John Strelecky: "Auszeit im Café am Rande der Welt - Eine Wiederbegegnung mit dem eigenen Selbst" © dtv
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Erzählung - John Strelecky: "Auszeit im Café am Rande der Welt – Eine Wiederbegegnung mit dem eigenen Selbst"

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Das Büchlein beginnt unbeholfen. Um aus einem realistischen Reise-Szenario ein weiteres Mal ins imaginäre Café am Rande der Welt zu geraten, jenen ortlosen Ort spiritueller Erfahrung und spiritueller Verdichtung, der bereits im Mittelpunkt von zwei Büchern Streleckys stand, hat der Erzähler John auf der Rückfahrt von der Beerdigung seines Paten-Onkels bei Gewittersturm und Dunkelheit einige Beinahe-Unfälle und schließlich eine Reifenpanne. Wer selbst Auto fährt, dürfte die holprige Beschreibung der fahrtechnischen Vorgänge geradezu rührend finden. Und wer es sehr gut mit Strelecky meint, wird die mühsam-ungenügende Fahrt vielleicht sogar für ein Gleichnis unseres Lebensweges halten. Sehr bald wird jedenfalls klar, dass das Buch die Erwartung, die man bei geringer Vor-Information über den Autor mitbringt, keinesfalls enttäuscht wird: Strelecky, dessen erfolgreiches Seminarkonzept "Big Five for Live" den ZDE, sprich: Zweck der Existenz, in den Mittelpunkt stellt, handelt ein weiteres Mal vom Sinn des Lebens. Wie man ihn erkennt, wie man ihn erlangt, und wie man seiner Flüchtigkeit Herr wird.

Bei John ist gerade die Luft raus – also auf jeden Fall in dem kaputten Reifen und auch sonst wohl ein bisschen. Während er also, ohne Empfang auf dem Telefon, ohne ADAC oder so in Reichweite, den Reifen wechselt (er schafft es tatsächlich, man wundert sich etwas nach der wenig kompetent wirkenden Fahrt vorher), dringt eine Stimme aus der Dunkelheit an sein Ohr und er wird nach einer Weile des Mädchens gewahr, dem diese Stimme gehört. Hannah gibt sich selbstsicher, ist aber offenbar weit weg von zu Hause und wirkt in mehr als nur geographischer Hinsicht verloren. Der Beerdigungs-Reisende nimmt Hannah an Bord des flottgemachten Autos und gerät mit ihr auf betont wundersame Weise ins besagte Café, auf dessen Speisekarten drei höchst eminente Fragen verzeichnet sind: "Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben?"  Merke, Leser der Speisekarte: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!

Intellektuell eher übersichtliche Einsichten

Als Hannah kapiert, dass John mit Casey und Mike, den Besitzern des Cafés, aufgrund vorheriger Besuche befreundet ist, fühlt sie sich hintergangen – er hatte selbigen Sachverhalt mit keinem Wort erwähnt –, und stürmt nach draußen. Dass sie sich Zugang zu Johns Auto verschafft und darin im Trockenen Schlaf findet, spielt am Ende der Geschichte noch eine Rolle. Doch zunächst durchlebt John im Café Stunden der Selbsterkenntnis und Erbauung. Daran haben Casey, Mike und Tochter Emma ihren Anteil. Sie tauschen mit John herzerwärmende Nettigkeiten und intellektuell eher übersichtliche Einsichten aus ("Manchmal läuft es einfach nicht so, wie wir es gerne hätten", "Bevor das nächste große Abenteuer beginnt, muss das vorige abgeschlossen sein"); ihre Unterredung hat eine Reihe gesprächstherapeutischer Passagen. Doch die Rolle des wahrhaft weisen Gurus übernimmt ein alter Mann namens Max, der herbei kommt, um ein leckendes Rohr zu reparieren.

Das Isolierband dient als Metapher

Und es kommt, wie es kommen muss: Das schnöde Rohr wird zur zentralen Metapher des Werkes. Genauer gesagt, nicht ein Rohr als solches, sondern das Isolierband, das dafür sorgt, dass zwei ineinander geschraubte Rohre wasserdicht abschließen und nicht etwa lecken. Für Max ist der Klempner-Handgriff mit dem Isolierband offenbar etwas Ähnliches wie für Goethe die chemische Gleichnisrede in den Wahlverwandtschaften: Er erklärt sich per Isolierband die Stabilität der Beziehung zwischen liebenden oder befreundeten Menschen. Sie brauchen, meint Max, etwas je Eigenes, um dem anderen wasserdicht verbunden zu sein. Also, funktional gesehen, etwas Patent-Isolierbandmäßiges. Sollten Sie, lieber Leser, immer noch auf dem Schlauch stehen, hören Sie bitte dem alten Max zu: "Jeder hat ein anderes Isolierband. Ob es ein Tanzkurs ist, gärtnern, Fahrrad fahren oder ein Camping- oder Angelwochenende. Aber diese Dinge haben alle dieselbe Wirkung. Sie halten all die Verbindungen fest zusammen."

Was den einen seichte Kost ist, ist den anderen angenehm leichte Kost

Wer nun spürt, dass ihm das Isolierband-Gleichnis hilft, sein soziales und emotionales Leben zu verbessern, für den ist Streleckys Buch das Richtige. Und genauso für alle, die mit einem Erzähler von ungefähr 50 Jahren das Aha-Erlebnis teilen wollen, dass sich die Dinge mit 50 anders anfühlen als mit 20. Überdies auch für Leser, die zu erfahren wünschen, dass man seine Tage pfiffigerweise auskostet, statt sie zu verschwenden, dass man seinen Lieben Zuneigung bekunden sollte, bevor es zu spät ist, und dergleichen mehr. Wer indessen schon von selbst auf diese Höhenzüge der Lebensklugheit vorgestoßen ist, kann womöglich besser etwas anderes lesen. Aber nichts für ungut!  Was den einen seichte Kost ist, ist den anderen angenehm leichte Kost. Und von Letzteren gibt es offenbar mehr auf unserem Planeten. Fest steht allemal: Auszeit im Café am Rande der Welt enthält genau den Stoff, mit dem John Strelecky zu einem auf allen Kontinenten bekannten Bestseller-Autor wurde. Erstaunlich, aber wahr! Sollte der Sinn des Lebens vielleicht doch im Suchen und Finden von Isolierband bestehen? Leider hat das Café am Rande der Welt keine Adresse, sonst würden wir noch einmal nachfragen.

Arno Orzessek, rbbKultur

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