Margery Sharp: Die vollkommene Lady; Montage: rbbKultur
Eisele Verlag
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Roman - Margery Sharp: "Die vollkommene Lady"

Bewertung:

Eine Frau mit Vergangenheit, die versucht eine Lady zu sein: Das führt zu Verwicklungen und geht selten gut aus, in diesem Roman aus dem Jahr 1937 aber doch – und zwar vergnüg­lich und intelligent.

Der Roman beginnt in der Badewanne. Die Heldin nimmt ein ausführliches Bad, während vor der Tür zwei ungeduldige Gerichtsvollzieher stehen. Sie ist pleite. Nur mühsam kann sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien und das Geld für eine Fahrkarte nach Frankreich zusam­men krat­zen. Dort wird sie erwartet von ihrer Tochter, die überaschenderweise geschrie­ben und um Hilfe gebeten hatte. Mutter und Tochter haben sich lange nicht mehr gesehen, denn Julia, jene um Vollkommenheit bemühte Lady, ließ das Kleinkind einst bei den Schwiegerel­tern und kehrte zurück erleichtert in ihr ebenso halbseidenes wie aufregendes Londoner Le­ben zurück.

Sie taugte nicht zur Mutter, der Vater des Kindes war eine kurze Affäre und im Krieg gefallen. Jetzt ist sie 37 Jahre alt, attraktiv und charmant, wenn auch das weibliche Verfalls­da­­tum droht, von dem die ebenso hübsche wie belesene Tochter, die sich offensicht­lich in den fal­schen Mann verliebt hat, noch nichts weiß.

Die englische Autorin (1905-1991) hat 26 Romane, viele Erzählungen, Kinderbücher und Arti­kel geschrieben, sie war begabt und erfolgreich. Ihre Bücher wurden (u.a. 1946 von Ernst Lubitsch) verfilmt, heute ist sie vergessen, obwohl etwa die Disney Erfolgsproduktion "Ber­nard und Bianca – Die Mäusepolizei“ auf einem ihrer Jugendbücher basiert.

Der Roman "Die vollkommene Lady" bot jedenfalls eine gute Vorlage für eine Screwball Co­medy und wurde1948 (leicht abgewandelt) verfilmt – mit Garson Greer und Elizabeth Taylor, die damals 16 war und hier ihren ersten Leinwandkuss bekam.

Im Zentrum der Geschichte stehen eine kluge unkonventionelle Frau, ein schönes junges Mäd­­­chen, diverse mehr oder weniger attraktive Herren mit und ohne Geld. Und nicht zuletzt geht es um den Antagonismus zwischen Unterklasse und Oberklasse. Die um Vollkommen­heit bemühte Lady ist schließlich eine erfahrene Frau, die die Verlogenheit der Reichen gut kennt. Ihre Liebhaber waren stets wohlhabend und aus den besten Kreisen.

Sie erkennt denn auch im Auserwählten der Tochter sofort einen Tunichtgut und will ihr den Missgriff er­sparen. Dass sie nebenbei noch einen reichen Witwer kennenlernt, der nicht nur ihren "freundlichen Körper", sondern auch ihre Lebenslust zu schätzen weiß, führt zum ebenso unerwar­teten wie genrenotwendigen Happy End.

Eine Frauen-Generation zwischen den Kriegen

Dieser jetzt wiederentdeckte und neu übersetzte Roman bietet aber weit mehr als einen un­terhalt­sam harmlosen Lesestoff, denn es geht hier um eine Frauen-Generation zwi­schen den Kriegen: Das Wahlrecht ist errungen, sie können in die Politik gehen ("auf würde­volle, da­men­hafte Art"), überhaupt  einen Beruf ergreifen, Karriere machen. Genau so wird es am En­de die intelligente Tochter auch halten. Sie begreift, dass sie ihr Schicksal und ihren Erfolg eben­so wenig wie ihre Mutter an einen Mann hängen sollte. Dafür ist sie einfach zu begabt.

Heutige Leserinnen und Leser begreifen gut, dass die Liebe schön, aber nicht lebensfüllend sein muss. Dass erotische Erfahrungen in jedem Fall von Vorteil sind, erklärt die Autorin ebenso selbstverständlich wie einleuchtend. Frauen sollten jedenfalls vor einer ernsten Bin­dung sehr viele Män­ner kennengelernt haben, "um sie zu verste­hen – um den vollen Wert ihrer gu­ten Eigenschaf­ten zu sehen, während man ihnen ihre schlechten verzieh".

Diese Einsicht, amüsant variiert und dramaturgisch geschickt erzählt, garantiert eine höchst vergnügliche Lektüre.

Manuela Reichart, rbbKultur

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