Eugen Ruge: Metropol © Rowohlt
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Roman - Eugen Ruge: "Metropol"

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Der Schriftsteller Eugen Ruge ist Sohn einer russischen Mutter, sein deutscher Vater floh vor den Nazis in die Sowjetunion und überlebte den Stalinismus im Gulag. In seinem ersten Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" erzählte Eugen Ruge vor acht Jahren schon einmal Zeitgeschichte als Familiengeschichte. In seinem neuen Roman "Metropol" steht nun die Großmutter im Mittelpunkt. "Die wahrscheinlichen Details sind erfunden", sagt Ruge über seinen Roman, "die unwahrscheinlichsten aber sind wahr".

Eugen Ruges Großmutter floh als deutsche Kommunistin im Jahr 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, nach Moskau. Viereinhalb Jahre lebte sie dort zusammen mit ihrem Mann Wilhelm. Charlotte Germaine heißt diese Großmutter: Charlotte ist ihr richtiger Vorname, Germaine aber ein Tarnname, wie ihn viele Mitarbeiter des OMS tragen.

Jetzt sind wir schon mittendrin in dieser spannenden Geschichte, die das Leben schrieb. Der OMS ist ein sowjetischer Geheimdienst, der kommunistische Bewegungen im Ausland unterstützte, mit Waffenlieferungen etwa, sogar mit Entführungen. Das betraf in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Räterepublik, in der Weimarer Zeit die KPD.

Leben in Zeiten des "Großen Terrors"

An alldem war die Großmutter nur mittelbar beteiligt. Charlotte kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und wuchs in Berlin-Steglitz auf. Ihr Kommunismus scheint sich eher einer Protesthaltung gegenüber dem Herkunftsmilieu als tieferer Überzeugung zu verdanken. Aber ihr Wilhelm ist nicht nur Proletarier, sondern auch ein hundertzehnprozentiger Kommunist. Er war aktiv an konspirativen Einsätzen beteiligt.

Doch die geheimdienstlichen Tätigkeiten bilden nur die Vorgeschichte. Der Roman schildert, was dem Ehepaar in Moskau widerfährt. Als der Roman im September 1936 einsetzt, beginnt gerade Stalins "Große Säuberung", auch bekannt als der "Große Terror", dem bis Ende 1938 anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fallen werden.

Stalin hat hier noch den letzten Keim von Opposition erstickt und ein wahres Schreckensregime errichtet. Absolute Willkür war es, die diesen Schrecken so allumfassend machte: Jeden, auch den größten Helden der Revolution, konnte es treffen, jederzeit.

Der Richter und seine Blähungen

Anfangs versuchte das Regime sein Vorgehen noch mit Schauprozessen vor der Weltöffentlichkeit zu rechtfertigen. In "Metropol" erleben wir einige Szenen aus der Sicht des Vorsitzenden Richters.

Es ist grandios, wie Ruge mit wenigen Strichen einen völlig gewissenlosen, aber auch ganz trivialen Menschen zeichnet, der – während die Angeklagten um ihr Leben zittern – abwechselnd irgendwelchen Karriereüberlegungen nachhängt oder über seine Blähungen sinniert. Natürlich weiß auch er, dass er sich jederzeit auf der Anklagebank wiederfinden kann.

Doch im Mittelpunkt steht das Schicksal von Lotte und Wilhelm. Sie stellen zu Anfang des Romans fest, dass sie einen der Angeklagten kennen; zwar nur flüchtig, aber das scheint schlimm genug. Kontaktschuld steht zu befürchten. So melden sie den Vorgang in gewundenen Berichten ihren Vorgesetzten, werden daraufhin suspendiert und müssen aus ihrer Wohnung auf dem geheimen Stützpunkt des OMS ins Luxushotel Metropol umziehen.

Ins Luxushotel verbannt

Die absurde Situation ist historisch verbürgt. Denn in dem prachtvollen Jugendstilbau aus der Zarenzeit sind nicht nur betuchte Ausländer und offizielle Gäste des Systems abgestiegen, es haben auch ganz unterschiedliche Sowjetmenschen dort gelebt. Dazu gehörten Bonzen ebenso wie Verdächtige.

Der Richter wohnt also ebenso im "Metropol" wie Lotte und Wilhelm, die Tag für Tag, Monat um Monat bangen müssen, ob sie angeklagt werden, um dann womöglich von genau diesem Richter verurteilt zu werden. Und während Wilhelm lange Zeit ein hundertzehnprozentiger Kommunist bleibt, kommen bei Charlotte langsam Zweifel am System auf. Sie trägt, wie es heißt, "die Ratte des Zweifels" in ihrem Bauch "wie das Kind eines fremden Mannes".   

Die höhere Wahrhaftigkeit der Literatur

Auf Tagebücher oder private Briefe konnte Eugen Ruge bei seiner Recherche nicht zurückgreifen. In einem Epilog schildert er, wie er sich schon vor Jahrzehnten in Moskau die Kaderakte der Großmutter beschaffte. Darin sind freilich nur offizielle Dokumente enthalten. Die Atmosphäre dauernden Misstrauens und gegenseitiger Bespitzelung, die das Buch so beklemmend und eindringlich macht, ist nachempfunden; nach-erfunden, wenn man so will. Hier siegt die höhere Wahrhaftigkeit der Literatur, und sie tut es mit Wucht.

"Metropol" ist ein reifes, kluges, begeisterndes Buch, obendrein ungemein spannend zu lesen. Ganz wichtig: Es erinnert uns daran, welch hohes, unersetzliches Gut die Meinungsfreiheit ist. 

Steffen Jacobs, rbbKultur

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