Daniel Kehlmann: Vier Stücke; Montage: rbbKultur
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Dramen - Daniel Kehlmann: "Vier Stücke"

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Daniel Kehlmann erreichte mit Werken wie "Die Vermessung der Welt" und "Tyll" eine große Leserschaft. Nach den Romanen kommen jetzt die Dramen. Interessante Note am Rande: Kehlmanns Vater war ein erfolgreicher Film- und Theaterregisseur, der unter anderem am Wiener Burgtheater inszenierte.

Wir alle kennen die kleinen Reclam-Bändchen mit den großen Bühnenstücken der deutschen Literatur. In der Schule lasen wir "Die Räuber", "Nathan der Weise" und "Iphigenie auf Tauris". Aber wer liest eigentlich zeitgenössische Dramen? Freiwillig?

Hier gibt es Gelegenheit dazu. Kehlmanns "Vier Stücke" versammelt ganz unterschiedliche Theaterwerke aus sieben Jahren, von 2011 bis 2018. Sie wurden zwar alle schon aufgeführt, haben aber gemein, dass man sie auch ausgezeichnet lesen kann.

Was der Sache besondere Würze verleiht: Daniel Kehlmann war vor zehn Jahren eingeladen, die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen zu halten; damals hatte er noch keine eigenen Stück geschrieben, nutzte die Gelegenheit aber schon mal zu einer Generalkritik am "Regietheater".

Routiniertes Gezucke und Geschrei

Die Klischees sind bekannt, sie stimmen leider oft auch: Kehlmann sprach von "Gezucke und routiniert hysterischem Geschrei" auf der Bühne, und dass immer "irgendwer mit irgendwas beschmiert" werde.

Getroffene Hunde bellen, und so war der Empörungssturm gewaltig. Kaum eine große Zeitung, in der sich nicht jemand gegen Kehlmann positioniert hätte: Kehlmann habe keine Ahnung, er wolle das Theater als bürgerliche Bildungsanstalt reanimieren, ihm schwebe ein steifer Historizismus vor, am liebsten wohl mit Reifröcken und Puderperücke.

Doch davon konnte keine Rede sein. Kehlmann hatte bloß dafür plädiert, dass das Theater wieder lernen solle, dem Autor zu dienen. Und er deutete an, dass man auch mal die Fremdheit eines jahrhundertealten Stückes aushalten müsse, statt immer gleich alles aktualisieren zu wollen.

Schon wieder ein verschrobener Mathematiker

Kehlmanns eigene Theaterstücke sind so unterschiedlich, dass sie sich schwerlich über einen Kamm scheren lassen. Das erste Stück des Bandes, "Geister in Princeton", ist vielleicht das ambitionierteste. Es beschäftigt sich mit dem berühmten österreichischen Logiker Kurt Gödel, der vor den Nazis in die Vereinigten Staaten floh. Gödel wurde von heftigen psychischen Problemen geplagt: Er glaubte, von bösen Engeln verfolgt zu werden und das sogar logisch begründen zu können.

Das kommt dem geneigten Kehlmann-Leser möglicherweise bekannt vor. Einen verschrobenen neurotischen Mathematiker gab es auch in Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt". Carl Friedrich Gauß war damals eine der beiden historischen Hauptfiguren. In gewisser Weise knüpft Kehlmann hier also an ein Erfolgsrezept an.

Eine wirklich böse Komödie

"Geister in Princeton" geht biografisch vor und lässt verschiedene Episoden aus Gödels Leben zusammenfließen. Weil Gödel nicht an die Linearität von Zeit glaubte, sind dauernd mehrere Verkörperungen von ihm im Einsatz – als Kind, als Toter, als Lebender –, die miteinander sprechen und agieren.

Das ist geschickt und auch unterhaltsam gemacht. Doch sind die karikierenden Elemente für den eigentlich traurigen Stoff ein wenig zu stark geraten. Manchmal hat man das Gefühl, eine Art anekdotischen Wissenschaftsfeuilleton zu lesen.

In "Der Mentor" ist Kehlmanns trockener, situativer Witz besser aufgehoben. Auf die Bühne gebracht wird eine Posse aus dem Literaturbetrieb, fast schon mit Loriot-Qualitäten: Genialischer Jungdramatiker trifft auf traditionalistischen Meisterdramatiker, und es fliegen die Fetzen. Eine wirklich böse, zum Brüllen komische Komödie.

Keine plakative Schwarz-Weiß-Malerei

Das brisanteste Stück, "Heilig Abend", ist ein dichtes politisches Zweipersonenstück, gottlob ohne eindimensionale politische Botschaft: Eine linke Philosophieprofessorin wird zu Heiligabend von einem Geheimdienstmitarbeiter verhört. Die Frau hat in ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen "revolutionäre Gewalt" für legitim erklärt. Jetzt wurde das Bekennerschreiben zu einem Anschlag auf ihrem Computer gefunden.

Dieser Dialog ist enorm spannend und bringt den Leser immer wieder dazu, Position zu beziehen und die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Mehr kann man von gutem Theater nicht verlangen. Es ist Kehlmann gar nicht hoch genug anzurechnen, dass er bei diesem Thema auf plakative Schwarz-Weiß-Malerei in der Figurenzeichnung verzichtet hat.

Das letzte Stück, "Die Reise der Verlorenen", präsentiert sich eher als inszenierte Dokumentation, denn als eigenständiges Kunstwerk. Viele kennen den historischen Fall, der ihm zugrunde liegt: Die Reise der "St. Louis". Das deutsche Schiff sollte im Jahr 1939 tausend jüdische Migranten nach Kuba bringen, durfte dort aber nicht landen.

Vier Stücke ohne Effekthascherei

Kehlmann setzt die Ereignisse in unzähligen Schnappschüssen um, mit über dreißig Figuren. Er hangelt sich dabei an einem populärwissenschaftlichen Sachbuch aus den Siebzigerjahren entlang. Schon wegen der Figurenfülle und der hektischen Szenenwechsel ist man froh, dass man das eigentlich fesselnde Geschehen nicht auf der Bühne, sondern schwarz auf weiß vor sich hat.

Alle vier Stücke vereint, dass sie ohne Effekthascherei auskommen. Kehlmanns Theaterarbeiten möchten unterhalten, aber sie wollen dabei keine oberflächlichen Schauwerte produzieren. Wichtiger ist es ihnen, Situationen auszuloten, manchmal auch auf die Spitze zu treiben. Das tun sie, bei aller Unterschiedlichkeit im Detail, in differenzierten, nuancierten, glasklaren Dialogen.

Eine empfehlenswerte Lektüre nicht nur für Theatergänger!

Steffen Jacobs, rbbKultur

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