Thomas Kierok: "Hundert. Die Schönheit jeden Lebensalters." © Knesebeck Verlag, 2019
Bild: © Knesebeck Verlag, 2019

Geschmackssache - Thomas Kierok: "Hundert. Die Schönheit jeden Lebensalters."

Bewertung:

Der Fotograf Thomas Kierok arbeitet für Magazine, Werbeagenturen und Unternehmen. Er hat schon viele Menschen porträtiert, darunter auch Prominente wie Karl Lagerfeld und Angela Merkel. In der Mitte des Lebens, mit Ende vierzig, nahm er plötzlich ganz deutlich wahr, wie schnell sich die äußere Erscheinung des Menschen verändert, wie vergänglich das Leben ist, wie deutlich sich die Spuren des Alters in den Gesichtern der Menschen ablesen lassen. Kierok beschloss, den Kreislauf des Lebens, von der Kindheit bis ins hohe Alter, in einem einzigen Buch festzuhalten, suchte Sponsoren und Geldgeber und machte sich mit seiner Kamera auf die Reise. Das Ergebnis seiner fotografischen Recherche liegt jetzt vor: Das Buch trägt den schlichten Titel "Hundert" und erzählt von der "Schönheit jeden Lebensalters".

Die Zahl "Hundert" gibt exakt darüber Auskunft darüber, was wir in seinem Fotobuch sehen: einhundert Porträts von Menschen jeden Alters, vom 1-jährigen Kleinkind bis zum 100-jährigen Greis. Thomas Kierok hat über 200 Menschen überall in der Welt fotografiert, tausende Fotos gemacht und dann genau diese 100 Bilder ausgewählt, wir sehen ein 5-jähriges Mädchen, einen 14-jährigen Jungen, einen 43-jährigen Mann, eine 57-jährige Frau, eine 99-jährige alte Dame, wir sehen nie denselben Menschen mehrfach oder in verschiedenen Lebensphasen, sondern wir erblicken immer wieder andere Menschen und andere Gesichter. Wir sehen Menschen jeder Hautfarbe und Ethnie, weiße und schwarze, gelbe, braune und rote Gesichter, und wir begreifen beim Anblick dieser Gesichter, dass jeder Mensch einzigartig ist, dass die Menschen überall auf der Welt vielleicht anders leben und arbeiten, anders spielen und grübeln, anders denken und fühlen, dass aber doch allen etwas gemeinsam ist: sie sind – auf ihre je eigene Weise – schön und stark, zerbrechlich und zart, sie gleichen sich in ihrem Menschsein, ihrer Lust auf das pralle Leben und in ihrem Wunsch, alle Möglichkeiten, alle Höhen und Tiefen des Daseins und des jeweiligen Alters voll auszukosten. Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte, und Thomas Kierok versucht uns zu zeigen, wie sich die Lebensgeschichte in den Gesichtern, in den Falten und Flecken der Haut und vor allem in den mal glänzenden, mal wässrigen, mal lächelnden, mal traurigen Augen der Menschen widerspiegelt.

Die Grenze zwischen Betrachter und Betrachtetem scheint aufgehoben

Kierok macht keinen Unterschied zwischen jung und alt, er fotografiert die Menschen – weil er sie alle gleich ernst und wichtig nimmt – alle auf die gleiche Weise. Die Komposition ist immer dieselbe: Egal, wo auf der Welt er die Menschen abgelichtet hat, egal, wo und wie er sie vorfindet, er entführt sie aus ihren realen Lebensumständen und platziert sie alle vor einen anonymen, schwarzen Hintergrund. Wir sehen nicht den Körper, nicht die Kleidung, sondern der Fotograf konzentriert sich voll auf das Gesicht des Porträtierten und legt den Fokus speziell auf die Augen: die Gesichter, die Augen sind frontal zur Kamera ausgerichtet, sie schauen mit einem neutralen, wahrhaftigen Gesichtsausdruck nach vorne, die Grenzen zwischen Betrachter und Betrachtetem scheinen aufgehoben, die Blicke von Porträtiertem und Porträtierendem richten sich direkt aufeinander, so dass eine intensive Kommunikation zustande kommt, die nicht aus Sprache, sondern aus Blicken entsteht. Die Porträtierten "posen" nicht, lachen, grinsen, weinen nicht, sie ziehen keine Grimassen, verstellen sich nicht, sondern zeigen ungefiltert und ungeschminkt ihr Innerstes, ihren wahren menschlichen Kern, der sie zu etwas Eigenem macht und sie doch alle – als vergängliche, alternde und sterbende Wesen – miteinander verbindet.

Hundert verschiedene Lebensgeschichten

Kierok zeigt uns die Schönheit des Menschen, eine Schönheit, die von innen kommt und aus den Augen der Menschen spricht: Jeder Mensch, egal, ob jung oder alt, ist auf seine je eigene und verschiedene Weise, schön und bleibt schön. Wir schauen in das makellos glatte Gesicht und in die fragenden Augen eines 2-jährigen Jungen, in das lebenslustige Antlitz und die frechen Augen eines 7-jährigen Mädchens; wir sehen die schmalen Lippen und die traurigen Augen einer 22-jährigen jungen Frau und das von ersten lustigen Falten gezeichnete selbstbewusste Gesicht einer stolzen 48-jährigen Frau; wir erblicken das melancholische und von Leid erzählende Gesicht eines 74-jährigen und das zerfurchte und strahlende Gesicht eines 85-jähren Mannes; wir erkennen die müden Augen einer 91-jährigen Frau und die vom nahenden Tod wissenden Augen eines 100-jährigen Greises. Wir sehen hundert verschieden Menschen, hundert verschiedene Gesichter, hundert verschiedene Augen, die uns hundert verschiedene Lebensgeschichten und alle menschlichen Regungen offenbaren: Leid und Lust, Zorn und Wut, Hass und Neid, wir sehen verletzliche Seelen, kindliche Naivität, pubertären Hochmut, greisenhaften Gleichmut, unbändige Lust auf das Leben, und schauderhafte Angst vor dem Tod. Wir kennen nicht ihre Namen und wissen nichts über ihr Leben, aber wir machen uns beim Blick in die Gesichter und Augen der Menschen einen Reim auf ihre Wünsche und Träume, weil wir uns in ihnen wieder erkennen und dieselben Wünsche und Träume haben. Deshalb werden auch alle, die dieses Buch aufschlagen, wahrscheinlich dasselbe machen: nach dem Menschen suchen, der genauso alt ist wie wir und dessen Gesicht und dessen Augen uns vielleicht verraten, wer wir sind und was wir denken und fühlen.

Ein "Pro-Aging-Buch" über die Schönheit des Lebens

Die Fotos selbst werden nicht kommentiert oder erklärt: Neben den jeweiligen Fotos steht nur eine Jahreszahl, die auf das Alter der Porträtierten hinweist. Ansonsten erfahren wir nichts über die Person, keine Namen, keine persönliche Geschichte, die müssen wir uns selbst – aus dem, was wir in den Gesichtern und den Augen zu sehen glauben – dazu erfinden. Es gibt ein kleines Vorwort von Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen, der sich freut, dass es endlich einmal ein "Pro-Aging-Buch" gibt, und der hofft, dass die Fotos helfen mögen, den "Wert des Lebens neu sehen zu lernen", über "den eigenen Jahrgang und den Selfie-Tellerrand hinaus". Und es gibt, zwischen die Fotos geschoben, ein paar kleine Geschichten, die vom jeweiligen Lebensabschnitt erzählen, mal aus dem Blickwinkel eines verspielten kleinen Kindes, mal mit den Worten eines pubertierenden Jugendlichen, mal als Zwischenfazit eines mitten im Leben Stehenden, mal als Plan eines zu neuen Ufern aufbrechenden rüstigen Rentners, mal als Lebensbilanz eines Menschen kurz vor dem nahen Tod. Das sind schöne und berührende Geschichten, nur muss man leider lange suchen, bis man begreift, wer diese Geschichten geschrieben hat und wie sie zustande gekommen sind. Erst auf der letzte Seite, ganz klein und kaum auffindbar, finden sich verschiedene Hinweise auf Layout und Copyright und darauf, dass die Texte von Lea Sölter stammen und aus den Interviews mit den Porträtierten herausdestilliert wurden. Diese seltsame Geheimniskrämerei kann aber zum Glück den Wert und die Wichtigkeit dieses faszinierenden Fotobuches über die Schönheit des Lebens nicht schmälern.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

William Melvin Kelley: Ein anderer Takt, Hoffmann und Campe
Hoffmann und Campe Verlag

Roman - William Melvin Kelley: "Ein anderer Takt"

Der Literaturzirkus schlägt manchmal seltsame Kapriolen. Kaum war der zu seinen Lebzeiten völlig in Vergessenheit geratene Schriftsteller William Melvin Kelley 2017 in Harlem verstorben, setzte eine unerwartete Renaissance seiner Werke ein. Plötzlich hieß es, seine Bücher und vor allem sein Debüt-Roman von 1962, "A Different Drummer", sei – angesichts der gesellschaftlichen Spaltung unter Präsident Trump – so aktuell wie vor 55 Jahren. Flugs machte man sich daran, ihn wieder neu zu veröffentlichen. Jetzt ist er auch unter dem Titel "Ein anderer Takt", übersetzt von Dirk van Gunsteren, in Deutschland erschienen.

Bewertung:
Earl of Chesterfield: Über die Kunst, ein Gentleman zu sein © Manesse
© Manesse

Briefe an seinen Sohn - Earl of Chesterfield: "Über die Kunst, ein Gentleman zu sein""

Philip Dormer Stanhope, vierter Earl von Chesterfield, ist heute vor allem für ein Buch bekannt, das er nie veröffentlicht sehen wollte: "Letters to His Son on the Art of Becoming a Man of the World and a Gentleman". Das Buch versammelt Briefe, die der Earl an seinen Sohn schrieb, um ihn zu einem erfolgreichen Mitglied der englischen Oberschicht zu machen – immerhin mehr als dreißig Jahre lang.

Bewertung: