Michael Winterhoff: Deutschland verdummt © Gütersloher Verlagsanstalt
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Zukunft Bildung - Michael Winterhoff: "Deutschland verdummt"

Bewertung:

Mit "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" ist der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff vor über zehn Jahren schlagartig bekannt geworden. Auch sein aktuelles Buch hat es in die Bestsellerliste der Sachbücher geschafft – zu Recht?

Eines vorab: Der Rezensent ist selbst kinderlos und kann keine belastbaren Nah-Erfahrungen mit den Zuständen an deutschen Schulen vorweisen. Er beurteilt allein die Argumentation und den Tonfall in "Deutschland verdummt" – und um beide ist es nicht gut bestellt. Denn Winterhoffs Buch ist eine radikale, populistische und selbstherrliche Abrechnung mit dem hiesigen Bildungssystem, umflort von finsteren Untergangsszenarien und gespickt mit Halbstarken-Rhetorik à la "Das ist doch total irre", "Es ist ein Wahnsinn!" oder auch nur "Wahnsinn!"

Real existierende Missstände

Dabei geht es in "Deutschland verdummt" um real existierende Missstände, keine Frage. Und obwohl Winterhoff suggeriert, er sei so ziemlich der einzige Voll-Schecker im Lande, unterliegen sie längst öffentlicher Kritik. Man weiß: Die Schule ist als therapeutische Einrichtung zur Kompensation mangelhafter Erziehung im Elternhaus überfordert; sie wird von der Bildungspolitik mit ideologisch geprägten Vorgaben befrachtet und als Experimentierstation kruder pädagogischer Innovationen missbraucht; die Aufgabe des umfassenden Bildungsideals zugunsten kleinteilig-evaluierbarer "Kompetenz" fördert kein selbständiges Denken, sondern Verzettelung; der "offene Unterricht", in dem die Schüler selbst bestimmen, was sie wann auf welche Weise erlernen wollen, lädt zum schnellen Spaßhaben eher ein als zu nachhaltigem Lernen; die Digitalisierung bereits der Grundschule ist ein modischer Irrtum und lernpsychologisch oft destruktiv.

Soll heißen: Winterhoffs Mängelkatalog enthält viele diskussionswürdige Punkte. Aber Winterhoff diskutiert nicht. Er verurteilt, verdammt und macht nieder; nachvollziehbares Abwägen von Für und Wider kommt nirgends vor. Was auch an Winterhoffs unbedarftem Umgang mit den Quellen liegt. Der Kinder- und Jugendpsychiater schließt von vielen Verhaltensauffälligen, die seine Praxis aufsuchen, auf die flächendeckende Zerrüttung und Orientierungslosigkeit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Er referiert hemdsärmelig als Faktum, was er allein vom Hörensagen weiß. Er streift hier und da wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse, die seine Position stützen – aber schon die Zusammenfassungen sind Banalisierungen.

Er präsentiert Interviews mit anonymisierten Gesprächspartnern, die stets, oh Wunder!, das behaupten, was er nebenstehend selbst gerade ausgeführt hat. Es herrscht das umgekehrte Pippi-Langstrumpf-Prinzip vor: "Ich mach mir die Welt, wie sie mir nicht gefällt."

Schülerzentrierten Unterricht

Winterhoff  hält seine Überzeugungen für so wichtig und richtig, dass er sie ständig wiederholt. Oder anders: Er hat wenig zu sagen, sagt es dafür aber umso öfter. Er unterstellt, dass seit 1995 Eltern und Lehrer den Kardinalfehler begangen haben, Kinder nicht mehr als erziehungsbedürftig wahrzunehmen, sondern als junge Menschen, die im Grunde selbst wissen, wie sie lernen, wie sie die Welt erkunden, wie sie selbstbewusst, kurz: wie sie erwachsen werden sollen. Tatsächlich gibt es solche Tendenzen, die im sogenannten 68er-Gedankengut wurzeln. Und bestimmt spielt es auch eine Rolle, dass manche Eltern, um sich die Liebe ihrer Kinder zu sichern, allzu lax und nachsichtig mit ihnen umgehen, oder ihre eigenen Wünsche fälschlicherweise für die Wünsche ihrer Kinder halten. Jedoch schimmert hinter Winterhoffs Hass auf den schülerzentrierten Unterricht altväterliche Autoritätsgläubigkeit: "Der Lehrer muss anleiten, und das Kind muss üben. Sonst wird das nichts."

Gesellschaft in Gefahr

Im Hintergrund steht Winterhoffs starres Entwicklungsmodell der menschlichen Psyche. Danach durchlaufen Kleinkinder die anale, orale und "magisch-ödipale" Phase (wie W. an anderer Stelle erläutert hat), ohne bis zum 7. Lebensjahr eine Persönlichkeit auszubilden, die sich dann allerdings, zackzack!, verlässlich im 8. Lebensjahr entwickelt. So wie der 13- oder 14jährige einen reflektierten Weltzugang gewinnt. Dass dieses Schema in Fachkreisen harsch abgebürstet wurde, unterschlägt Winterhoff – legt es aber seinem Klagelied stets zugrunde.

Mit 25 Jahren ist der falsch erzogene Mensch schließlich irreparabel, wie Winterhoff an einem hochbegabten Stubenhocker demonstriert: "Seine Kleinkind-Psyche ist dann so fest in ihm verankert, dass er – entwicklungspsychologisch betrachtet – bis an sein Lebensende außer Betrieb genommen ist."

Weil solche Fehlentwicklungen angeblich zur Regel werden, "ist das gesamte Gefüge unserer Gesellschaft in Gefahr". Merke darum: "die Zeiten des Friedens und des Wohlstands [werden] bald vorbei sein."

Gewissenlose Zuspitzung

Der Rezensent kennt einige Eltern, die Winterhoff Beifall klatschen würden, aber noch mehr Eltern, die Winterhoff jene Unreife zusprächen, die er an unerzogenen Schülern beklagt. So oder so: "Deutschland verdummt" ist ein alarmistisches Werk aus dem Geist des Kulturpessimismus. Trotzdem kann man Winterhoffs teils gewissenlose Zuspitzung für sachdienlich halten, denn, wie gesagt, an Missständen fehlt es nicht. Dass "Die Zeit" Winterhoff allerdings als "Thilo Sarrazin der Erziehung" titulierte, grenzt an Zumutung – für Sarrazin.

Arno Orzessek, rbbKultur

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