Alexander von Humboldt: Sämtliche Schriften; Montage: rbbKultur
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Sachbuch - Alexander von Humboldt: "Sämtliche Schriften"

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Seit Monaten werden unzählige Veranstaltungen abgehalten, um Leben, Werk und Wirkung des Weltreisenden und Welterklärers, des Abenteuers und Aufklärers einzukreisen und zu bestimmen. Dass das Humboldt Forum nicht rechtzeitig fertig wurde: geschenkt. Umso freudiger können wir vermelden, dass eine auf zehn Bände angewachsene Ausgabe von Humboldts "Sämtlichen Schriften" pünktlich zum Geburtstag die Buchläden erreicht hat.

Alexander von Humboldt hat im zarten Alter von 19 Jahren angefangen, seine Ideen und Beobachtungen, seine Experimente und Theorien zur Erforschung und Erklärung von Natur und Mensch, von Erd- und Universalgeschichte zu publizieren. Und er hat erst 70 Jahre später, wenige Tage vor seinem Tod, damit aufgehört, Debatten anzuzetteln und zu befeuern, ökologische Erfordernisse und ökonomische Vorgänge, wissenschaftliche Ergebnisse und politische Tatsachen zu kommentieren.

Humboldt war ein Meister der kleinen Form, des literarischen Essays, der schnellen Naturbeobachtung, der anschaulichen Reisenotiz, des vehementen politischen Aufschreis. Er hat dabei über giftige Bäume genauso unterhaltsam und klug parliert wie über intelligente Maultiere, über elektrische Selbstversuche oder Erde fressende Eingeborene in Südamerika, über Sklavenhandel auf Cuba oder Juden-Emanzipation in Preußen.

Eine bewundernswerte Sisyphusarbeit

Die Herausgeber haben über 1.000 Texte Humboldts zu über 30 Wissenschaftsdisziplinen ausfindig gemacht, verfasst in 15 verschiedenen Sprachen, veröffentlicht in über 1.200 Zeitungen und Journalen auf fünf Kontinenten: eine bewundernswerte Sisyphusarbeit! Aber natürlich ist es möglich, dass in unbekannten Archiven noch weitere Aufsätze, Briefe, Vorschläge, Anregungen, Handreichungen von Humboldt schlummern und darauf warten, vor dem Vergessen gerettet zu werden.

Zu Lebzeiten war Alexander von Humboldt eine Art Popstar der wissenschaftlichen Publikation, die Texte wurden ihm aus der Hand gerissen und überall nachgedruckt. Nach seinem Tod hörte das schlagartig auf: Es setzte eine Legendenbildung und mythische Verklärung ein, die aus Humboldt einen Heiligen machte. Seine Werke aber wurden nicht mehr gedruckt und gelesen. Über 95 Prozent der Texte, die jetzt die zehnbändige Ausgabe füllen, sind nach Humboldts Tod nie wieder publiziert worden!

Nicht aufgenommen sind übrigens Humboldts große Werke: seine "Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas" sind genauso wenig dabei wie der "Kosmos – Versuch einer physischen Weltbeschreibung": Diese beiden Schatzkammern des Weltwissens hat Hans Magnus Enzensberger in seiner "Anderen Bibliothek" bereits vor 15 Jahren dem Vergessen entrissen und neu herausgebracht.

Chronologisch oder aufs Geratewohl

Wer Humboldts Entwicklung vom wissenschaftlichen Brausekopf zum weisen Ratgeber nachvollziehen und wissen will, wie sich die Schwerpunkte seiner Forschungen vom Klimatologen zum Anthropologen, vom Meteorologen zum Geologen, vom Kultur- zum Geisteswissenschaftler verändert haben, der sollte sich wohl jeden Band und Text einzeln vornehmen und die Chronologie im Auge behalten.

Wer sich nur einen ersten Eindruck verschaffen will, sollte sich aufs Geratewohl ein paar Texte herauspicken und sich von den Überschriften leiten lassen: Wie wäre es mit "Versuche über die electrischen Fische", veröffentlicht 1805, "Was sind Barbarer?" (1817), "Verschiedenheit der Völker Südamerikas und Europas" (1824), "Kannibalismus" (1832), "Sternschnuppenströme" (1839), "Die Einheit des Menschengeschlechts" (1852). Und schließlich "Ruf um Hülfe", Humboldts letze Wortmeldung von 1859. Da fleht er die Öffentlichkeit an, ihn doch bitte mit Briefen und Geschenken zu verschonen, er habe einfach zu viel tun und würde bei abnehmenden Kräften sich gern noch vor seinem Ableben der Vollendung seines Werkes widmen.

Von hinten nach vorn

Um sich nicht heillos zu verzetteln und zu verlieren, ist es ratsam, sich nicht wahllos in die Texte hineinzustürzen, sondern mit dem Ende anzufangen und sich zunächst die Bände 8 bis 10 näher anzuschauen: Das hilft enorm, seine Gedanken und Interessen zu sortieren und den Mut nicht zu verlieren.

Band 8 heißt "Werkzeuge" und versammelt Bibliografien, Register, Glossare, Verzeichnisse von Personen und Orte, Inhalts- und Quellenangaben, zitierte Literatur: Hiermit ist es leichter, anhand von Stichwörtern und Daten gezielt nach Themen in den Texten von Humboldt zu suchen.

Band 9 heißt "Übertragungen" und versammelt die Übersetzungen aller Texte, die vorher in der Sprache ihrer Erst-Veröffentlichung abgedruckt waren und den Leser an den Rande seiner Möglichkeiten gebracht haben: alles, was vorher spanisch, französisch, englisch daherkam, ist hier noch einmal auf Deutsch nachzulesen.

Band 10 schließlich heißt "Durchquerungen" und versammelt Essays zu einzelnen Themen, die sich bei Humboldt herausfiltern lassen: Es geht um "Autobiographie und Biographie", um "Versuche und Selbstversuche", "Bergwerke und Vulkane", "Pflanzen und Ökologie", "Umwelt und Klima", "Politik und Engagement". Und um "Visionen", also um die Zukunftsfähigkeit und Zeitlosigkeit des Universalgelehrten, der uns mit seinen Arbeiten und Ansichten bis heute beschäftigt. Ausgehend von diesen Essays kann man dann zurückblättern und sich vergewissern, wie Humboldt diese Themen im Detail beackert und bewertetet hat: Eine lohnende Lektüre, bei der das Lesen zum vergleichenden Forschen wird.

Alexander von Humboldt hinterfragen

"Sämtliche Schriften" zu einem Preis von 250 Euro zielen nicht auf eine breite Leserschaft. Pflichtlektüre aber sollten sie für alle werden, die sich – als Macher oder Kritiker – mit dem Humboldt Forum beschäftigen und mit der Rolle, die dem Universalgelehrten (und seinem Bruder Wilhelm) hier zugedacht wird.

Ist Humboldt wirklich der weltoffene Aufklärer und gute Deutsche, der Prophet des Fortschritts und der Vernunft, der Humanist und Kulturvermittler, der Umweltaktivist und Klimaretter, als der er immer wieder heilig gesprochen und zum Mythos verklärt wird?

Ist Humboldt nicht auch ein ambivalentes Wesen, ein medienwirksamer Selbstdarsteller, Opportunist und Machtmensch, der mit "europäischer Brille", mit europäischer Moral und europäischen Werten auf die weite Welt blickt?

Die "erdefressenden Otomaken" waren ihm zutiefst suspekt, Bedenken, die Gräber der indigenen Bevölkerung zu plündern und die Gebeine der Toten nach Berlin zu schicken, hatte er nicht. Dem preußischen König diente er gehorsam als Begleiter und Unterhalter. Seine Reise nach Südamerika wurde vom spanischen König, seine Expedition durch Russland vom Zaren gefördert, um mit Humboldts Entdeckungen und Forschungen die Kolonien und Großreiche besser erschließen und ausbeuten zu können.

Nur wenn wir endlich anfangen, seine Texte zu studieren, werden wir herausfinden, wer Humboldt wirklich war, was er dachte und wollte: Ihn immer nur auf den Sockel zu heben, wird uns auf Dauer nicht weiterbringen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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