung sucht: Aus dem poltrigen Satz: "Hast du dumme Nuss vergessen, das zu erwähnen?" wird der Vorwurf "dumme Nuss" gestrichen; aus der per SMS gestellten Frage "Wo bist Du?" wird ein sensibleres "Alles OK bei dir?"

Und aus "ein letztes Mal" wird ein "noch einmal", das klingt hoffnungsvoller und mehr nach Zukunft. Als Leser werden wir Zeuge, wie Literatur zu einer unablässigen Suchbewegung wird und sich die Autorin genauso wie ihr Held durch den Dschungel von verschiedenen Möglichkeiten und widerstreitenden Varianten kämpft: Das ist ziemlich spannend.

Es reicht jetzt

Terézia Mora vertäut viele Handlungsfäden zu einem Seil, an dem sich Darius fortan durchs Leben schwingen kann, aber sie lässt tatsächlich auch am Ende dieses Roman noch einiges in der Schwebe, so dass man sich eine Fortführung vorstellen könnte.

Aber, ehrlich gesagt, es reicht jetzt: Vieles wirkt wie eine lustlose Aneinanderreihung von Klischees vom ewig miesepetrigen grauen, kalten Berlin und vom hyperventilierenden Leben der IT- und Kultur-Schickeria am Prenzlauer Berg.

Vieles scheint auch lustlos aneinander gereiht und abgehakt: Die Handlung mäandert so dahin, das Buch könnte auch 50 Seiten kürzer oder 50 Seiten länger sein. Der Roman hat kein rechtes Tempo, keine Höhe- und keine Tief-Punkte, keinen Spannungsbogen.

Die eingestreuten stilistischen und formalen Appetithäppchen machen nicht satt, literarisch und intellektuell fühlt man sich unterfordert, kaum je gibt es eine Formulierung oder einen Satz, der wirklich neu ist, einen verblüfft und noch lange im Gedächtnis nachhallt: Wenn man bedenkt, welch großartige Erzählerin Terézia Mora sein kann, ist der Roman eine kleine Enttäuschung.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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