Beat Glorr: "klonk"; Montage: rbbKultur
Bild: lectorbooks

Visuelle Poesie - Beat Gloor: "klonk" | "konk"

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Ist zeitgenössische Lyrik schwer zugänglich? Ganz und gar nicht, findet Frank Dietschreit, der eine Lanze brechen möchte für die unterschätzte Literaturgattung.

Lyrik war immer schon eine Veranstaltung für Minderheiten. Nur selten erblicken die im stillen Kämmerlein verfassten Gedichte das Licht der Öffentlichkeit. Die Auflagen von Poesie sind gering, der Verkauf der Bücher tendiert gegen Null. Umso mehr gilt dies für moderne und experimentelle Lyrik, Wort-Collagen, Sprach-Spiele und Lautmalereien, die für den ungeübten Leser ein Buch mit sieben Siegeln sind.

Höchste Zeit, eine Lanze zu brechen für die etwas andere Art der Literatur und zwei Bücher des Schweizer Autors Beat Gloor vorzustellen: "klonk" und "konk" und werden von ihrem Verfasser als "visuelle poesie" bezeichnet.

"Visuelle Poesie" steht in der Tradition von Dadaismus und Surrealismus, die schon vor einhundert Jahren die Grenzen der Literatur gesprengt und den gehobenen Blödsinn, das schräge Denken und die visionäre Kraft der Sprache entdeckt und das Zerstören von eingefahrenen Wortbedeutungen und das Erfinden von neuen Buchstaben, Wörtern, Sätzen als gesellschaftskritischen und subversiven Akt verstanden haben.

Ein neuer Erlebnisraum

Die "konkrete Poesie", die in den Fünfzigerjahren im Umfeld von Kunst- und Design-Hochschulen von Eugen Gomringer und Max Bense sowie in der Wiener Gruppe um Gerhard Rühm und Ernst Jandl entstand, hat das aufgegriffen und variiert und das Gedicht immer weiter von seinem Inhalt gelöst und die Poesie auf die reine Form eingeschworen. Es geht in dieser Poesie nicht mehr um Versmaß, Strophen, Reime, um Hymnen auf die Liebe oder um politische Aufklärung, sondern um die Sprache selbst, das einzelne Wort, den einzelnen Buchstaben, der aus seinem naturalistischen Kontext herausgelöst wird, einen neuen Erlebnisraum und neue Sprachbedeutungen ermöglicht.

Das ideale konkrete Gedicht ist die "visuelle Poesie", ein Gedicht, das oft nur aus einem einzigen Wort oder einem einzigen Buchstaben besteht, das Text und Bild optisch zu einer typografisch-künstlerischen Einheit verbindet, Zeichen und Symbole aus den literarischen Konventionen löst und Poesie zur bildenden Kunst macht.

Bei Beat Gloor kreuzen sich Buchstaben im leeren Raum: Die Worte "Senkrecht" und "Waagerecht" berühren sich beim Buchstaben "r", "Faden" und "Gerade" beim Buchstaben "a". Das mehrfach wiederholte Wort "Moral" wird zu "Mortal", aus "Reue" wird "Revue", aus "now here" wird "nowhere". Das Wort "Kreuzworträtsel" wird visuell zu einem Kreuzworträtsel umgestaltet.

Es entstehen riesige Buchstabenwälder, in denen man sich verirren kann, Wälder, in denen die übereinander gelegten Buchstaben sich zu dicken Baumstämmen verknoten. Das Wort "Schnee" wird so oft wiederholt, bis es vor unseren Augen flirrt und wir ein riesiges Schneefeld zu sehen glauben. Das Wort "Meer" wird hundertfach variiert zu einem riesigen Wörtermeer auf dem die Buchstaben auf Wellen zu schwimmen scheinen. Das Wort "Schichten" wird so oft übereinander geschichtet, bis ein flauschiger Wortteppich geknüpft ist, auf dem die Buchstaben tanzen. Das Wort "Ja" wird so oft wiederholt und typografisch so umgestaltet, bis es ein großes "Nein" ergibt, und umgekehrt das Wort "Nein" so oft variiert und umgestaltet, bis es ein großes "Ja" ergibt.

Unter dem Titel "Strafarbeit" wird der Satz: "Ich soll mich nicht hundertmal wiederholen" exakt 99-mal wiederholt. Das Satz-Fragment "sich nichts vornehmen" wird so im Kreis geschrieben, bis einem ganz schwindelig wird – und man sich wirklich nichts mehr vornehmen mag.

Humor und Sprachgefühl

Schaut man auf die Homepage des Verlags, hat man das Gefühl, das Ganze sei vielleicht nur ein riesiger Spaß: Beat Gloor heißt es da, habe Erfahrungen als "Programmierer, Pianist und Papperlapappi" und führe ein Unternehmen namens "Text Control", das sich mit „Lektorat, Stil, Schreiben und Namensfindung“ beschäftigt. Weitere Bücher von ihm haben so absurde Titel wie "Alle sitzen im gleichen Boot, aber nicht alle rudern", oder: "Die Tage gehen vorüber und klopfen mir nur noch nachlässig auf die Schulter". Eines heißt "Staatsexamen", ein anderes heißt "uns ich er", was auch "unsicher" meinen könnte. Letzteres beschäftigt sich mit falschen Trennungen, wie ja auch sein Buch "Staatsexamen" als "Staat Sex Amen" gelesen werden kann.

Einerlei, ob es Beat Gloor wirklich gibt oder er nur eine literarische Erfindung ist: Er hat er auf jeden Fall viel Humor und viel Sprachgefühl und kann seine Gedanken über Gott und die Welt wunderbar poetisch visualisieren.

Entdeckungsreise in die Wildnis der Wörter

Überhaupt führt uns die "visuelle Poesie" vor, wie schillernd Sprache sein, wie viel Spaß man beim Spiel mit Buchstaben und Wörtern haben kann. Das hat etwas kindliches und naives, auch etwas hintergründiges und subversives. Das Wort "Herzschlag" auf Notenlinien zu legen und damit einen visuellen Herzschlag-Rhythmus zu erzielen, ist ebenso simpel wie erkenntnisreich.

Das Wort "Gleichgewicht" so oft zu wiederholen und die Buchstaben so heftig ineinander zu verknoten, bis alles – Buchstaben, Wort und Bedeutung – aus dem Gleichgewicht gerät, ist nicht nur witzig, sondern auch erhellend. Und wenn man das Wort "Sucht" typografisch derart arrangiert, dass der erste Buchstabe ("S") einem Paragraphenzeichen und der letzte Buchstande ("t") einem Grabkreuz ähnelt, dann assoziiert schon das Bild des Wortes verbotenen Drogenkonsum, der zum Tode führen kann.

Ohne weitere Erklärungen entsteht in unserem Kopf ein ganzer Roman und die visuelle Poesie wird zu einer Entdeckungsreise in die Wildnis der Wörter: ein tolles Abenteuer!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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