Nora Bossong: Schutzzone © Suhrkamp
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Roman - Nora Bossong: "Schutzzone"

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Bekannt geworden ist die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong u.a. mit ihrem Roman "36,9 Grad" über Antonio Gramsci, den italienischen Politiker und Philosophen. Zuletzt erschien ihr Gedichtband "Kreuzzug mit Hund" und mit ihrem neuen Roman "Schutzzone" steht sie nun auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019.

Der Titel lässt sich doppelt deuten: Es geht zum einen um die Frage der persönlichen Schutzzone, der Intimität: Wie viel Privatsphäre brauche ich, wen lasse ich an mich heran? Zum anderen geht es um die Schutzzonen, mit denen die UNO in Krisengebieten eine oft fragile Stabilität zu schaffen versucht. Wir kennen den berühmt-berüchtigten Ausdruck seit dem Jugoslawienkrieg.

Genau diese beiden Aspekte vereinen sich in der Hauptfigur des Romans, einer jungen Frau namens Mira. Mitte dreißig ist sie in der Gegenwartshandlung, im Jahr 2017, und seit fünf Jahren arbeitet sie für die UNO. Anfangs war sie in New York tätig und hat für ihren Vorgesetzten die Reisen in Krisengebiete vorbereitet. Dann hielt sie sich selbst drei Jahre lang als Beobachterin in Burundi auf, dem buchstäblich ärmsten Land der Erde, in dem der Konflikt zwischen Tutsi und Huto immer noch nachzittert.

Karriere machen mit der Krise

Jetzt arbeitet sie in Genf und leitet Verhandlungen im Zypernkonflikt. Die finden in einem Luxushotel statt, dem berühmten Beau Rivage. Keine Frage: Mira hat Karriere gemacht in und mit einer krisengeplagten Welt.

Vom ärmsten Land der Welt ins Schweizer Luxushotel, diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Nora Bossong gelingt es, dem Leser die heimatlose, schnelllebige Existenz von Mira und ihren Kollegen zu vermitteln. Diese "Expats" sind Teil einer weltweiten Klasse, zu der nicht nur UNO-Angestellte gehören, sondern auch Diplomaten, Wirtschaftsleute, Journalisten, Mitarbeiter von NGOs.

Es sind Menschen, die nie ganz ankommen, nirgendwo wirklich Wurzeln schlagen. Bossongs Heldin sagt: Wir gehören nicht dazu, "nicht dort, wo wir gerade sind, und auch nicht mehr da, woher wir einmal kamen".

Unlustige Expats am Pool

Eine geradezu schizophrene Existenz führt Mira in Burundi. Dort befragt sie tagsüber im Flüchtlingslager ehemalige Kindersoldaten, doch abends sitzt mit anderen "Expats" im Hotel am Pool und feiert seltsam unlustige Partys, welche die innere Leere dieses transitorischen Lebens kaum übertünchen können. In ihrer Dienstwohnung lässt sie sich anderntags von einem Diener bekochen.

Wer sich nun an vergangene Kolonialzeiten erinnert fühlt, hat die Autorin auf seiner Seite, denn genau diese Frage wird mehrfach thematisiert: Ist es nicht eigentlich Kolonialismus, was wir hier machen?

Nicht nur die UNO-Mitarbeiter selbst sind desillusioniert – diesen Part übernimmt Miras Freundin Sarah –, auch andere stellen unbequeme Fragen, selbst wenn ihre moralische Qualifikation zu wünschen übrig lassen mag. Bei einem Treffen an unbekanntem Ort in Burundi begegnet Mira einem Rebellengeneral, der im Verdacht steht, Kindersoldaten eingesetzt zu haben. Er ist ein durchaus gebildeter, charismatischer Mensch, dieser General, hat einst einige Semester in der Schweiz studiert und hinterfragt nun eloquent die Berechtigung der USA und Deutschlands, anderen Ländern ihre Wertevorstellungen aufzuzwingen.

Wenn die Schutzzone erodiert

Für Mira stellt das komischerweise erst einmal keine moralische Zwickmühle dar, sie scheint sich einfach ihrer Faszination hinzugeben. Aus Anlass dieser Situation sagt sie von sich selbst: "Ich habe die Fähigkeit, binnen weniger Minuten einem Menschen zu verfallen". Hier erodiert die Schutzzone der sonst oft recht kühl, bisweilen berechnend wirkenden Hauptperson.

Der Leser verfällt möglicherweise nicht ganz so leicht dem Charme des Generals. In seiner kultivierten Dämonie macht er einen etwas operettenhaften Eindruck, den auch der tragische Weg, den er später geht, nicht verwischen kann. "Schutzzone" ist leider nicht gefeit gegen solche plakative Szenen, die vor allem bei den Dialogen etwas verkünstelt wirken können.

Aufgrund der interessanten Grundkonstellation ist der Roman wohl dennoch ein aussichtsreicher Anwärter auf den Deutschen Buchpreis. Freilich funktioniert die Verquickung des Privaten mit dem Politischen nicht so gut, wie der Rezensent sich das erhofft hat.

Eine distanzierte Liebesgeschichte

Denn eine Liebesgeschichte kommt ja noch hinzu. Es ist kein Zufall, dass sie erst jetzt Erwähnung findet, denn allzu überzeugend wirkt sie über weite Strecken nicht. Da wird einerseits verbal eine amour fou mit einem etwas älteren Kollegen aufgebaut, andererseits gibt es aber doch nur viel unterkühltes Geplänkel.

Den Mann, mit dem Mira eine Affäre beginnt, kennt sie schon seit Kindertagen, es verbindet sie eine besondere Episode ihres Lebens. Das Buch blickt zurück in diese Zeit, es springt aber auch sonst permanent zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Gegenwartsautoren lieben diese Art des kaleidoskopischen Erzählens. Leider wird dadurch oft Spannung aus der Gegenwartshandlung gezogen, und obwohl Nora Bossong die Fäden ihrer Erzählung mit all ihren Verzwirnungen erstaunlich straff in der Hand hält, ist es so auch hier.

Das Buch entschädigt den Leser mit vielen feinen Beobachtungen, gescheiten Reflexionen und oft wirklich großartigen Formulierungen, bei denen man die Lyrikerin Nora Bossong herauszuhören glaubt. Doch es ist mit Mira wie so oft bei distanzierten, etwas entrückt wirkenden Gestalten: So richtig ans Herz wollen sie einem nicht wachsen.  

Steffen Jacobs, rbbKultur

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