Abraham B. Yehoshua: Der Tunnel; Montage: rbb
Nagel & Kimche
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Roman - Abraham B. Yehoshua: "Der Tunnel"

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Demenz ist eine Krankheit, die immer mehr Menschen zu betreffen scheint und die auch in der Literatur immer häufiger verarbeitet wird, wie in Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil" von 2011 oder in "Der vergessliche Riese" von David Wagner aus diesem Jahr. Abraham B. Yehoshuas neuer Roman "Der Tunnel" zeigt nun in der glänzenden Übersetzung von Markus Lemke, was Demenz im israelischen Kontext bedeuten kann.

Yehoshua gehört zu den großen älteren Stimmen der israelischen Literatur, zur Generation Yoram Kaniuks und Amos Oz', und kann auf ein umfangreiches Werk zurückblicken, in dem er oft – wie auch hier – metaphorische, wenn nicht mystizistische Assoziationsräume mit einem sehr gegenwärtigen, liebevollen Humor verbindet.

Tunnel als Assoziationsraum

Auch der Tunnel ist ein Assoziationsraum. Aber wer an die Tunnel denkt, die vom Gaza-Streifen nach Israel gegraben werden, um etwa Waffen zu schmuggeln, liegt völlig falsch. Es geht hier vielmehr um die Enge und das Dunkel, in das ein Mensch gerät, der sich seines Gedächtnisses nicht mehr sicher sein kann. Um die Unsicherheit, die tastende Fortbewegung in diesem Dunkel. Aber auch um die Hoffnung auf das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels.

Konkret geht es um Zvi Luria, einen 72-jährigen Tel Aviver Rentner, der als Straßenbau-Ingenieur in ganz Israel immer wieder mit Tunnelbau-Projekten zu tun hatte und bei dem – so beginnt der Roman – erste Anzeichen einer Demenzerkrankung diagnostiziert werden. Er wird dann, und das hat eine gewisse Komik, zum unbezahlten Assistenten eines jungen Kollegen, der ein Tunnelprojekt in der Negev-Wüste plant. Das ist zuerst eine Beschäftigungsmaßnahme, Gehirntraining, und wird dann viel mehr.

Begehren im Alter

"Der Tunnel" ist auch ein Roman über die Liebe, das Begehren im Alter. Abraham B. Yehoshua wurde 1936 in Jerusalem geboren, und er beschreibt die beginnende Demenz so, dass jede Leserin, jeder Leser sich sofort in diesen Zvi Luria hineinversetzen kann. In seine Angst, dass ihm die Vornamen von ehemaligen Kollegen oder engen Freunden entgleiten. Die Angst, sich in seiner Umgebung nicht mehr zurechtzufinden oder seiner Frau zur Last zu fallen, die eine angesehene Kinderärztin in einem Krankenhaus ist und sich nun auch um ihren Mann wie um ein krankes Kind sorgt.

Lurias Neurologe rät zur körperlichen Liebe, und wie Yehoshua das Begehren zwischen diesen lange verheirateten Menschen beschreibt, die beide an Lebenskraft verlieren, ist ungemein zärtlich. Yehoshua selbst hat das Buch seiner Frau Ika gewidmet, mit der er 56 Jahre verheiratet war und die er mitten im Schreiben des Romans verloren hat, mit den Worten "Unendliche Liebe".

Reise in die Wüste

Abraham B. Yehoshua – der wie Yoram Kaniuk, Amos Oz oder David Grossman immer wieder politisch Stellung genommen hat, für eine friedliche Lösung mit den Palästinensern, gegen den nationalistischen Kurs der israelischen Regierung – bettet die Liebesgeschichte im Schatten der Demenz in eine politische Landschaft ein. Er nimmt uns mit auf eine Reise in den Süden Israels, in die Negev Wüste, wo besagtes Tunnelprojekt in der Nähe des Ramon-Kraters realisiert werden soll.

Diese Wüste ist ein Topos in der israelischen Literatur, ein Sehnsuchtsort für ein anderes Israel, in dem der Traum von der Begrünung und Bewirtschaftung, den schon Staatsgründer David Ben-Gurion hatte, nie umfassend realisiert wurde.

Yehoshua versetzt dort eine palästinensische Familie auf ein Hochplateau: Einen Dorfschullehrer aus der Nähe von Jenin mit seinen jugendlichen Kindern, der aus dem Westjordanland flüchten musste, weil er als Kollaborateur der Juden gilt. Der ironische Dreh: Hier soll eine geheime Militärstraße gebaut werden, der junge Ingenieur plant den Tunnel aber nur wegen der Palästinenser auf dem Plateau. Denn es gibt ungeahnte Verbindungen zwischen diesem Palästinenser, dem Straßenbau-Ingenieur und auch dessen ehemaligem Kompaniechef aus der israelischen Armee.

Sie alle sind schicksalhaft, gewissermaßen wie durch verborgene Tunnel miteinander verbunden. Und am Schluss ist es ausgerechnet der demente Pensionär Zvi Luria, der die Behörden davon überzeugt, dass dieser Tunnel unter dem Plateau in der Wüste gebaut werden muss. Weil er eine Halluzination hat oder eine Erinnerung, jedenfalls ein bedrohliches Bild eines fragilen Bodens aufruft, das alle Beteiligten überzeugt. Da wird die Demenz zur Rettung.

Vom Glück des Vergessens

Tatsächlich liegt für Yehoshua in der zunehmenden Demenz eine überraschende Hoffnung. In einem von Erinnerung und Archäologie besessenen Land schafft das Vergessen für ihn Räume für Möglichkeiten, für Phantasie und das Entdecken des Anderen, Fremden. Und natürlich ist es kein Zufall, dass auch die Namen im Roman weite Assoziationsräume eröffnen: Luria etwa hieß nicht nur ein sowjetischer Begründer der modernen Neuropsychologie, auch der wichtigste Interpret der neuzeitlichen Kabbala hieß Luria.

So ist "Der Tunnel" eine wunderbare Liebeserklärung an die verborgenen Beziehungen der Dinge und Menschen durch Raum und Zeit, die vielleicht nur derjenige spürt, der sich des eigenen Vornamens nicht mehr sicher sein kann.

Natascha Freundel, rbbKultur

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