Margaret Atwood: Die Zeuginnen © Berlin Verlag
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Roman - Margaret Atwood: "Die Zeuginnen"

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Auf der globalen Marketingwelle herangerollt: Margaret Atwoods Fortsetzung von "Der Report der Magd"
 

Es ist ja erfreulich, wenn es Bücher sind, die die Massen bewegen, aber der Hype um Margaret Atwood neuen Roman "Die Zeuginnen" hat auch etwas Befremdliches. Da mussten Geheimhaltungsverträge unterschrieben werden, Manuskripte in Tresore und erste Ausgaben in Buchhandlungs-Nebenräumen eingesperrt werden. Gestern Abend, nach Zeuginnen-Cocktails und Cupcakes, auf denen Cover des Romans in Zuckerguss prangte, sprach Atwood selbst, um Mitternacht, in der Buchhandlung Waterstones. Und heute Abend wird eine Veranstaltung mit ihr im National Theater weltweit in etwa 1500 Kinos übertragen, auch nach Berlin.  

Kluges und kraftvolles Erzählen

Eine große Marketingwelle, grün und marineblau wie der Einband von den "Zeuginnen", auf dem der Kopf einer Magd abgebildet ist, rollte also dem Erscheinen des Buches voraus. Aber kann die Geschichte, die Atwood in der Fortsetzung von "Der Report der Magd" erzählt, 34 Jahre später, mit der vorauseilenden Aufmerksamkeit durch die globale Medienpräsenz überhaupt mithalten? Tut das den Rezensionen eher gut oder schlecht?

Man kennt die Bücher der kanadischen Autorin als klug und drängend, themengetrieben, allegorisch und literarisch. Das gilt auch für "Die Zeuginnen".  Atwood’s Prosa ist kraftvoll wie immer, mit glasklar komponierten Sätzen, Rhythmus, ironischer Kraft und Freude an Worten und Wortspielen. Diese Autorin ist mit 79 Jahren immer noch genauso blitzgescheit wie man sie bisher kannte und hat nichts von ihrer erzählerischen Kraft eingebüßt

Wenn Literatur über die Buchdeckel hinauswächst

Im "Report der Magd", mittlerweile ein Longseller und mehrfach verfilmt, hat sie die psychologischen und emotionalen Folgen von Diktaturen untersucht. Atwood hat sich den Staat Gilead ausgedacht, eine fundamentalistische Theokratie, in der Frauen als "Mägde" zu Gebärmaschinen geworden sind. Die Neuverfilmung als Fernsehserie, die seit 2017 auf der Internetplattform Hulu ausgestrahlt wird, hat die Mägde noch mehr als vorher ikonisiert und zum weltweiten Symbol für die Unterdrückung von Frauen werden lassen – bei Demonstrationen für Frauenrechte tragen Aktivistinnen inzwischen regelmäßig die rosten Kostüme und die weißen Hauben. Die Literatur ist über die Buchdeckel hinausgewachsen.

Das Schicksal der Magd Desfred blieb am Ende ungewiss, ein Lieferwagen holt sie ab, aber es blieb offen, wohin er sie bringen wird. In "Die Zeuginnen" nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf.  Allerdings hat sie sich dagegen entschieden, wieder unter die Haube Desfreds zu schlüpfen und drei andere Erzählerinnenstimmen inszeniert. Da sind zwei junge Frauen, die Zeugnis ablegen: Agnes, die im Schreckensstaat Gilead aufwächst. Und ein junges Mädchen, Daisy, das in Freiheit bei Pflegeeltern in Kanada lebt und von außen auf den totalitären Staat in den USA blickt.
 

Jenseits von stumpfem Feminismus

Am überraschendsten ist die dritte Stimme: Tante Lydia, die man schon aus dem Report der Magd kennt. Eine ambivalente Figur, kein reines Opfer, sondern auch Täterin. Eine, die andere Frauen quält und unterjocht, die in Gilead sogar eine Statue errichtet bekommt. Die aber nun von innen heraus gegen den Terrorstaat arbeitet. Die Hintergründe, die Atwood hier aufrollt, wie Tante Lydia zu jener wurde, die sie ist, sind psychologisch überzeugend komponiert. Ja, es sind vor allem Männer, die hier unterdrücken, aber Atwood ist glücklicherweise klug genug, um Frauen ebenso komplex und ambivalent anzulegen und damit Vorwürfe von stumpfem Feminismus auszuhebeln.

Im Vergleich zum "Report der Magd" könnte man sagen, dass Atwood mehr auf Spannung und Thrillerelemente setzt, der Gedanke der Verfilmbarkeit schwang beim Schreiben wohl auch mit. Der Überraschungseffekt des ersten Bandes ist natürlich weg, die Schrecklichkeiten des Staates Gilead waren bekannt, und die drei Erzählerstimmen führen dazu, dass man seine Leseaufmerksamkeit auf drei Frauen verteilen muss.

Dennoch: Eine spannende, fesselnde Geschichte, ein dytopischer Thriller, der sich natürlich – wie alle guten Dystopien -  thematisch in der Gegenwart bedient. Sie schreibe diese Bücher, sagt Atwood gerne, damit sie eben nicht wahr werden. Die Cupcakes und die strengen Geheimhaltungsverträge hätte es nicht unbedingt gebraucht. Aber dieses Buch.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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