Theodor Fontane: "Gedichte in einem Band" © Insel Verlag
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Lyrik - Theodor Fontane: "Gedichte in einem Band"

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Zweihundert Jahre Fontane und kein Ende, so könnte man inzwischen fast sagen. Zum zweihundertsten Geburtstag des großen preußischen Schriftstellers war viel Interessantes über seine Zeit, sein Leben und sein Werk zu erfahren. Gibt es überhaupt noch etwas von Theodor Fontane, das nicht ausreichend gerühmt und gelobt wurde? Ja, das gibt es – seine Gedichte.

Viele kennen die berühmten Balladen, den "John Maynard" oder "Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" mit ihrem kraftvollen, nachdrücklichen Klang. Doch es existiert noch ein anderer Fontane-Ton: stille, reflexive, im besten Sinne alltagstaugliche Gedichte, die leider immer noch viel zu wenig bekannt sind.

Seit Jahren lege ich Freunden und Bekannten dieses Buch ans Herz, ob sie nun wollen oder nicht: Fontanes "Gedichte in einem Band". Ein kleiner, dicker Ziegelstein im Leinengewand, ein Gedichtvorrat fürs Leben und trotzdem klein genug, um ins Handgepäck zu passen.   

Ein Lyriker für reife Leser

Was manchen überraschen mag: Mit fast siebenhundertfünfzig dicht bedruckten Seiten ist Fontanes lyrisches Werk kaum schmaler als das von vielen "hauptamtlichen" Lyrikern.

Seine berühmten Romane hat Fontane bekanntlich erst in fortgeschrittenem Alter geschrieben. Als Lyriker war er kein Spätzünder, im Gegenteil. Er hat früh angefangen, Gedichte zu schreiben, schon als Jugendlicher, damals noch deutlich in der Tradition Heines.

Fontane ist ein Lyriker für reife Leser, für gesittete Menschen, die ihre inneren Konflikte eher mit sich selbst austragen, als mit auftrumpfender Geste nach außen zu treten. Eines war Fontane gewiss nicht: ein lyrischer Schmerzensmann, der sich vor Publikum effektvoll selbst zerreißt.

Hoffen, Hassen, Lieben im Gedicht

Mehr zu sein als zu scheinen: Das ist eine Tugend, an der ihm lag und die sich in seinen Gedichten fast noch besser widerspiegelt als in seiner Prosa. Er selbst hat sein lyrisches sogar höher als sein übriges Werk eingeschätzt. Seinem Verleger schrieb er, dass von den Gedichten mehr bleiben werde als von seiner Prosa.

Als Kostprobe sei ein berührendes Gedicht über eine ernste Sache und ein großes Thema zitiert: Den nahenden Tod.  "Immer enger, leise, leise / Ziehen sich die Lebenskreise / Schwindet hin, was prahlt und prunkt / Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben / Und ist nichts in Sicht geblieben / Als der letzte dunkle Punkt."

Die Erkenntnis, dass man nicht nur älter, sondern mit den Jahren auch erfahrener, abgeklärter, wissender werden kann, können wir gut gebrauchen. Heute gilt ewige Jugend vielen als erstrebenswert. Mit Fontane lernen wir, älter, reifer und gelassener zu werden, manchmal freilich auch trauriger.  

Am ironischen Heine geschult

Gewiss gibt es unter Fontanes Gedichten manches, das heute eher in die Rubrik "historisch interessant" fällt – knarzige Lobgedichte auf "den alten Fritz" zum Beispiel. Doch viele kurze, pointierte Stücke wie das eben zitierte geben Fontanes Lyrik etwas Zeitgemäßes.

Es ist übrigens auch nicht immer alles ernst bei Fontane. Dass er sich früh am ironischen Heine geschult hat, merkt man auch manchem Altersgedicht noch an. Das letzte Wort in dieser Besprechung soll er selbst haben, mit einem Gedicht, das seinen trockenen, oft melancholisch grundierten Witz gut veranschaulicht:

"Dreihundertmal hab’ ich gedacht: / Heute hast du’s gut gemacht, / Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen: / Heute hast du ins Schwarze getroffen, / Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei / Des Scheibenwärters: 'Es ging vorbei.' / Schmerzlich war mir’s dreihundertmal – / Heute ist es mir egal."

Steffen Jacobs, rbbKultur

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