Alma M. Karlin: Einsame Weltreise © AvivA
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Roman - Alma M. Karlin: Einsame Weltreise

Vor beinahe hundert Jahren reiste eine junge Frau allein durch die Welt, ohne Geld und ohne Schutz, mit Tapferkeit und Neugier. Eine Vergnügungsreise war es nicht

Alma Karlin war gerade volljährig geworden und hatte schon einen Roman veröffentlicht, als sie beschloss, auf Weltreise zu gehen. Sie hatte kein Geld, sie war völlig allein und wohl auch ein wenig am Leben verzweifelt, als sie im November 1919 aus ihrem Heimatort Cilli (Celje) in Slowenien aufbrach. Sie war als Österreicherin geboren, nun aber Jugoslawin, und das machte es nicht leicht, an Visa und Schiffspassagen zu kommen. Es war Nachkriegszeit. Monate dauerte es, bis sie endlich von Triest aus in See stach: Nicht nach Japan, wie es ihr Wunsch gewesen war, sondern nach Peru. Die Erde ist ja schließlich rund, dachte sie sich. Sie hatte Spanisch gelernt – wie auch Französisch, Russisch, Italienisch und Englisch – und glaubte, mit diesen Kenntnissen, dazu ihrem Talent zum Schreiben und Zeichnen, werde sie ihre Reise finanzieren können.

Über acht Jahre war sie mit ihrer Schreibmaschine unterwegs und gelangte am Ende bis in die Südsee. Das vorliegende Buch ist das Protokoll des ersten Teils dieser Reise und endet – nachdem sie das ersehnte Japan und China bereist hat, auf Taiwan (das damals Formosa hieß).

Gefährliche Mannszweibeine

Bevor sie Japan erreichte, hatte sie viel Ungemach zu ertragen: Reisen im Zwischendeck war eine Zumutung, kein Vergnügen. Und dann Südamerika, als allein reisende Gringa! Ihre einsamen Ausflüge zu Fuß durch Städte und Dörfer Perus, Ecuadors und Mittelamerikas, wurden oft genug zu Hetzjagden. Sie war die Beute. "Mannszweibein" nennt sie die allgegenwärtige Gefahr, der sie auch in Schreibbüros, Hotelzimmern und sogar einmal auf dem Friedhof ausgesetzt ist, und nur mit einem vergifteten Dolch entkommen kann. Sie beschönigt nichts davon in ihrem Bericht. Und ich, als Leserin, fühlte mich sehr an meine eigenen früheren Reisen erinnert – und die Empörung darüber, ohne männliche Begleitung als Freiwild betrachtet zu werden. Warum, dachte ich damals, findet sich in keinem Reiseführer etwas darüber, welcher Grad der Belästigung und der Gefahr für Frauen an welchem Ort herrscht?

Alma Karlin jedenfalls war durch die ständige Bedrohung und mehrere schlimme Zwischenfälle sehr verstört, vermutlich auch traumatisiert.

Neugier und Rassismus

Ihr Reisebericht ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ungewöhnlich: Er gewährt auch tiefe und hoch interessante Einblicke in den Alltag ganz normaler, das heißt meistens: armer Leute. Frauen luden sie in ihre Wohnungen und Hütten ein, und Karlin fragte und fragte mit unendlicher Neugier – während die Frau arbeitete und der Mann des Hauses, wie sie erbittert anmerkt, gewöhnlich in der Hängematte döste. Doch bei allem Interesse und allem Forschungsdrang: Ihr Blick war geprägt und bestimmt von kolonialem Rassismus. Zu keinem Zeitpunkt stellte sie die Überlegenheit der weißen Rasse in Frage. So ungewöhnlich diese schreibende Weltreisende auch war, sie blieb dennoch ganz Kind ihrer Zeit.

Nur in Japan entwickelte sie wirkliche Bewunderung für eine andere Kultur: Die Kunst, das soziale Miteinander, der Buddhismus faszinierten sie ebenso wie die Landschaft. Und ihr gefiel, dass sie schlafen konnte ohne überfallen zu werden, obwohl ein Mann, nur durch eine Schiebetür von ihr getrennt, nebenan nächtigte.

Historische Spuren

Für die heutige Leserin ist dieses Buch eine historische Schatztruhe: Was Karlin beschrieben hat, gibt es so nicht mehr. Aber es gibt die Spuren noch, und nach der Lektüre dieses Buches wird man sie deutlicher sehen. Schade ist es, dass sich gegen Ende des Buches Fehler im Text häufen. Es ist zu hoffen, dass dem nächsten Band über die Südsee ein bisschen mehr Sorgfalt zuteil wird.

Katharina Döbler, rbbKultur

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