Bruno Preisendörfer: Als die Musik in Deutschland spielte © Galiani
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Reise in die Bachzeit - Bruno Preisendörfer: "Als die Musik in Deutschland spielte"

Bewertung:

Eine Reise in die Zeit des Spätbarocks auf gut vierhundert Seiten – das ist mutig. Bruno Preisendörfer gelingt, ausgehend von den Komponisten Bach, Händel und Telemann, ein grandioses, brillant geschriebenes und originell gedachtes Panorama dieser Epoche.

Bach, Händel und Telemann sind der Ausgangspunkt. Dabei geht es aber durchaus nicht nur um ihre Musik. Bruno Preisendörfer nimmt gerne kleine Details aus Leben und Werk dieser drei Komponisten zum Anlass, um die Besonderheiten des Barockzeitalters zu beleuchten.

So nimmt er Händels erste Oper, in der drei Figuren als Kontinente auftreten – verbunden mit der Frage, wie in der Barockzeit die Welt gesehen wurde. Oder auch die Art und Weise, wie Bach und Händel ihre Perücken getragen haben, in einem großen Kapitel über die Mode der damaligen Zeit.

Mathematisch-geometrischer Pomp

Preisendörfer geht zunächst vom Begriff Barock aus, der ursprünglich – aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts – ein negativ besetzter war: leerer Pomp, Überladenheit, Abirrung von den schlanken Idealen des Klassizismus.

Das bestätigt er zunächst: Das Barock war schwülstig. Er verweist jedoch auf die geradezu mathematisch-geometrische Systematik und Ordnung in dieser Epoche. Die zum großen Teil das Ziel hatte, die Herrschaft der Mächtigen zu zementieren, abzubilden und zu organisieren.

Rundumschlag

Der Autor lässt wenig aus. Da geht es um den Handel mit der Welt – Telemann lebte lange Zeit in der Handelsmetropole Hamburg -, um Militär und Kriege, Medizin, auch um soziale Fragen: die Verschwendungssucht des Adels gegen die bittere Armut großer Teile der Bevölkerung.

Auch der Bereich der Religion nimmt einen wichtigen Raum ein. Wer über die für heutige Ohren oft unfreiwillig komischen Texte vieler geistlicher Kantaten von Bach oder Telemann mit ihrem Schwulst und ihrem Nachsinnen über die Verderbtheit der Welt und den Tod als ständigen Begleiter den Kopf schüttelt, erfährt viel im Kapitel über den Pietismus, dieses hochemotionale Versenken in Gott. Da ist es ernst gemeint, wenn es in einer Bach-Kantate heißt: "Der erste Fall hat jedermann beflecket / und mit dem Sündenaussatz angestecket."

Ironie auf höchstem Niveau

Das Buch ist unterhaltsam, mitunter sogar in bestem Sinne und auf höchstem Niveau gewitzt geschrieben. Gerne auch mit leichter Ironie, wenn es angesichts mancher weltlicher Kantate von Bach heißt: "Wo immer die Macht auftritt, wird auf Pauken gehauen und in Trompeten geblasen."

Genauso vergnüglich zu lesen ist es, wenn der Autor den Philosophen Voltaire, der mit Friedrich II. in engem Kontakt stand und auch einige Jahre am preußischen Hof lebte, mit den Worten charakterisiert, ihm sei "mangelnde Eitelkeit nicht vorzuwerfen". Das alles ist stilistisch ein schöner Kontrapunkt zu der atemberaubenden Fülle an Fakten, die der Text enthält.

Fremd und nah

Die barocke Epoche ist beim Lesen gleichermaßen fremd wie nah. Bruno Preisendörfer geht mit hohem analytischem Anspruch an seine Darstellung – und ganz aus heutiger Perspektive. Das betont zunächst die Gegensätze des Damals und Heute. Durch die vielen Zitate aus zeitgenössischen Briefen und Schriften in ihrer verschwurbelten, aus heutigem Empfinden umständlichen Spräche wird es dann jedoch sehr sinnlich.

Köstlich, wie der Autor auf zwei Seiten den Hickhack um das "Edict wegen Einführung der Wagen- und Peruquen-Steuer" ausbreitet. Die wurde tatsächlich um 1700 in Berlin erhoben, aber aufgrund enormer Verweigerungshaltung seitens der Betroffenen zwei Jahrzehnte später wieder abgeschafft.

Brillant und anspruchsvoll

Das alles ist in sehr verdichteter Form zu finden. Anders wäre es auch nicht möglich, wesentliche Aspekte der Barockzeit auf gerade einmal gut 400 Seiten unterzubringen. Das bedeutet natürlich auch, dass der Autor nicht alles erklären kann.

Dabei ist Bruno Preisendörfer ein Meister, Details miteinander zu verknüpfen: Wenn es um Händel in London geht, beginnt es mit dem Welthandel, es folgen ein früher Opernerfolg und die Einwohnerzahlen der Stadt bis zur sozialen Situation. Bis dahin sind es gerade einmal zwanzig Zeilen. Das ist ein Vergnügen. Klar ist aber auch: Ein bisschen Allgemeinbildung sollte man mitbringen. Ein Buch für Dummies ist das wahrlich nicht …

Andreas Göbel, rbbKultur

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