Salman Rushdie: "Quichotte"; Montage: rbbKultur
C. Bertelsmann
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Roman - Salman Rushdie: "Quichotte"

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Salman Rushdie gilt als einer der besten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Zuletzt erschien von ihm der Amerikaroman "Golden House" über den Aufstieg und Fall der New Yorker Familie Golden. Ab heute ist sein neues Buch im Handel: "Quichotte" – und das führt nun raus aus New York quer durch Amerika.

Weil sich der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie in seinem Roman "Die satanischen Verse" ironisch-kritisch mit dem Islam beschäftigt hatte, rief der iranische Revolutionsführer Khomeini alle Muslime auf, den Autor zu töten. Nachdem Rushdie lange schwer bewacht an geheimen Orten verbrachte, kann er sich – obwohl die "Fatwa" nicht aufgehoben wurde – inzwischen wieder einigermaßen frei in der Öffentlichkeit bewegen und sich in politische und literarische Debatten einmischen. Heute erscheint in Deutschland sein neuer Roman, der sich mit den Abenteuern des Ritters von der traurigen Gestalt beschäftigt. Doch der wird etwas anders buchstabiert und ausgesprochen, als wir es gewohnt sind: "Quichotte".

Rauschmittel verschiedenster Art

Rushdie überlasst es jedem Leser, wie er den Namen des "universellen Don" aussprechen möchte: In einer Vorbemerkung listet er viele verschiedene Schreib- und Sprechweisen auf, sagt aber, er favorisiere die französische Variante, also "ki-SCHOT", und er habe diese Version gewählt, weil sie seinen "Absichten" am besten entspreche. Ohne hier gleich seine "Absichten" zu entschlüsseln, sei angedeutet, dass es auch um die phonetische Verwandtschaft zum englischen Slang-Ausdruck "key shot" geht. Dabei häuft man eine winzige Menge Kokain oder Heroin auf einen Schlüssel und nimmt ihn schniefend zu sich.

Es geht also, und auch das sei nur angedeutet, um Rauschmittel verschiedenster Art: um die Drogen Fernsehen, Film und Internet sowie das Abtauchen in virtuelle Welten – von Facebook über Twitter bis WhatsApp – genauso wie um den Konsum von illegalen und legalen Drogen, also von Heroin, Kokain und Alkohol und vor allem von verordneten Schmerzmitteln, die in den USA – und jetzt auch in Deutschland – zu einer Opioid-Epidemie geführt hat, an der sich einige Pharma-Konzerne und Ärzte eine goldene Nase verdienen, die aber zehntausenden Menschen jährlich das Leben kostet, weil sie an einer Überdosis dieser legal verschriebenen Opioide sterben.

Dealer und Konsument

Quichotte steht auf beiden Seiten der Barrikade: Er ist Drogen-Dealer, weil er mit pharmazeutischen Präparaten handelt und ständig kreuz und quer mit dem Auto durch die USA fährt, um korrupte Ärzte und Apotheker sowie süchtige Prominente aus dem Show- und Musik-Business mit Unmengen von Opioiden zu versorgen. Er macht das im Auftrag eines Cousins, der einen gigantischen Pharma-Konzern aufgebaut hat, sich Dr. Smile nennt und, genauso wie unser moderner Quichotte und wie fast alle wichtigen Figuren des Romans, indisch-britischer Abstammung ist und sich den alltäglichen Rassismus, der im Westen Menschen mit anderer Hautfarbe und Religion entgegen schlägt, dadurch kompensiert, indem er besonders skrupellose Geschäfte macht und besonders reich und mächtig werden will.

Quichotte ist aber auch Drogen-Konsument, weil er besessen und süchtig ist von der "unwirklichen Wirklichkeit" des Fernsehens, weil er jeden Film und jede Talkshow in- und auswendig kennt und irgendwann nicht mehr in der Lage ist, Schein und Sein, Realität und Traum zu unterscheiden. Also projiziert der einsame alte Mann, dessen Ehe längst zerbrochen ist und der seine geliebte Schwester seit Jahren nicht mehr gesehen hat, all seine Wünsche und seine Sehnsucht auf Selma R., ein Mega-Star der Branche, eine Schauspiel- und Talk-Ikone, die in New York ihre eigene tägliche Show hat. Sie wird zu Quichottes neuer Dulcinea, die er suchen und finden und mit all seiner Liebe überschütten will.

Auch Selma R. stammt – wie Quichotte – aus Indien. Sie hasst das indische Chaos zutiefst und liebt es zugleich inniglich. Auch sie ringt um Identität und Macht, zerstört und fördert Karrieren und lässt in ihrer Show so ausgeflippte Wissenschaftler wie den indisch-stämmigen Evil Cent zu Worte kommen, der in den USA ein Labor unterhält, das angesichts der fortschreitenden Klimakatastrophe nach einem Ausweg für die Menschen sucht. Der aber besteht nicht darin, der Klima-Apokalypse zu trotzen, sondern einen Spalt zwischen Zeit und Raum zu finden, um die Menschen durch eine magische Tür in ein anderes Universum und in eine andere Galaxie zu führen.

So wird das ziemlich verrückte Roadmovie über einen nach Vergebung und Erlösung in der vollkommenen Liebe sich verzehrenden alten Mann, wird die Farce über Fake News und die Scheinwelt der Medien, über Drogen-Sucht und Opioid-Epidemie auch noch zu einer klimapolitischen Anklage und zu einer hanebüchenen Science-Fiction-Persiflage.

Anklänge an das Surreale und Absurde

Es gibt einen Quichotte, eine Dulcinea alias Selma R. und einen Sancho: das ist der Sohn von Quichotte. Der Haken ist nur: eigentlich hat Quichotte keinen Sohn, der ihn auf seiner langen Autofahrt nach New York und bei seinen abenteuerlichen Erlebnissen begleiten könnte. Also erfindet er einen Sohn und nennt ihn Sancho. Aber weil im Zeitalter der unwirklichen Wirklichkeit alles möglich ist, materialisiert sich der Wunsch und Sancho wird allmählich zum realen Wesen.

Wenn alle Schranken zwischen Fiktion und Fakten, Wunsch und Wirklichkeit längst gefallen sind, nimmt es auch nicht wunder, dass Quichotte, Sancho, Selma R., Dr. Smile und Evil Cent nur Erfindungen eines Autors sind, der unter dem Pseudonym Sam DuChamp Spionage- und Thriller-Romane schreibt und sich alles nur ausdenkt, um seine eigene verlogene Biografie und ein verkorkstes Leben in den Griff zu bekommen. Er schreibt die moderne Variante der alten Cervantes-Story, um sich mit seiner verlorenen Schwester auszusöhnen, die in London lebt, unheilbar krank ist und von ihrem Bruder dringend Opioide gegen den unerträglichen Schmerz braucht. Er schreibt den Roman auch, um seinen Sohn wiederzufinden, der als Marcel Duchamp in der Illegalität lebt und als Hacker von den Geheimdiensten gesucht wird.

Sam DuChamp, Marcel Duchamp, Anklänge an den Erfinder der Ready-Made-Kunst, Anspielungen auf das Surreale und Absurde – dazu gehört auch, dass Sam DuChamp seinen erfundenen Quichotte in eine Kleinstadt führt, in der Mammuts frei herumlaufen und sie in einem Hotel namens "Jonésco" nächtigen. Der absurde Dichter Eugène Ionesco und sein Theaterstück "Die Nashörner" lassen schön grüßen. Und über allem sitzt weise Salman Rushdie, der unzählige Figuren und Fiktionen wie Marionetten durchs Geschehen führt und die vielen übereinander geschichteten Handlungen benutzt, um – wie es sich für einen guten postmodernen Roman gehört – über die Wahrheiten und Lügen der Literatur nachdenkt und darauf beharrt, dass eine gut erfundene Geschichte allemal besser ist als die schlechte Realität.

Der Roman verursacht Schwindelgefühle

"Quichotte" ist – zu Recht – unter den sechs Nominierten auf der Short List zum diesjährigen "Booker Prize". Es wäre nicht das erste Mal, für seine "Mitternachtskinder" hat Rushdie den Preis schon einmal bekommen. Der neue Roman ist eine humorvolle und nervige, verstörende und betörende Zumutung, ein gigantisches Labyrinth aus filmischem Road Trip und verrücktem Science-Fiction, aus ätzender Medienkritik und schmerzhaftem Drogenwahn, er ist Spionage- und Liebesroman, ein Kommentar zu Klimawandel und Immigranten-Schicksalen, er ist Familien- und Endzeitdrama. Er beschreibt eine Welt, in der nichts mehr gültig und real ist, in der alles wahr und alles gelogen sein kann, und in der sogar Quichotte seine Dulcinea finden und sehen darf. Ob die beiden allerdings glücklich werden und der Apokalypse durch eine Tür in eine andere, ungewisse Welt entfliehen können, sei hier nicht verraten.

Der Roman ist manchmal kaum auszuhalten und verursacht Schwindelgefühle, die Lektüre sollte in kleinen Dosen erfolgen. Sonst ist die Gefahr, sich im Erzähl-Labyrinth zu verirren und auf Nimmerwiedersehen in einer Welt aus Fake News und Post-Wahrheiten verloren zu gehen, doch allzu groß.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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- Dope! | Serienstoff

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