Yasmina Reza: "Anne-Marie die Schönheit" © Hanser Verlag
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Roman - Yasmina Reza: "Anne-Marie die Schönheit"

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Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit ihren ebenso humorvollen wie existenziell tiefgründigen Theaterstücken zu einer international gefragten Autorin geworden: "Kunst", "Drei Mal Leben" und vor allem die von Roman Polanski verfilmte Theater-Schlacht "Der Gott des Gemetzels" – mit Kate Winslet und Jodie Foster in den Hauptrollen – werfen ebenso komische wie bitterböse Blicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Aber Yasmina Reza hat auch brillante Romane geschrieben, zuletzt "Babylon", den wir auf rbbKultur – vorgetragen von Maren Kroymann – als Lesung gesendet haben. Jetzt hat Yasmina Reza ein neues Buch veröffentlicht: "Anne-Marie die Schönheit".

Schon der Titel ist – wie bei Yasmina Reza üblich – ein kleines hinterhältiges Spiel mit dem Widerspruch zwischen Schein und Sein, ein satirischer Seitenhieb auf den tiefen Spalt, der sich zwischen Wahrheit und Lüge, wirklichem Leben und gewünschter Traumwelt auftut: Denn Anne-Marie ist in ihrem langen Leben vieles gewesen, Schauspielerin, Ehefrau und Mutter, Muse von vielen mehr oder weniger bekannten Künstlern, aber eines war sie bestimmt nie: eine wirkliche Schönheit, eine Diva, der alle zu Füßen lagen. Wenn sie auf der Bühne stand, und das ist schon sehr lange her, strahlte sie manchmal eine gewisse Schönheit aus, aber im Alltag war sie doch immer eher ein unscheinbares Mauerblümchen, eine ewig zu kurz gekommene Künstlerin, die nie die ganz großen und wichtigen Rollen spielen durfte, die nie die wirklich interessanten Männer abbekam, die nie den Sprung auf die bedeutenden Bühnen der Welt und nie eine Karriere beim Film schaffte, sondern sich mit Engagements an kleinen Vorstadt-Bühnen, mit einem langweiligen Gatten und einem spießigen Sohn begnügen musste. Doch gerade weil sie so viel erlebt und beobachtet hat, weil sie die Gebrechen und die Einsamkeit des Alters mit stoischer Würde erträgt, weil sie vielleicht die letzte noch lebende Zeugin einer untergehenden Ära ist, in der das Theater noch ein zentrales Medium der intelligenten Unterhaltung und des intellektuellen Diskurses war und noch eine sozialpolitisch bedeutende Rolle spielte, ist sie und sind ihre Erinnerungen – so trügerisch und zweifelhaft sie auch sein mögen – ein großer kultureller Erfahrungsschatz.

Von Hölzchen auf Stöckchen

Anne-Marie selbst ist die Erzählerin, sie quasselt sich ohne Punkt und Komma durch ihr Leben, lässt Gründe und Abgründe ihres Dasein aufscheinen, sie verstrickt sich in ein kaum zu entwirrendes Knäuel aus Erfahrenem und Erfundenem, Realität und Traum, aus Wunsch und Wirklichkeit. Ihr widersprechen oder sie korrigieren, das kann niemand mehr, denn sie sind längst alle tot, ihre Eltern und ihre Kollegen, ihre Freunde und ihr tumber Mann, der es gern gemütlich hatte und einen geregelten Tagesablauf liebte, ihr aber dankenswerterweise ein hübsches kleines Erbe hinterlassen hat: alle längst gestorben. Nur ihr Sohn lebt noch, doch der ist für Anne-Marie nur ein blöder "Mistfink", ein knochentrockener, hartherzigen Besserwisser, eine Spaßbremse, der ihr vorschreiben will, wie sie im Alter leben und wie sich ernähren soll, und der, wenn er denn einmal bei ihr vorbeischaut, als erstes in ihrer Wohnung die Heizung herunterschraubt und ihr noch ein letztes bisschen Behaglichkeit und Lebenslust rauben will. Anne-Marie erzählt das alles ungeordnet und wie ihr der Schnabel gewachsen ist, kommt von Hölzchen auf Stöckchen und schmeißt das Gestern und das Heute munter durcheinander. Ob dieser ebenso bittere wie komische, zärtliche und sentimentale Monolog ein Selbstgespräch ist oder ihre Antworten auf die Fragen von Journalisten und Teile eines fiktiven Interviews sind, bleibt unklar: Wenn Anne-Marie gelegentlich eine "Madam" und einen "Monsieur" ins Spiel bringt und anspricht, wissen wir als Leser nicht, ob die ihr wirklich gegenüber sitzen oder nur in ihrer Einbildung existieren.

Anne-Marie blickt zurück auf ihr Leben und Weggefährt*innen

Anne-Marie erzählt von ihrer Kindheit in einem französischen Provinz-Nest, von ihrer Mutter, die immer unzufrieden und nahe am Nervenzusammenbruch war, die ständig harmlose Selbstmordversuche unternahm, um sich in letzter Minute retten und lieben zu lassen. Sie erzählt von ihrem Vater, der in dumpfes Schweigen versank, aber einmal einen Fluchtversuch aus der Ehe unternahm, nach Südfrankreich abhaute und sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließ, dann aber doch reumütig nach Hause zurückkehrte. Sie erzählt von dem Provinz-Theater, in das sie sich als Kind mit all ihren Träumen flüchtete, von den Schauspielern, die ihr zeitlebens – wegen ihrer Beharrlichkeit und Bescheidenheit – als Vorbild dienten, sie erzählt, wie sie dann ihr Herz in die Hand nahm, Schauspiel- und Tanz-Unterricht nahm und es irgendwann nach Paris schaffte, aber natürlich nie über Engagements an kleinen Vorstadt-Theatern hinaus kam, wie sie zwar künstlerisch verkümmerte, aber doch jeden Auftritt in vollen Zügen genießen konnte, wie sie nachts mit den Kollegen durch die Kneipen und Bars zog. Vor allem erzählt sie von Giselle, ihrer besten Freundin, die es einfach drauf hatte, die mit lasziver Eleganz und erotischer Lässigkeit jeden Mann um den Finger wickeln konnte, die wie nebenbei und ohne jede Anstrengung den großen Karrieresprung auf die tollsten Bühnen von Paris schaffe und die herrlichsten Filmrollen bekam. Doch auch Giselle war zuletzt im hohen Alter – ähnlich wie ihre Freundin Anne-Marie – ziemlich einsam und allein, und Giselle war verbittert, wie schnell ihr Ruhm verblasst war, empört, dass sie zwar vom Kulturministerium einen Orden bekommen, diesen Orden aber aus eigener Tasche bezahlen sollte: mit dem Glanz der großen Bühnen war auch ihr Glanz und ihre Schönheit längst dahin, übrig geblieben war nur noch eine unglückliche alte Frau.

"Die glücklichsten Leben sind diejenigen, in denen nicht viel passiert"

Im Gegensatz zu Anne-Marie: denn sie ist glücklich und zufrieden, das macht ihren speziellen Charme aus und die Lektüre diesen gerade einmal 80-seitigen Monologs zu einem gewichtigen existenziellen und philosophischen Leckerbissen: Anne-Marie ist in allen ihren widersprüchlichen Gefühlen und ihren chaotischen Gedanken ein wunderbares Beispiel dafür, dass das Lebensglück nicht unbedingt nur im hellen Scheinwerferlicht und im großen Abenteuer zu finden ist, sondern oft auch in der beruhigenden Routine des Alltags, in den Gewissheiten der überschaubaren privaten Ereignisse und in den unaufgeregten kleinen Erlebnissen. "Es heißt, die glücklichsten Leben sind diejenigen, in denen nicht viel passiert", sagt Anne-Marie einmal, und zwar nicht nur, um sich selbst zu beruhigen, sondern auch um uns – die Leser – mit der Unübersichtlichkeit der Welt und unseren nie einlösbaren Träumen zu versöhnen. Yasmina Reza hat vielleicht nur ein dünnes Büchlein geschrieben, aber es ist doch ein vor Lebenslust strahlendes und – selbst in seinen melancholischen Momenten – herrlich komisches Buch geworden, eine leichthändige Lebensbilanz, die man nur allzu gern auf einer Bühne hören und sehen möchte.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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