Nicht wie ihr
Kremayr & Scheriau
Bild: Kremayr & Scheriau

Roman - Tonio Schachinger: "Nicht wie ihr"

Bewertung:

Siebenundzwanzig Jahre alt ist der österreichische Autor Tonio Schachinger. Erst vor vier Wochen erschien sein erstes Buch, der Roman „Nicht wie ihr“, jetzt steht der Band schon als einer von sechs Titeln auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Es geht um Fußball, besser gesagt: um einen Fußballspieler.

Ivo ist ein Kicker, wie wir ihn aus den Medien zu kennen glauben: Ursprünglich aus Bosnien stammend, wuchs er in Wien auf. Jetzt ist er 27 Jahre alt und spielt in der österreichischen Nationalmannschaft, lebt aber in England, wo der FC Everton sein Klub ist. Mit neunzehn war Ivo eines der großen Nachwuchstalente, doch im Moment läuft seine Karriere nicht ganz so wie gewünscht.

Kurzum: Tonio Schachinger hat sich für seinen Helden eine so detaillierte und glaubwürdige Laufbahn ausgedacht, dass man fast glauben könnte, er würde wirklich existieren.

Eine klassische Charakterstudie

Dennoch muss man kein Fußballkenner sein, um das Buch zu verstehen. Im Gegenteil, man erfährt als völlig Ahnungsloser einiges über den Fußball – nicht so sehr, was das Spielen auf dem Platz betrifft, das Schachinger weitgehend ausspart, als vielmehr hinsichtlich der Mechanismen und Machenschaften hinter den Kulissen: Kabale und Ball.

Der Roman ist eine klassische Charakterstudie. Lange Zeit passiert nicht viel, es werden vor allem die Persönlichkeit und der Lebensstil von Ivo beleuchtet. Wir folgen ihm zu Pressekonferenzen und Sponsorengalas; wir erleben ihn an Weihnachten mit seiner Familie zu Hause. Wir sind auch dabei, als Ivo am Anfang des Romans zum Seitensprung mit einer Jugendliebe ansetzt. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Erotischen und dem Familiären, zwischen der Affäre einerseits und der eigenen Frau, den beiden Kindern andererseits ist ein Hauptmotiv des Buches.

Nah dranbleiben an der Hauptfigur

Tonio Schachinger hat die dritte Person als Erzählperspektive gewählt, Ivo berichtet also nicht direkt von sich selbst. Das wäre ohnehin wenig glaubhaft, denn er ist definitiv nicht der Typ, der sich seitenlang über sein Leben auslässt. Trotzdem bleibt Schachinger nah dran an seiner Hauptfigur – Manndeckung, wenn man so will. Er übernimmt deren Denkweise, ihre Sicht auf die Welt, ihre Sprache. Typische Rollenprosa ist das, aber sehr, sehr gut gemacht.

Das Klischee besagt, dass Fußballer eher schlicht gestrickte Menschen seien. Auf den ersten Blick ist das auch hier der Fall, auf den zweiten überhaupt nicht. Darin liegt eine der großen Stärken des Romans. Von Hans Magnus Enzensberger stammt die Formulierung, dass einer völlig zeitgenössischen Existenz allemal der Selbstmord vorzuziehen sei. „Nicht wie ihr“ tritt den Gegenbeweis an, und das mit Nachdruck.

Eine Welt der Oberflächenreize

Ivo führt eine Existenz, wie sie zeitgenössischer nicht sein könnte. In seinem Leben existieren eigentlich nur Oberflächereize, Konsumismus, Machogehabe. Er liebt schnelle Autos, steht auf Frauen mit Modelfigur und kann nicht nachvollziehen, wie man im Radio alten Männern beim Reden statt jungen Frauen beim Singen zuhören kann. Kulturradio ist definitiv nicht sein Ding.

Und trotzdem ist er kein schlicht gestrickter Typ. Tonio Schachinger zeigt uns, dass auch ein Mensch mit geringen geistigen Interessen klug denken kann, dass er auch mit reduziertem Wortschatz witzige Bilder und Formulierungen findet. Als er mit Mirna, seiner Geliebten, schläft, heißt es, sie seien „wie geriffelte Chips, überall Oberfläche, Rillen, Poren“. Sportjournalisten, die Ivo hasst, haben für ihn „Mobbingopfer-Gesichter“.

Fußballspieler mit Leib und Seele

Hier klingt natürlich auch ein bestimmter Duktus an; „du Opfer“ ist bekanntlich eine bei Jugendlichen berühmt-berüchtigte Formulierung. Schachinger zeichnet Ivo denn auch als voll integrierten Migrations-Wiener. Dazu gehört ein bestimmter Soziolekt, der in seiner Mischung aus Wiener Ausdrücken – „schiach“, „oasch“, „ur“ – und Straßenslang durchaus glaubwürdig klingt.

Zur Straßenmentalität passt auch die Wut, die Ivo empfindet. Er steht immer unter Strom, ist dauernd hochsexualisiert, neigt dazu, Menschen abschätzig zu betrachten und sich in aggressiven Formulierungen zu entladen. Aber er ist Fußballspieler mit Leib und Seele, einer, der sagt: Manuel Neuer ist zwar der beste Torwart der Welt, aber er könnte in allem anderen genauso erfolgreich sein. Ich dagegen kann nur Fußballer. Alte Schule eben.

Es wäre gewiss eine kleine Sensation, wenn Tonio Schachinger als Debütant gleich einen der wichtigsten deutschen Buchpreise bekäme. Gerechtfertigt wäre eine solche Entscheidung allemal: „Nicht wie ihr“ ist eines der besten Romandebüts seit langem, ohne larmoyante Selbstbespiegelung, ohne künstliche Verrätselungen, mit einer direkten, zupackenden Sprache und einem klaren gesellschaftlichen Bezug. Keine Frage: Von Tonio Schachinger dürfen wir noch Großes erwarten.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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