Sibylle Lewitscharoff: "Von oben", Suhrkamp Verlag 2019
Bild: Suhrkamp Verlag 2019

Roman - Sibylle Lewitscharoff: "Von oben"

Bewertung:

Bis Sibylle Lewitscharoff zur Literatur fand, war es ein weiter Weg: Sie war Trotzkistin und studierte Religionswissenschaften, arbeitete als Buchhalterin und organisierte Ausstellungen. Dann sorgte die in Stuttgart geborene und seit vielen Jahren in Berlin lebende Autorin 1998 mit "Pong", ihrem ersten Roman, für Aufsehen. Es folgten "Montgomery", "Consummatus", "Apostoloff" und "Blumenberg" und 2013 der Georg-Büchner-Preis. Mit ihrer "Dresdner Rede" von 2014 löste sie einen Eklat aus, als sie beim Thema künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft von "Fortpflanzungsgemurkse" sprach und meinte, "Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind", seien "als Halbwesen" anzusehen, "zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas". Jetzt hat sie einen neuen Roman geschrieben, sein Titel: "Von oben".

Sibylle Lewitscharoff blickt mit den Augen eines durch den Himmel von Berlin schwebenen Toten auf die Stadt, in der er viele Jahre gelebt, geliebt und gearbeitet hat. Der Tote, der sich nicht an seinen Namen, dafür aber an viele Details aus seinem Leben erinnern kann, war Philosoph an der FU, verheiratet mit Marie, die schon vor einiger Zeit gestorben ist und deren Tod er nicht verwinden konnte. Er bezeichnet sich als "Seelenmotte", die über dem "Berliner Stadtfladen" schwebt und noch nicht recht weiß, wie es weitergehen soll, ob ihn der liebe Gott zu sich rufen oder er in die Hölle wird fahren müssen.

Das Setting erinnert an den Kult-Streifen von Wim Wenders: da sind es zwei Engel, die mit traurigen Augen und langen schwarzen Mänteln durch den Himmel von Berlin schweben, Luftgeister, die sich ins Leben der Menschen einschleichen, sie bei ihren täglichen Verrichtungen und nächtlichen Eskapaden beobachten, die gern in der Bibliothek hocken und den Lesenden über die Schulter schauen, im Zirkus mit den Akrobaten durch die Manege fliegen, an einer Currywurst-Bude Hollywood-Star Peter Falk zu einem Plausch treffen über das Leben nach dem Tode und die Frage, ob es möglich ist, den Himmel zu verlassen und zum Menschen zu mutieren.

Lewitscharoffs Luftgeist erinnert sich auf seinen nächtlichen Flügen an alle möglichen Bücher und Filme und verwebt die Namen von Philosophen und Theologen, Musikern und Schriftstellern zu einem kunterbunten Bildungsteppich: Martin Heidegger und Thomas von Aquin, Franz Kafka und Durs Grünbein, Johann Sebastian Bach und Bruce Springsteen, sie alle (und viele mehr) werden herbeizitiert. Aber weder der Film von Wim Wenders noch Bruno Ganz und Otto Sander, diese beiden einsamen Engel, die doch Brüder im Geiste und Wesens-Verwandte des namenlosen Erzählers sind, werden erwähnt: sehr merkwürdig.

Fragmente einer Großstadt

Der tote Philosoph blickt "von oben" und deshalb auch mit ironischer Distanz und satirischem Kopfschütteln auf das Gewese und Getue da unten herab und sieht den Menschen dabei zu, wie sie leben und lieben, hassen und streiten, sich belügen und betrügen, sich betrinken und gehen lassen, klug daher reden und immer das Gegenteil von dem machen, was sie ankündigen, wie sie sich verzetteln, prügeln und töten: An einer U-Bahn-Station wird ein junger Mann zu Tode geprügelt. In einer Zehlendorfer Villa malträtiert ein Ehemann seine Gattin mit Faustschlägen. Eine junge Frau springt von einem Dach in den Tod. Einem Pärchen sieht er beim Sex zu, einmal verirrt er sich in einen Psycho-Workshop, ein anderes Mal in ein Sado-Maso-Studio. Auch schaut er bei seinem ehemals besten Freund, Gerhard, vorbei und wundert sich, dass der früher so inspirierende Intellektuelle allmählich in alkoholischem Selbstmitleid versinkt.

Bei Kanzlerin Angela Merkel brennt tief nachts noch Licht: Als der dampfplaudernde Geist auf seinem nächtlichen Ritt durch die Scheiben in ihre Wohnung blickt, sieht er sie im Bademantel fröstelnd in der Küche sitzen. Sie trinkt Kräutertee und studiert Akten. Das trifft sich gut. Da kann sich der einsame Tote unwidersprochen über den Unsinn und die Abgründe der Politik auslassen. So wie er auch schnell die Gelegenheit beim Schopfe packt und über die Entgleisungen von Super-Macho Donald Trump herziehen kann, als er bei einer Richterin vorbei fliegt, die gerade im Fernsehen mit ansieht, wie einer von Trumps grabschenden Freunden zum Richter berufen wird. Und so geht es munter weiter und die Autorin und ihr toter Philosoph kommen in unzähligen Mini-Episoden vom Privaten zum Politischen, vom Realen zum Absurden, vom Tragischen zum Komischen.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens endet nicht mit dem Tod

Vielleicht sucht er Erkenntnis, vielleicht auch Erlösung: er buchstabiert - während er von Hölzchen auf Stöckchen kommt - sein Leben durch, sucht nach dem Sinn hinter all dem Gewese und Getue des Alltags, erinnert sich an seine Kindheit in Stuttgart, sein Studium in Berlin, seine Eskapaden mit dem Marxismus, seine Lust am theologischen Disput über Gott und die Welt und seine Hoffnung, dass Religion Trost spenden und der Tod nicht das Ende sein möge. Dass er als konturloser Toter das ganze menschliche Treiben nur noch beobachten und nicht mehr eingreifend verändern kann, ärgert ihn. Doch als er dann seine ehemaligen Freunde in einer Szene-Kneipe beim Tratschen belauscht und mit anhören muss, wie sie über das "Geschwurbel" des Toten herziehen und sich köstlich darüber amüsieren, dass er nie etwas von der Affäre seiner Gattin Marie mit seinem besten Freund Gerhard gemerkt hat, möchte er am liebsten losheulen. Oder sterben. Geht aber beides nicht. Tot ist er ja schon und Tränen können körperlose Schemen nun einmal nicht weinen. Dafür können sie sich aber an die Schönheit der Matthäus-Passion erinnern oder an Kafkas Jäger Gracchus, der auf seiner Barke ruhelos zwischen Leben und Tod geistert und der dem ziellos herum flatternden toten Philosophen als Metapher für seine eigene, ungefähre Schwebe-Existenz dient.

Ziemlich banale nur mäßig unterhaltsame Mini-Episoden

Es gibt ein überraschendes Finale, bei dem der Tote nicht nur seinen Namen erfahren wird, sondern wir Leser auch das Gefühl bekommen, alles sei vielleicht nur ein Alptraum gewesen und alles werde gleich noch einmal, nur diesmal ganz anders, von vorn beginnen: mehr aber möchte ich nicht verraten. Kurz vor dieser plötzlichen Kehrtwende fragt sich der zwischen Klamauk und Katastrophe, Komödie und Chaos herum irrende Tote: "Warum bin ich so verschwätzt, warum rede ich unablässig in die Leere hinein, aus der heraus keiner antwortet?" Ehrlich gesagt: das frage ich mich auch. Und wundere mich, dass die sonst so wunderbar witzige und geistreich formulierende Erzählerin sich diesmal in unzählige nur mäßig unterhaltsame und ziemlich banale Mini-Episoden verliert. Der tote Philosoph verspottet einmal die Gedanken seiner französischen Kollegen Lacan und Derrida als "tolldreiste Spielwiese" und "plappernden Unsinn": Leider, muss ich sagen, trifft das auch in weiten Teilen auf den Roman von Sibylle Lewitscharoff zu.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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