Peter Stamm: "Marcia aus Vermont" © Fischer Verlag
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Eine Weihnachtsgeschichte - Peter Stamm: "Marcia aus Vermont"

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Der Erzähler in Peter Stamms "Marcia aus Vermont" heißt: Peter. Und der Peter in der Geschichte ist das, was auch der Autor ist: ein erfolgreicher Künstler aus der Schweiz, der zu Beginn seiner Karriere eine Weile in New York gelebt hat. Wer deshalb darüber mutmaßen will, inwiefern Peter Stamm in der "Weihnachtsgeschichte" einen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt, mag das tun.

Für die Geschichte selbst ist es bedeutungslos. Wichtig ist dagegen, dass der Erzähler Peter seine eigenen Erinnerungen mit Skepsis betrachtet: "Ich hatte vieles vergessen, und woran ich mich erinnerte, hatte mit dem, was tatsächlich geschehen war, wohl nicht viel zu tun. Die Erinnerungen hatten über die Jahre ein Eigenleben angenommen, hatten sich zu einer Geschichte gefügt, die sich gut machte in einer Künstlerbiographie." "Marcia aus Vermont" handelt von beidem: davon, wie unzuverlässig Erinnerungen sind; und davon, wie eine Geschichte, die seit Jahrzehnten in der Erinnerung verdämmert, mit der Realität konfrontiert wird und sich in eine andere verwandelt.

Aber der Reihe nach. Peter, der Künstler, fährt nach dem Ende seines Stipendiums in einer Künstler-Kolonie im ländlichen Vermont durch verschneite Landschaften Richtung New York, hört Jazz im Radio und beginnt an Marcia zu denken. Er hatte sie vor 30 Jahren in Queens getroffen, scheinbar arm, aber Tochter reicher Eltern, überdies sehr anziehend und sehr freizügig. Marcia hatte ihm damals gegen den Kauf billiger Nahrungsmittel Sex angeboten und ihn mit ihrem langjährigen Liebhaber David, einem Schriftsteller, und dessen Frau Michelle bekannt gemacht. Auch mit ihr hatte Peter Sex. Und ebenso hatte er Sex mit beiden Frauen gemeinsam. Er genoss während dieser wenigen Tagen ein Gefühl von Freiheit, das er seither nicht mehr erlebt hat.

Trügerische Erinnerungen

So beginnt die Geschichte. Und um es gleich zu verraten: Mehr Sex kommt dann auch nicht vor.

Während Peter weiterfährt, denkt er an den Verlauf des Stipendiums zurück, für das er sich auf Vermittlung eines New Yorker Galeristen bei einer Stiftung beworben hatte – und deren Gründer, so stellte sich heraus, Marcias Vater ist. Der Zeitungsverleger hatte die Stiftung zum Andenken an seinen Sohn eingerichtet, der bei einem Unglück gestorben war, während seine Schwester Marcia auf ihn aufpassen sollte.

In seinem Studio in der Künstler-Kolonie findet Peter im Schreibtisch 'Eine Weihnachtsgeschichte' – ein Manuskript, das offenbar von David stammt. David erzählt darin leicht verfremdet von den libidinösen Ereignissen einst in New York, jedoch anders, als sie sich in der Erinnerung Peters abgespielt haben. In der Erzählung Davids ist Peter ein unangenehmer, aggressiver Eindringling, der die harmonische Menage à trois gesprengt hat – denn merke, so David: "Nur Dreiecke sind stabil."

"Etwas verlogen Rührseliges"

Peter stört sich weniger an Davids stark verstimmter Darstellung jener vergangenen Tage, als vielmehr am Stil der Geschichte, die aus seiner Sicht "etwas verlogen Rührseliges" hat. Man kann diese Passage als poetische Selbstreflexion Peter Stamms lesen, der einen nüchtern-lakonischen Stil pflegt und auch für das neue Buch – zu recht – in Anspruch nehmen würde, nichts "Rührseliges" vorgelegt zu haben.

Der für alles Weitere entscheidende Satz steht ganz am Ende von Davids Manuskript: "Ein Kind ward uns geboren." Einige Wendungen später ist klar, dass Marcias Kind gemeint ist, ein Kind, das Peter einst mit ihr in New York gezeugt hat, ohne je davon zu erfahren. Einige Seiten lang darf der Leser rätseln, welche der Frauen, denen Peter in der Künstler-Kolonie und der Umgebung begegnet, seine Tochter ist.

Was wäre gewesen, wenn ...

Es ist, um ein bisschen zu spoilern, jene Tracy, die sich um Peter kümmert, während er fiebernd das Bett hütet. Tracy arbeitet in der Stiftung ihres Großvaters. Wie sie einst aufgewachsen ist, erfährt Peter aus einem Fotobuch von Marcia, seiner Ex-Geliebten, die in späteren Jahren zu einer leidlich bekannten Fotografin geworden war. Marcia hat Tracys Aufwachsen mit der Kamera begleitet und ihre Tochter oft nackt fotografiert, was in der Kunst-Szene einen verkaufsfördernden Skandal hervorgerufen hatte (die örtliche Buch-Händlerin Hilda beschafft Peter das Buch antiquarisch, der zweite Teil heißt "A child is born").

Peter Stamm bleibt sich auch an dieser Stelle treu: kein Kitsch, keine Rührseligkeit. Peter und Tracy stellen stillschweigend fest, "dass es zu spät war, irgendetwas nachzuholen". Immerhin stellt sich Peter kurz vor, wie sein Leben womöglich verlaufen wäre, wenn er es mit Marcia und Tracy verbracht hätte. Aber er bedauert nicht, dass es restlos anders gekommen ist. Das Finale der Geschichte naht, die Weihnachtsfeier, zu der Marcias Vater, der Stifter, in seine Villa eingeladen hat. Wie Peter dort Marcia zugleich begegnet und ihr doch nicht begegnet – das lese jeder selbst.

Peter Stamm als Erzähl-Virtuose

"Marcia aus Vermont" hat 80 sparsam bedruckte Seiten, genug für Peter Stamm, um sich als Virtuose zu beweisen, als ein Erzähl-Techniker, der das Aufdecken der Lebenswege seiner Figuren so unspektakulär gut beherrscht, dass die Lektüre nie aufregend, aber immer spannend ist. So kunstvoll das erzählerische Arrangement unter der ruhigen Oberfläche ist, so ungekünstelt und realistisch sind seine Figuren.

Peter Stamm führt sich dabei nicht als Psychologe auf, er betrachtet das Innenleben seiner Figuren gleichsam von außen, was der Vorstellungskraft des Lesers einen großen Spielraum verschafft und trotzdem niemals vage wirkt. Der Rezensent fühlte sich manchmal an "Stoner" erinnert, den großen Roman von John Williams. Aber klar, seine Erinnerung mag ihn trügen.

Arno Orzessek, rbbKultur

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