Denis Scheck: Schecks Kanon; Montage: rbbKultur
Piper
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Belletristik - Denis Scheck: "Schecks Kanon"

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Mit seiner Sendung "Druckfrisch" im Ersten macht Denis Scheck den Deutschen jeden Monat Literatur schmackhaft und ist sich dabei auch für witzige Inszenierungen und Zuspitzungen nicht zu schade. Neben seiner Fernseharbeit war er als Hörfunkredakteur, Literaturagent und Literaturübersetzer tätig, gelegentlich auch als Autor und Herausgeber von Büchern. Jetzt erscheint ein neues Buch von ihm: "Schecks Kanon" heißt es und verspricht im Untertitel vollmundig, die "100 wichtigsten Werke der Weltliteratur" vorzustellen – "von 'Krieg und Frieden' bis 'Tim und Struppi'".

Brauchen wir heute noch einen literarischen Kanon? Die Antwort kann nur ein beherztes "Jein" sein. Immerhin, ein Kanon schafft Verbindlichkeit, im wahrsten Sinne des Wortes: Er verbindet lesende, denkende Menschen miteinander, stiftet kulturelle Zusammengehörigkeit. Damit ermöglicht er, dass wir uns über komplexe Gefühle ohne Umwege miteinander verständigen können.

Ein gutes Beispiel dafür ist die berühmte Stelle in Goethes "Werther", wo Lotte und Werther eine bestimmte Landschaftsstimmung erleben, und dann fällt nur ein Wort, ein Dichtername: "Klopstock". Beide wissen genau, was gemeint ist.

Ein offenkundiger Nachteil ist, dass ein Kanon immer nur eine kleine Auswahl darstellen kann. In Deutschland hatten wir lange einen Kanon, der – Stichwort Goethe – viel zu sehr auf die Weimarer Klassik fixiert war. Da ist anderes zu kurz gekommen: Wilderes, auch Witzigeres.

Denis Scheck; © Andreas Hornoff/Piper
Bild: Piper

Ein Herz für das Leichte

Denis Scheck nennt sein Buch "ein frivoles Unternehmen". In einem ausführlichen Vorwort behauptet er, jeder Kanon stelle im Grunde eine Kinderfrage: "Was lohnt zu lesen?" Doch wer entscheidet das? Ein paar Seiten später kommt die Auskunft: "Zur Weltliteratur zählt für mich ein Werk, wenn es meinen Blick auf die Welt nachhaltig verändert."

Das klingt ambitioniert, fast selbsttrunken, ist andererseits aber auch unscharf. Denn die Frage "Was lohnt zu lesen" ist es gerade nicht, die einen Kanon bestimmt. Hier lautet die Frage: Was weist über das einzelne Buch, über den einzelnen Leser hinaus, welche Gesamtheit von Büchern ergibt mehr als die Summe ihrer Teile und spiegelt bestenfalls gar einen kulturellen Entwicklungsstand?

Denis Scheck ist dafür bekannt, dass er ein Herz für das Leichte, das Unterhaltende hat. Es fehlt in seiner Liste aber auch nicht an schwergewichtigen Autoren. Die sind manchmal jedoch mit eher unschweren Werken vertreten. Zum Beispiel Selma Lagerlöf: Von ihr empfiehlt er nicht den "Gösta Berling", sondern ihr wunderbares Kinderbuch vom Nils Holgersson. Bei Thomas Mann – noch ein Nobelpreisträger – wird so ziemlich das Leichteste und Heiterste scheck-kanonisiert, was der Prosa-Hanseat je geschrieben hat: der "Felix Krull", sein relativ schlanker, weil unvollendeter Hochstaplerroman.

Überraschend wenige Überraschungen

Es fehlen aber auch nicht die Schwergewichte des Genreromans; mit ihnen kommt die hohe Schule der Unterhaltung zu ihrem Recht: Alexandre Dumas repräsentiert den Abenteuerroman, Agatha Christie den Krimi, Tolkien die Fantasy-Literatur mit seinem unübertroffenen "Herrn der Ringe".  

An den bekannten großen Namen mit den bekannten schwerblütigen Werken mangelt es dennoch nicht – verbürgte Qualität, sozusagen. "Krieg und Frieden" charakterisiert Scheck mit einer großartigen Formulierung: "ein Roman über die Kriege, die wir gegen uns selbst führen". "Don Quixote" von Cervantes ist dabei, "Faust" von Goethe, aber auch Klassiker der Moderne wie der "Ulysses" von Joyce und "Orlando" von Virginia Woolf. An dieser Front gibt es wenige Überraschungen – überraschend wenige Überraschungen.

Bei anderen Bücher wundert man sich, dass sie mitspielen dürfen. Die wenigen Comics, die Scheck empfiehlt, gehören freilich nicht dazu. "Tim und Struppi", die "Peanuts" und Carl Barks' Geschichten aus Entenhausen sind längst Klassiker, so wie der Comic eine etablierte grafisch-literarische Kunstform ist. In dieser Hinsicht gibt es keine Festungen mehr zu schleifen, auch wenn der Untertitel "von 'Krieg und Frieden' bis 'Tim und Struppi'" das etwas altbacken nahelegt.

Locker im Stil, präzise in der Sache

Doch bei "Zettel's Traum" von Arno Schmidt fragt man sich dann doch: Muss das wirklich sein? So eine verkrampft avantgardistische Fleißarbeit mit bundesrepublikanischem Provinzmuff, und dafür kein einziger Roman von Dickens? Es musste wohl sein, denn Scheck sagt: "Ich habe um das Verständnis dieses Buches gerungen wie um die Liebe einer Frau".

Überhaupt kommentiert er seine Auswahl so pointiert, selbstironisch und kundig, dass man ihm fast überallhin gern folgt. Drei, vier Seiten räumt er jedem Buch ein. Da finden sich persönliche Anekdoten, biografische Details, auch der Mut zur Lücke. Das ist locker im Stil, aber präzise in der Sache. Als Kanon ist dieses Buch zwar eine Mogelpackung, aber als Anregung zu eigenen Leseabenteuern eine gelungene Handreichung.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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