Buchcover "Dark Waters"
Bild: Kehrer

Fotoband - Daniel Tchetchik: "Dark Waters"

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Seit Beginn der "Großen Wanderung" in den 1990er Jahren haben sich Millionen von Menschen auf den Weg nach Europa gemacht. Wie viele bei der gefährlichen Reise ums Leben gekommen sind, weiß niemand. Vor allem das Mittelmeer ist zum Grab für abertausende, oft namenlose Opfer geworden. Den israelischen Fotografen Daniel Tchetchik hat das Schicksal dieser Menschen keine Ruhe gelassen. Von seinen Reisen und Recherchen rund ums Mittelmeer hat er seinen Fotoband "Dark Waters" mitgebracht, der sich von den Bildern, die wir bisher von der Flüchtlingskrise gesehen haben, komplett unterscheidet und uns auf eine überraschende Art und Weise berührt und bewegt.

Der Blick vom vermeintlich sicheren Hafen Europa auf das Mittelmeer

Die Fotos unterscheiden sich schon dadurch, dass wir - zumindest bis zum kurzen Epilog am Ende des Buches - keinen einzigen Flüchtling auf ihnen Fotos sehen: keine Flüchtlinge auf überfüllten Schlauchbooten, keine im Meer treibenden oder am Strand angespülten Leichen, keine Rettungsschiffe, keine Lager, in denen die aus dem Meer gefischten Flüchtlinge eingesperrt sind und auf ihr weiteres Schicksal warten.

Stattdessen ist Daniel Tchetchik an verschiedene Küsten-Orte in Spanien, Italien und Griechenland gereist und blickt vom vermeintlich sicheren Hafen Europa auf das Mittelmeer. Was er sieht, ist das pure Grauen, das sich vor ihm auftut, das Grauen, das sich beim Blick auf die endlose Weite des Wassers und auf die gegen die Felsen schwappenden Wellen einstellt, beim Blick auf die wie leer gefegten Strände, die wie verlassen daliegenden Küsten-Orte, beim Blick auf die Zäune, Mauern und Bunker am Strand, mit denen sich Europa zu einer Festung ausbaut, die kalt und leer und herzlos wirkt.

Seine Fotos sind grobkörnig und meistens schwarz-weiß, oft in der Dämmerung und bei ganz schwierigen Lichtverhältnissen geschossen: Sie erzählen davon, wie furchtbar und tödlich das Wasser sein kann. Sie fragen uns, wie es sein kann, dass sich Menschen überhaupt trauen, auf klapprigen Booten über dieses gefährliche Meer zu uns nach Europa kommen zu wollen, wie schlecht es ihnen gehen muss und wie groß ihre Hoffnungen sein müssen, bei uns ein besseres und freieres Leben zu finden.

Wie sonst ist es zu erklären, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um zu uns zu kommen, die wir fassungslos am Strand stehen und auf diese endlose Einöde und dieses wilde Wasser starren.

Ein Fotobuch der Verzweiflung und zugleich der Hoffnung

Wir erfahren nichts Näheres über das Wo und Wie und Wann: Die Fotos haben weder einen Titel noch geben sie irgendeine weiterführende Information. Der Fotograf lässt die Fotos für sich selbst sprechen, äußert sich in dem Buch nicht zu seinem Projekt, seinem Anliegen, seine fotografischen Mittel und Methoden.

Allein aus den kargen Mitteilungen von drei nachgestellten kleinen Texten - einer ist von einem befreundeten Filmemacher, ein anderer von Museums-Direktor aus Tel-Aviv, ein dritter von einem Mitarbeiter des Roten Kreuzes - , allein aus diesen eher essayistischen Randnotizen kann man sich ein paar Dinge zusammenreimen: z.B. dass Daniel Tchetchik die Orte offensichtlich nach dem Zufallsprinzip ausgesucht hat, er selbst wohl auch gar nicht wissen wollte, ob und wann dort am Strand Flüchtlinge lebend angelandet sind oder tot angeschwemmt wurden; oder dass er - offenkundig inspiriert von den Erzählungen von Geflüchteten - in metaphorischen Bildern assoziativ erfassen will, wie grauenhaft die Natur sein kann, welche Grenzen uns das Meer setzt, wie weit der Horizont ist, der uns voneinander trennt, uns aber auch Möglichkeiten eröffnet, Grenzen zu überschreiten und Neues zu wagen:

Insofern ist es ein Fotobuch der Verzweiflung und zugleich der Hoffnung.

Was ist eigentlich los mit uns?

Er sieht z. B. eine kleine Kapelle, die verlassen in den Dünen am Meer steht und deren christliches Kreuz die Festung Europa beschützen will vor dem unbekannten Fremden.

Er sieht riesige Vögel in den dunklen Wolken über dem Meer kreisen, wie gierige Geier, die auf das Aas der Toten lauern; er findet ein mühsam zusammen geschnürtes Bündel mit Habseligkeiten, das vielleicht irgendwo bei einer tödlichen Reise über Bord gegangen ist und angeschwemmt wurde; er findet abgerissene Taue am Strand, die vielleicht von einer vergeblichen Rettung berichten; er findet eine im Sand liegende Sandale, die vielleicht einem Flüchtling gehörte; er fotografiert den Fußabdruck, den ein Mensch am Strand hinterlassen hat; er sieht Zäune und Betonmauern, die bestimmte Bezirke am Strand voneinander trennen.

Einmal auch sieht man ganz klein und unscharf im Hintergrund ein paar Touristen am Strand liegen und im Wasser schwimmen, im Vordergrund, deutlich und groß, ein Grabkreuz und ein paar Blumen, vielleicht für einen hier irgendwann ertrunkenen oder angeschwemmten Menschen.

Und immer wieder schaut der Fotograf über das Meer, das mal laut tosend auf ihn zu donnert, mal grau und schweigend vor ihm liegt: nirgendwo ein Schiff, nirgendwo ein Mensch: die Welt, ein Ort der stillen Schreie und der fürchterlichen Leere.

Gäbe es nicht diesen kleinen fotografischen Epilog, dann wäre die Hoffnungslosigkeit und die Sinnlosigkeit eigentlich kaum zu ertragen. Der Epilog besteht nur aus vier Fotos, sie zeigen - in Farbe - vier Überlebende, vier Flüchtlinge, die die Odyssee übers Mittelmeer überstanden haben, die aber alle jemanden verloren haben, einen Freund oder ein Kind, einen Bekannten oder einen Verwandten. Gerettete, die seither nicht mehr zu Ruhe kommen, sich heimatlos und in Europa nicht zuhause fühlen, aber auch nicht zurück können oder nicht wollen, nicht nach Ghana, Algerien, Burkina Faso, nicht in den Senegal.

Man spürt sofort beim Anblick ihrer traurigen Augen und ihrer leeren Blicke den ganzen Schmerz um den Verlust der geliebten Menschen. Man spürt die Angst, die immer noch in ihren geschundenen Körpern haust, die Angst vor dem Wasser und dem Tod, dem sie nur knapp entkommen sind.

In jeweils drei, vier kurzen Sätzen berichten sie von ihrer Flucht und davon, dass sie seitdem den Anblick des Meeres nicht mehr ertragen können. Das Mittelmeer, das für uns ein heller Ort der Sonne und freudigen Erholung ist, ist für sie ein dunkler Ort des Todes und niemals endenden Trauer: Und genau das zeigt uns Daniel Tchetchik mit seinen Fotos, die uns auf anrühren, weil er quasi mit den Augen eines Flüchtlings, eines Geretteten zurück blickt auf dieses "dunkle Wasser", dem man gerade entkommen ist, und auf Orte schaut, in denen man nicht willkommen ist.

Und als Betrachter fragt man sich: Was ist eigentlich los mit uns, warum lassen wir es zu, dass abertausende Menschen im Mittelmeer ihr Grab finden? Können wir nicht endlich dieses menschenverachtende Massaker im Mittelmeer beenden? 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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