Peter Hagmann / Erich Singer: "Bernard Haitink – Dirigieren ist ein Rätsel" © Bärenreiter / Henschel
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Sachbuch - Peter Hagmann / Erich Singer: "Bernard Haitink – 'Dirigieren ist ein Rätsel'. Gespräche und Essays"

Bewertung:

In diesem kleinen Band reflektiert der Dirigent sein Leben, sein Verhältnis zu den großen Komponisten und seinen Blick auf die Musik überhaupt. Wenig Überraschendes, dafür aber das gut zu lesende Porträt eines bedeutenden Musikers.

Eine große Karriere ist zu Ende gegangen: Bernard Haitink hat im September mit 90 Jahren sein letztes Konzert dirigiert. Anlass genug für einen Band, dessen Herzstück ein großer Interview-Teil ist.

Die beiden Autoren Peter Hagmann und Erich Singer haben über zwölf Jahre immer wieder mit Haitink gesprochen, und diese Interviews sind auf gut einhundert Seiten abgedruckt. Dazu gibt es eine Lebensskizze über den Werdegang und die Karriere des Dirigenten sowie am Ende den Versuch einer Charakterisierung.

Kein Zampano

Man erlebt in diesem Buch Bernard Haitink sympathisch, wie man ihn auch als Dirigenten und Interpreten kennt: im besten Sinne solide, Schöpfer musikalisch wunderbar durchdrungener Aufführungen. Haitink ist nie als Zampano am Pult aufgetreten, Dirigieren hat er nie vom Machtaspekt her betrachtet.

Sehr früh, schon mit Anfang 30, hat er die Leitung des Concertgebouw-Orchesters angetreten. Was heute mit vielen jungen Chefdirigenten gar nicht mehr so außergewöhnlich ist, war damals ein Risiko, und Haitink hat selbst eingestanden, dass er eigentlich zu jung dafür war. Auch von Teilen des Orchesters gab es Vorbehalte, er musste erst in diese Aufgabe hineinwachsen. Und das hat ihn geprägt: Vorsicht, Austarieren, Zurückhaltung, immer nur die Musik in den Mittelpunkt stellen. Er ist sehr geradlinig, zu taktieren hat er nie verstanden und wollte es wohl auch nie.

"Ich kann es nicht sagen"

Alle denkbaren Themen werden im Interviewteil abgedeckt. Da geht es zunächst um Haitinks Kindheit, wie die Familie von der nationalsozialistischen Besetzung der Niederlande betroffen war und wie Haitink über Musikhören und Geigelernen zum Dirigieren gekommen ist. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er nüchtern: "Ich kann es nicht sagen. Ich wollte es einfach."

Es folgen immer wieder Komponisten, deren Werke Haitink schwerpunktmäßig dirigiert hat, insbesondere Bruckner, Mahler und Schostakowitsch. Es geht um Vorbilder, Kollegen, Stationen wie London, wo er Chef des London Philharmonic Orchestra wurde. Und immer wieder bestimmte Werke, Interpretationen oder Details zu Fassungen wie in Bruckners Achter.

Wenig Überraschendes

Bernard Haitink ist ein zurückhaltender Mensch. Da gibt es nichts wirklich Spektakuläres und wenig Überraschendes. In den Gesprächen geht es dann auch um dies und das. Bei musikalischen Fragen geht es mehr ins Detail, anderes bleibt sehr im Allgemeinen.

Da erfährt man, dass er als Dirigent gerne ein rundes Klangbild haben möchte, es fallen Sätze wie "Musik ist meine Welt. Musik ist mein Leben." Die dreizehnte Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch empfindet er als exemplarisch traurig, Mozarts "Figaro" als Inbegriff der Lebensfreude. War es wirklich eine gute Idee, ein Buch über Bernard Haitink gerade in Interviewform zu veröffentlichen? Streckenweise langweilt die Lektüre.

Wiener Neujahrskonzert? Nein danke!

Ein paar Spitzen finden sich aber dann doch gut versteckt. So wurde Bernard Haitink zweimal gefragt, ob er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren wolle. Er hat abgelehnt. Seine Begründung: "Dieses Publikum, diese Atmosphäre – nein danke". Köstlich!

Auf die Frage, ob die Berliner Philharmoniker, die er bis zuletzt regelmäßig als Gast geleitet  hat, ein folgsames Orchester seien, reflektiert er: "Wenn sie wollen. Und sie wollen selten. Sie sind manchmal unmöglich." Und die berühmte Frage, ob der Mensch durch Musik besser wird, beantwortet er mit: "Ja, sicher – aber nur ganz kurz."

Ein Buch für Liebhaber

Ein wenig Fachkenntnis benötigt man für die Lektüre, man muss sich schon für die Besonderheiten und Details von Interpretationen interessieren. Die kurzen Essays zur Biographie und zur Einordnung bieten eine gute Verdichtung. Diese sollte man zuerst lesen und kann dann ein wenig in den Interviews blättern, dort auch sicher über manches hinweglesen, was zu wenig spezifisch erscheint.

Wer Bernard Haitink im Konzert erlebt hat, wer seine Aufnahmen schätzt, hat mit dieser Veröffentlichung eine gute Ergänzung. Aber man ist mit dem Buch dann auch schnell zu Ende.

Andreas Göbel, rbbKultur

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