Lucia Berlin: Abend im Paradies © Kampa Verlag
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Kurzgeschichten - Lucia Berlin: "Abend im Paradies"

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Die amerikanische Autorin gehört zu den aufregenden Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Sie ist eine Meisterin der Short Story, eine genaue und menschenfreundliche Beobachterin.

Lucia Berlin hat ein ungewöhnliches Leben geführt: Sie war dreimal verheiratet, hatte vier Söhne, für die sie allein verantwortlich war. Neben den vielen Umzügen, die ihr Leben prägten, den Jobs, die sie annehmen musste, um die Kinder durchzubringen, hat sie stets geschrieben. Einer ihrer Söhne erinnerte sich, er habe vor allem das perma­nente Geräusch der Olympia-Schreibmaschine im Ohr, wenn er an seine Mutter denke.

Zu Lebzeiten war Lucia Berlin mehr oder weniger unbekannt. Erst ein Jahrzehnt nach ihrem Tod 2004 wurde ihr Werk entdeckt und gefeiert. Bei uns hat daran keinen gerin­gen Anteil die Schriftstellerin Antje Rávik Strubel, deren Übersetzungen und Engage­ment für die (1936 in Alaska geborene) amerikanische Kollegin gar nicht genug gerühmt werden kann.

Meisterin der kurzen Form

In diesem Frühjahr hatte der Zürcher Kampa Verlag gerade einen Band mit Erinner­un­gen, Bildern und Briefen veröffentlicht, in dem man Berlins Lebenswege genauer ken­nen­­lernen konnte, ihre Lieben und Hoffnungen, den biographischen Stoff, der ihre Li­teratur grundiert. Nun ist im selben Verlag der dritte Band mit Erzählungen dieser un­gewöhnlichen Schriftstellerin erschienen. Erneut erweist sie sich als Meisterin der kur­zen Form, stellt voller Wehmut und Humor vor allem junge Frauen ins Zentrum, deren Schicksal dem ihren stets sehr ähnlich ist.

Eine Ich-Erzählerin erinnert sich an den Freund und Kollegen ihres Mannes, der eine wie der andere Künstler und an die sehr junge Frau, die er heiratet. Die Paare wohnen im selben Haus, essen gemeinsam, teilen Ansichten und Lebensformen. Der Freund al­lerdings wird berühmt werden. Der eigene Mann neidlos das Talent des anderen be­wun­dern. Aber es geht hier nicht um die Männer, sondern um diese junge schöne Frau, die von ihrem Mann beherrscht wird, der ihr Erscheinungsbild ändert, sie darf keine Farben mehr tragen, wird zu einer stilisierten Schwarz-Weiß-Schönheit. Er hat Affären, kann das Geschrei des Babys, das sich bald einstellt, nicht ertragen; – und er sucht das Weite, als seine Frau zum zweiten Mal schwanger ist. Dass Lucia Berlin selber mit einem domi­nanten Künstler in erster Ehe verheiratet war, dessen Unterhosen sie gebügelt hatte (wie die junge Frau in der Geschichte), damit er nach der Dusche wohlig in sie hinein schlüpfen konnte, das weiß, wer die autobiografischen Texte kennt. Aber das ist nicht wichtig, denn so einfühlsam und mit distanzierter Verwunderung wird hier beschrieben, was sich junge Frauen damals alles gefallen ließen.

In einer anderen Geschichte steht der chaotische Haushalt einer alleinerziehenden Mut­ter mit vier Söhnen im Zentrum, die von ihrer ordentlichen Schwägerin besucht wird. In einer dritten geht es um zwei Frauen, die beide mit demselben Mann verheiratet waren, die sich treffen und viel zu viel trinken (auch das ist ein autobiographisch geprägtes Motiv, das immer wieder kehrt) und mit ebenso großer Sehnsucht wie Wut an den Ex-Mann denken. Der ist im Begriff erneut zu heiraten: eine sehr junge Frau.

Verliebt in das Leben

In der New York Times konnte man über diese wunderbare Schriftstellerin einmal lesen:

"Kein anderer toter Autor ist auf dem Papier lebendiger als Lucia Berlin: komisch, dü­ster, so verliebt in das Leben."  Damit ist die Faszination, die diese Geschichten hervorrufen, im Kern benannt. Bei allen Sorgen, etwa der Heroinabhängigkeit des Ehemannes, die das gemeinsame glückliche, geradezu paradiesische Leben vergiftet oder dem selbst­zerstörerischen Alkoholismus einer überanstrengten Lehrerin, der Untreue und dem Be­trug, trotz all dieser Katastrophen und Probleme, von denen das Leben der Protago­ni­stin­­nen geprägt ist, sind sie von einer großen Lebenslust erfüllt.

Manuela Reichart, rbbKultur

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